Social Web: Der direkte Kontakt zum Leser

Wir haben uns sehr über das große Interesse an dem ersten branchenübergreifenden Lovelybooks-Event zum Thema ”Social Web: der direkte Kontakt zum Leser“ gefreut und möchten uns sehr herzlich bei allen Referenten und Teilnehmern für die offene und interessante Diskussion bedanken.

Die vielfältigen, teilweise auch sehr unterschiedlichen Meinungen, die ehrlichen Erfahrungsberichte und die vielen Kommentare auf der Twitterwall haben gezeigt, wie spannend das Thema Social Media für die Buchbranche ist und welche vielfältigen Möglichkeiten die Sozialen Netzwerke Autoren, Verlagen und Buchhandlungen bieten, um mit Lesern in den direkten Kontakt zu treten.

Die Vorträge und auch die Diskussionen in den Pausen haben am Freitag im Literaturhaus deutlich gemacht: es gibt nicht ”die“ eine Antwort auf die Frage, wie man im Social Web den Leser am besten und effektivsten erreicht. Autoren, Verlage, Buchhandlungen und Blogger probieren zurzeit viele unterschiedliche Sachen aus. Nicht alle Aktivitäten sind auf den ersten Blick (in Zahlen gemessen) erfolgreich. Aber alle, die das Social Web ausprobieren sind sich einig, dass die direkte Kommunikation mit den Lesern im Web zunehmend wichtig ist und man daran nicht vorbei kommt.

Leander Wattig hat in seinem Vortrag sehr klar verdeutlicht, dass im Internet qualitative Informationsfilter und persönliche Empfehlungen eine immer größere Bedeutung erhalten, wenn es für den Leser darum geht, das "richtige" Buch zu finden. Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, studiVZ und Lovelybooks ermöglichen es den Lesern, sich zu vernetzen und geben ihnen neue Kommunikationstools an die Hand. Wer in diesem Nachrichtenstrom der Menschen nicht vorkommt, spielt im Internet keine Rolle, wer nicht empfohlen wird, "existiert nicht". D.h. Autoren, Verlage und Buchhandlungen müssen Beziehungen zu Lesern auch im Netz aufbauen und diese pflegen. Nicht ganz so leicht ist es, die geeigneten Multiplikatoren zu finden oder sich selbst als Experte in den Sozialen Netzwerken zu etablieren. Auch im Netz wird nicht "jedem" User automatisch vertraut. Das Qualitätssiegel "Buchhändler" oder "Verlag", das im realen Leben gelernt ist, wird im Netz nicht automatisch auch als solches wahrgenommen. Als Experten im Netz werden oft die User anerkannt, die eine Vielzahl von "Followern" oder "Fans" haben und die sehr aktiv sind. Ihre Empfehlungen werden weitergeleitet und verbreiten sich im Netzwerk der User. Verlage und Buchhandlungen müssen sich diesen Experten- und Vertrauensstatus im Netz "neu" aufbauen, indem sie den Lesern zuhören und die Informationen und Neuigkeiten in den Plattformen zur Verfügung stellen, die den Leser im Netz interessieren. Der Social Graph der Leser wird ein wichtiger Marketing- und Kommunikationskanal der Zukunft.

Wie Verlage in den verschiedenen Sozialen Netzwerken auftreten können, hat Nina Reddemann vom Hanser Verlag anhand vieler Beispiele veranschaulicht. Neben der Frage, was den Leser denn eigentlich interessiert (Verlagsinformationen oder das einzelne Buch bzw. der Autor), müssen sich alle Verlage mit der Frage auseinandersetzen: Soll der Verlag nur unter seinem Verlagsnamen in den Sozialen Netzwerken auftreten? Oder muss ein Verlag auch für seine Autoren Facebook-Fanseiten und Twitterprofile anlegen und pflegen? Ganz klar ist, dass der Verlag immer offen kommunizieren muss, wenn die Autorenseite nicht vom Autor persönlich, sondern vom Verlag geführt wird. Frau Reddemann berichtet allerdings, dass viele User trotz eindeutiger Kommunikation dies nicht immer verstehen und meist an dem persönlichen direkten Kontakt mit dem Autor interessiert sind. Hier werden auch schnell die Grenzen deutlich, an die ein Verlag stoßen kann, der im Namen des Autors dessen Profil in den Sozialen Netzwerken pflegt: die richtige Balance zwischen relevanter Information und reiner PR/Werbung zu finden ist nicht immer leicht. Meist hilft nur ausprobieren: am Feedback der User merkt man schnell, was funktioniert und was nicht. So wird z.B. die Möglichkeit, in Facebook Veranstaltungen anzukündigen und User dazu "virtuell" einzuladen von Verlagen bisher nur vereinzelt ausprobiert aber von den Usern gut angenommen. Es scheint sich abzuzeichnen, dass "frühzeitige" Ankündigungen nicht zielführend sind, sondern die Kurzfristigkeit im Netz besser funktioniert.
Bei dem Thema, wie man mit kritischen Postings von Usern umgehen soll, sind die Meinungen nicht ganz so einheitlich. Beispiele dafür, dass auch negative Kommentare einen PR-Effekt auslösen können gibt es. Aber wo sind die Grenzen, ab denen man von seinem "Hausrecht" auf seiner Profilseite Gebrauch machen kann und User-Kommentare löschen darf bzw. sollte? Hier muss wohl jeder Verlag den für sich richtigen Weg finden. Die Mehrzahl der Teilnehmer ist der Meinung, dass man im Web auch kritische Kommentare stehen lassen muss, solange gewisse Grenzen nicht überschritten werden.
Eine weitere Frage, die sich bei von Verlagen geführten Autorenprofilen in Facebook oder Twitter stellt: wie überbrückt man die Zeit zwischen den Buchveröffentlichungen eines Autors? In Twitter kann man seine Follower schnell wieder "verlieren", wenn man nicht täglich interessante Tweets postet. In Facebook besteht eher die Möglichkeit, dass der Leser die Freundschaft nicht "kündigt" und beim nächsten Posting wieder auf den Verlag bzw. Autor aufmerksam wird. Der Vortrag von Nina Reddemann und die Diskussionen in den Pausen haben klar gezeigt, dass das Social Web den Verlagen sehr unterschiedliche Möglichkeiten bietet, sich als Experte und Informationsfilter im Netz zu positionieren. Es führt kein Weg daran vorbei: man muss es ausprobieren.

Thomas Pfeiffer von webevangelisten.de und Krimiautor Andreas Franz haben sehr kontrovers über das Pro&Contra von Twitter diskutiert. Während Thomas Pfeiffer die Vorteile von Twitter als schnelles und kurzfristiges Kommunikationstool für virales Marketing beschreibt, ist Andreas Franz ebenso überzeugend, wenn er sagt, dass ein Autor auch weiterhin einen Verlag braucht und (neben dem Schreiben von Büchern) nicht genügend Zeit hat, um sich täglich in den Sozialen Netzwerken darum zu kümmern, seine Profile zu pflegen und seinen Fans zu antworten.
Autor Marcus Rafelsberger dagegen hat die Tools Facebook, Twitter, Xing und eigene Homepage selbst sehr ausführlich ausprobiert. Interessant z.B. der Versuch, seinen Kommissar über einen eigenen Facebooks-Account mit dem Autor kommunizieren zu lassen. Für die meisten seiner Social Media Aktivitäten zieht er allerdings eine eher ernüchternde Bilanz. Das Feedback der Leser und die Weiterempfehlung im Netzwerk der User waren bislang überschaubar. Obwohl das Marketing im Social Web noch nicht zufriedenstellend funktioniert hat, ist Marcus Rafelsberger überzeugt, dass Soziale Netzwerke als Kommunikationsinstrument für Autoren in Zukunft immer relevanter werden und Autoren und Verlage die Tools aktiv nutzen müssen.

Susanne Martin von der Schillerbuchhandlung in Stuttgart findet ihre Kunden nicht in Twitter, dafür aber wichtige Branchen- und Webkontakte, die sie bislang nicht hatte. Und sie transportiert die Expertise der Schillerbuchhandlung in die Netzwerke. Susanne Martin ist überzeugt, dass sich die Zeit, die sie täglich in die Pflege der sozialen Netzwerke investiert lohnt und eigentlich nur eine Verlängerung ihrer täglichen Buchhändlerarbeit vom Laden ins Netz darstellt. Nach anfänglichem Ausprobieren hat sie einen pragmatischen Umgang mit den Social Web Tools gefunden. So wird z.B. auf der Facebook Seite der Schillerbuchhandlung jede Freundschaftsanfrage bestätigt, auf ihrem privaten Facebooks-Profil aber wird selektiert. Informationen und Ankündigungen, die nur für User im Raum Stuttgart relevant sind, werden im Netz auch nur an diese User verbreitet. Die Erfahrungen von Frau Martin und der Schillerbuchhandlung zeigen, dass es mit überschaubarem Mitteleinsatz möglich ist online- und offline- Aktivitäten der Kundenbindung zu kombinieren.

Karla Paul, Podcasterin der Buchkolumne und Lovelybooks-Kollegin, berichtet von den Beweggründen der Blogger sich mit dem Thema Bücher und Literatur zu beschäftigen: Spaß muss es machen und authentisch sein. Denn auf reine PR und Werbung reagieren die User im Netz "allergisch". Die Literaturblogs in Deutschland haben zwar bislang nicht die Reichweite, die Verlage von anderen Medien gewohnt sind. Aber die Blogger beschäftigen sich so intensiv und persönlich mit den Büchern, dass ihre Multiplikatorwirkung nicht zu unterschätzen ist, auch wenn sie bislang noch nicht mit harten Zahlen nachgewiesen werden kann.

Der Tag in Literaturhaus war eine tolle Gelegenheit sich mit vielen Kollegen über die Erfahrungen im Social Web auszutauschen und neue Ideen zu entwickeln. Wir hoffen, dass wir mit dieser Veranstaltung einen Auftakt angeboten haben, in der Branche über das Thema Social Media zu diskutieren und würden uns sehr darüber freuen, wenn dieser Erfahrungsaustausch und die spannenden Diskussionen sowohl im Netz als auch im realen Leben weiter fortgesetzt werden würde.

Die Vorträge zum Nachhören

Die Vorträge - Details

1.) Leander Wattig
Bücher und das Social Web
» Präsentation zum Download
2.) Nina Reddemann
Social Networks am Beispiel Facebook
3.) Thomas Pfeiffer
Twitter - Viel mehr als nur unnötiges Gezwitscher?
4.) Marcus Rafelsberger
Autoren im Social Web
» Präsentation zum Download
5.) Susanne Martin
Kundenbindung im Netz. Möglichkeiten für den stationären Buchhandel
» Präsentation zum Download
6.) Karla Paul
Literaturblogs - Was bewirken Multiplikatoren im Social Web?

Über den Event

Buch im Social Web Das erste branchenübergreifende Lovelybooks-Event ”Social Web: Der direkte Kontakt zum Leser“ fand am 5. Februar 2010 im Literaturhaus in München statt.

Bücher, Literatur, Autoren – das sind längst auch Themen über die sich viele Menschen in verschiedenen Social Networks unterhalten und austauschen. Der direkte Kontakt zu Lesern im Web wird für Buchverlage und Buchhändler immer wichtiger. Mit unserem Event möchten wir ExpertInnen aus der Buchbranche und dem Social Web zusammen bringen, um die Möglichkeiten und Potenziale von Social Networks für die Buchbranche gemeinsam auszuprobieren.

Die Schwerpunkte des Events:
  • Wir erarbeiten uns ganz konkret Social Web Tools, wie Facebook, Twitter und Blogs
  • Wir probieren verschiedene Werkzeuge für die unterschiedlichen Kanäle aus
  • Wir diskutieren über die Potenziale von Mundpropaganda für Bücher und Autoren im Social Web
  • Wir reden über CRM und die Wirkung von Social Media Marketing

Durch die Mischung aus Experten- Vorträgen und eigenem Ausprobieren erhalten Sie vielfältige Einblicke in das Thema Social Media. Ziel des Events ist neben Networking, Spaß und Erkenntnis vor allem eins: Wir wollen aufzeigen, mit welchen Maßnahmen Sie im Social Web den Leser direkt erreichen können und wie sich kreative Social Media-Konzepte erfolgreich in Marketingstrategien einbinden lassen.

Auf vielfachen Wunsch wurde das Event per Livestream ins Web übertragen. Ebenfalls war eine Twitterwall vorhanden, der Hashtag: #BuchSW

Das Programm

ab 09:00 Registrierung
10:00 Begrüßung Sandra Dittert - LovelyBooks
10:15 - 11:00 Was ist das Social Web?
Welche Tools sind wichtig und was hat das eigentlich mit Büchern zu tun?
Leander Wattig - contentpress
11:00 - 11:45 Social Networks am Beispiel Facebook:
Was passiert da und wie kann ich das für meine Arbeit nutzen?
Nina Reddemann - Carl Hanser Verlag
Christian Horvath - morgenjungs.com
11:45 - 12:00 kurze Pause
12:00 - 12:55 Tipps und Tricks für Facebook:
Jeden Tag nur 5 Minuten, mehr Zeit habe ich nicht dafür!
Christian Horvath - morgenjungs.com
12:55 - 13:40 Mittagspause
13:40 - 14:30 Twitter:
Viel mehr als nur unnötiges Gezwitscher. Gemeinsam probieren wir es aus
Thomas Pfeiffer - webevangelisten.de
14:30 - 15:00 Autoren im Social Web:
Was bringt es und was erwarte ich von meinem Verlag?
Marcus Rafelsberger - Autor
15:00 - 15:30 Kaffepause
15:30 - 16:00 Kundenbindung im Netz:
Möglichkeiten für den stationären Buchhandel
Susanne Martin - Schillerbuchhandlung
16:00 - 16:30 Blogger Outreach:
Was bewirken Multiplikatoren im Social Web und wie finde ich die Richtigen?
Karla Paul - Buchkolumne.de
16:30 - 17:00 Schöne Web Aussichten, Q&A
ab 17:00 Get together

Die Teilnehmer

Der Event richtet sich an Mitarbeiter aus Buchverlagen und Buchhandel, sowie intensive Webnutzer, die alle etwas gemeinsam haben: Die Leidenschaft für Bücher und Autoren!

Fakten zum Event

  • 140 Teilnehmer waren Vorort beim Event dabei.
  • Weitere 150 Zuschauer verfolgten permanent via Live-Stream den Event.
  • Über 1.500 Tweets wurden mit dem Hashtag #BuchSW versendet.
  • Hier geht es zur BuchSW Facebook Seite

Meinungen / Nachberichte im Netz

Live Twitter-Wall: (#BuchSW)

Diskussion beitreten (#BuchSW) »

Unsere Referenten

 Meral Akin-Hecke Meral Akin-Hecke
Meral Akin-Hecke ist Wirtschafts-
informatikerin und gründete ”Digitalks“, das österreichische Netzwerk für digitale Medien. Sie arbeitet als online und mobile Media Consultant und wird als Moderatorin durch das Event führen.
Susanne Martin Susanne Martin
Ist seit Oktober 1995 die Inhaberin der Schiller Buchhandlung, die sie zuvor fast 5 Jahre als Geschäftsführerin geleitet hat.
Leander Wattig Leander Wattig
Schreibt als Blogger über Trends in neuen und alten Medien und ist Consultant für neue Medien bei content-press
Marcus Rafelsberger Marcus Rafelsberger
Ist ein webaktiver Autor, der seinen Krimi "Menschenteufel" im Web 2.0 vermarktet.
Christian Horvath Christian Horvath
Morgenjungs, 9 Jahre Internet-Leidenschaft, ist Spezialist für Community Management und in der Welt des Social Media Marketings zuhause.
Thomas Pfeiffer Thomas Pfeiffer
Thomas Pfeiffer ist Medienpädagoge und Social Media Experte. Er berät Unternehmen auf ihrem Weg ins Web 2.0 bzw. Enterprise 2.0. Beides ist für ihn eng miteinander verbunden.
Nina Reddemann Nina Reddemann
Im Netzauch "ninare", Netzfischerin und digitale Nomadin und bei den Hanser Literaturverlagen zuständig für den Bereich Social Media und Onlinemarketing.
Karla Paul Karla Paul
Ist freiberufliche Journalistin für den Print- und Onlinebereich und betreibt den Buchblog "Buchkolumne". Seit Januar ist sie bei LovelyBooks für die Redaktion und Mitgliederbetreuung zuständig.
Sandra Dittert Sandra Dittert
Hatte zusammen mit einigen Kollegen die Idee, LovelyBooks zu gründen und ist die Geschäftsführerin der aboutbooks GmbH.