Vera ist 17 und Charlie ist tot. Vera und Charlie waren seit ihrer Kindheit beste Freunde, sie haben alles geteilt und viel Zeit miteinander verbracht. Vera dachte, dass diese Freundschaft nie zerstört werden könne, doch dann kam Jenny Flick und auf einmal war alles anders. Wieso benahm sich Charlie neuerdings so merkwürdig und wieso zählte er die Dumpfbacken der Highschool auf einmal zu seinen Freunden? Was ist nur aus Veras und Charlies Freundschaft geworden? Und was passierte in der Nacht als Charlie starb? Nur Vera kennt die Wahrheit...
King wirft den Leser direkt ins Geschehen, bevor man überhaupt weiß was los ist, befindet man sich schon auf der Beerdigung von Charlie und kann sich ein erstes Bild von dem machen, was noch auf einen zu kommt. Die Geschichte wird aus Vera's Sicht erzählt. Wir erleben Vera's Leben nach Charlies Tod in der Gegenwart, aber immer wieder schweift sie ab und erzählt Geschichten aus ihrer Vergangenheit, als alles noch gut war, als Charlie noch lebt und sie Freunde waren. Zwischendurch meldet sich auch Ken, Vera's Vater zu Wort und auch der tote Charlie darf aus dem Jenseits einige Worte verlieren. Das selbst ein Bauwerk zu uns spricht hat etwas skurriles, an den richtigen Stellen lockert diese Art zu erzählen die Spannung etwas auf, damit der Leser auch mal durch atmen kann.
Sprachlich ist "Please don't hate me" für mich ein Meisterwerk. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive erzählt, so dass es sehr einfach ist, Teil dessen zu werden was Vera erlebt bzw. erlebt hat. Es ist so als wäre man dabei, als würde man der unsichtbare Begleiter sein, der Vera auf Schritt und Tritt folgt, aber nicht eingreifen kann.
Vera, die Protagonistin, ist ein ausgesprochen interessanter und vielseitiger Charakter. Sie ist ein Mädchen mit Vergangenheit und keiner Guten, dass merkt man sofort. Vera hat eine erstaunlich nüchterne Sicht auf die Dinge, die sie oft älter wirken lässt als sie ist und manchmal kommt auch das trotzige Kind in ihr durch. Sie hat viel durch gemacht, ihr Selbstbewusstsein, dass noch nie wirklich herausragend war, schrumpft dadurch noch mehr. Der Tod ihres besten Freundes, den sie am Ende so gehasst hat, ihr strenger Vater, der es nur gut meint, die Vergangenheit ihrer Mutter, die Wahrheit, ihr Hang zum Alkoholismus, dies sind alles Dinge, die an ihr zerren und sie zu Boden reißen wollen. Doch in Vera steckt eine unentdeckte Kraft und ihre kämpferische Natur kommt zum Vorschein.
Charlie ist nicht besonders behütet aufgewachsen, sein Vater prügelt seine Mutter und schubst und kommandiert Charlie herum. Charlie hat seine eigene, für viele unverständliche, Methode mit diesen Erlebnissen klar zu kommen. Leider kommt bei Charlie Eines zum Anderen und im Teenageralter, sicherlich für niemanden eine einfache Zeit, trifft er Entscheidungen, die nicht nur ihm schaden sondern auch den einzigen Menschen verletzen, den er wohl je geliebt hat. Ich kann verstehen, dass Vera das Wort "Hass" benutzt, wenn sie an Charlie denkt. Mir fällt dies etwas schwerer, er ist einfach jemand, der zur falschen Zeit an die falschen Leute geraden ist und "Hass" ist auch ein sehr schweres Wort.
Vera's Dad, Ken, ist trockener Alkoholiker und hatte seinerzeit auch keine schöne Kindheit. Nur für Vera hat er sein altes Leben hinter sich gelassen und hat es geschafft dem Alkohol zu entsagen. Seine Frau konnte er leider nicht halten. Seit Veras zwölften Lebensjahr kümmert er sich alleine um sie. Die Trennung hat er nie richtig überwunden und klammert sich nun sehr an seine Tochter, darunter leiden beide. Ken ist mein Paradebeispiel für unsere heutige Gesellschaft, er lebt gerne nach dem Motto "Andere gehen mich nichts an, also habe ich auch nichts gesehen". So erzieht er auch gerne seine Tochter, einer seiner Lieblingssätze lautet "Kümmer dich nicht darum".
"Darf man Tote hassen?"
"Muss man verzeihen, um andere zu retten?"
"Wie viel Mut braucht die Wahrheit?"
Die drei Fragen stehen auf dem Buchrücken und regen bereits zum Nachdenken an, bevor man überhaupt eine Zeile der Geschichte gelesen hat. Nach "Please don't hate me" kann ich für mich wenigstens die letzten beiden Fragen beantworten und ich bin überzeugt, dass jeder seine eigenen Antworten findet.
Fazit
Eine berührende und ergreifende Geschichte einer Freundschaft, die zur Liebe wurde und sich durch Enttäuschungen in Hass verwandelte.