Ich greife zu einem Buch eines meiner Lieblingsautoren, die Erwartungen sind hoch...
und doch bleibe ich dieses Mal unberührter, unbeteiligter als bei allen Werken, die ich zuvor von ihm las.
Und ich stelle mir die Frage, warum das so ist?
War ich doch von Monsieur Ibrahim tief bewegt, gar geschüttelt, und weinte am Ende um Oskar Tränen der Empatie und des Verständnissen und der Menschenliebe. Litt ich doch im Zweiten Weltkrieg mit einem kleinen jüdischen Jungen und seinen Freunden und erfreute ich mich doch ehrlich an Mozart und seiner Musik, so eindrucksvoll in Worte der Zuneigung gegossen...
Der Autor versteht es also zweifelsohne, menschliche Gefühle: wahre, echte Gefühle durch einfache, knapp gesetzte Worte zu erzeugen. Diese Erfahrung habe ich schon gemacht und wurde bereichert dadurch!
Was ist also dieses Mal so anders?
Ich komme zu folgendem Schluss:
"Milarepa" ist nicht schlechter geschrieben als die anderen Werke von Schmitt, die sich mit Religion befassen. Nein! Die Wortstrukturen, der Aufbau der Seiten, die kurzen, prägnanten Kapitel... alles ähnelt sich doch sehr stark.
Nur spricht Schmitt, wie immer, so sehr in den Sprach-, Wort-, und Gedankenbildern, den Vorstellungen und Überzeugungen der Religion, hier dem Buddhismus, dass ich aufgrund des Inhalts unbeteiligt bleibe.
Die Identifikation fällt einfach schwerer!
Monsieur Ibrahim, Das Kind von Noah und natürlich Oskar... sie alle sprechen in mir vertrauten Bildern, beschreiben Gott so, wie ich ihn kennen gelernt habe. Die Sozialisationsgeschichte der drei großen monotheistischen Religionen ähneln sich, die Motive sind verwandt, Gott in seinem Wesen und seiner Erscheinungsweise, den Menschen zugewandt, wieder zu erkennen. Auch die Grundaussage dieser Religionen, nämlich, dass ein Mensch von sich aus nicht zur Erlösung gelangen kann, sondern nur über/durch Gott, sind gleich, äußern sich nur variiert.
Mit Milarepa begibt sich Schmitt auf die Spuren völlig anderer, für einen im Westen aufgewachsenen und geprägten Menschen fremde, Gedanken und Bilder und Überzeugungen. Eine ganz andere Welt- und Menschensicht schimmert durch dieses Werk.
Das lässt das Herz eher skeptisch reagieren, nicht böswillig, nein, instinktiv identifizieren wir uns im Unterbewusstsein eher mit Bekanntem, als mit Fremdem. Selbst, wenn wir uns für weltoffen und aufgeklärt halten, für einen Weltbürger, tolerant und frei im Denken.
Doch all das sind wir oft weniger, als wir es gerne hätten, das Kind in uns greift, in seinem Bedürfnis nach Sicherheit, auf Bekanntes zurück.
In meinem Studium habe ich mich mit dem Buddhismus beschäftigt und zugleich eine große Faszination erlebt, ein Glücksgefühl, wie ein Abenteuer, Neues zu erleben, als auch eine große geistige Hürde. Diese völlig neue, fremdartige Gedankenwelt sperrte sich oftmals meinem Zugang, einem wirklichen Verstehen. Die Erfahrung, die damals meine Ratio, mein Verstand machten, hat mein Herz heute bestätigt und mir bewiesen, dass auch meine Emotionen in meiner monotheistischen Prägung verhaftet sind.
Eine zwar kühle, aber für mich sehr augenöffnende Lektüre, die mir gezeigt hat, dass ich auf dem Weg des wirklichen Verständnisses gerade mal ein paar Schritte gegangen bin und mich, um das "Andere" wirklich verstehen zu versuchen noch viele Schritte werde gehen müssen. Was das zum Nachdenken anregen geht müsste das Buch 6 von 5 Sternen bekommen, aber da ddie Geschichte mich nicht berührte sind es nur 3 insgesamt.