Rezension verfasst vor 2 Jahren
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„Ruhig – Odette – ganz ruhig – Odette“
So beginnt „Odette Toulemonde“, eine der Kurzgeschich-ten im gleichnamigen Erzählband des französischen Autors Éric Emmanuel Schmitt. Es sind nicht immer die großen Geschichten, die von ausgesprochener literar-ischer Qualität geprägt, ein breites Publikum finden. Manchmal bedarf es eines solchen Kleinodes, um die All-täglichkeit des Lebens abzustreifen, die Seele baumeln zu lassen und der romantischen Phantasie Tür und Tor zu öffnen.
Die seit zehn Jahren verwitwete Mittvierzigerin Odette Toulemonde arbeitet als Verkäuferin im belgischen Charleroi. Gemeinsam mit ihren zwei erwachsenen Kindern, der arbeitslosen und stets missgelaunten Tochter Sue Helen und deren kaum zu ertragenem Freund Polo, sowie dem schwulen Sohn Rudy, einem Friseur mit ständig wechselnden Geschlechtspartnern, lebt sie glücklich auf engstem Raum in einer kleinen Wohnung. Um das spärliche Gehalt aufzubessern, arbeitet sie abends als Näherin für ein Theater.
Kraft und Erholung findet sie in den Schnulzenromanen des Bestsellerautors und Frauenhelden Balthazar Balsan, den sie leidenschaftlich verehrt, da er ihren tristen Alltag bereichert. Während einer Signierstunde seines neuen Buches begegnet sie völlig aufgeregt ihrem gelangweilten und frustrierten Lieblingsautor. Dieser zeigt sich völlig desinteressiert an seinen zumeist älteren Leserinnen. Mit einer kleinen Widmung im Buch reist die bescheidene Odette dennoch glücklich heim und verfasst auf Anraten Rudys einen glühenden Verehrerbrief, den sie ihrem großen Idol in den nächsten Tagen persönlich überreicht.
Aber genau dieses Buch wird von der Literaturkritik im Lande gnadenlos verrissen. Der Lebemann Balsan wird in seinem künstlerischen Talent verunsichert, sein Leben gerät aus der Bahn und der redet sich ein, seine Leser nicht mehr zu erreichen. Die Krise gipfelt in einem ge-scheiterten Selbstmordversuch und endet in der Psy-chiatrie, aus der er ziellos flieht um sich selbst zu thera-pieren. Da fällt ihm seine Fanpost ein und er findet den Brief von Odette, der nicht nur sein Leben verändern wird!
Muss Literatur einem messbaren Anspruch genügen, um zu berühren? Ist es erstrebenswert, Romane zu schrei-ben, die vom kleinen Mann und der kleinen Frau auf der Straße verstanden und geliebt werden? Diese Kurz-geschichte ist ein Plädoyer für die Einfachheit einer Er-zählung und gegen den maßlosen theoretischen An-spruch der Literaturkritik. Die Geschichte wurde im Jahr 2007 mit Catherine Frot und Albert Dupontel in den Haupt-rollen verfilmt und lief mit großem Erfolg in den franzö-sischen Kinos.
Eine besonders zum Vorlesen geeignete Sammlung von Kurzgeschichten. Das Buch öffnet Türen, lässt den Alltag vergessen und umschmeichelt den Leser wie ein leichter Seidenschal. Beim Zuhören gilt es nur, Eines zu beachten:
„Ruhig – Odette – ganz ruhig – Odette“
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