Sie ist eines, wenn nicht gar DAS beliebteste Stilmittel eines jeden Kriminalautoren: Die überraschende Wendung am Schluss. Fast alle Detektivromane des „Goldenen Zeitalters“, die sogenannte Epoche von den 20er bis 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, weisen sie auf, um ihre Leser zu verblüffen und den vorhergehenden Handlungsablauf auf den Kopf zu stellen. Dennoch sorgte aber kein anderes Werk für so viel Aufsehen wie Agatha Christies dritter Hercule Poirot-Roman (die Kurzgeschichtensammlung „Poirot rechnet ab“ außen vor gelassen) „Alibi“. Dieses Buch ist eines ihrer Meisterstücke und begründet ihren Weltruf, übertrumpft es doch alle vorhergehenden Kriminalromane, indem es in der verblüffenden Auflösung mit einigen bis dahin festgelegten Grundregeln des Genres bricht. Und es ist dieses Ende, welches „Alibi“ zu einem ihrer bekanntesten, aber auch umstrittensten Werke macht. Kurz zur Geschichte:
Das kleine verschlafene Nest King's Abbot in England ist in Aufruhr. Der Tod der reichen Witwe Mrs. Ferrars lässt die Gerüchteküche hochkochen, zumal im Dorf seit langer Zeit das Gerücht die Runde macht, sie hätte einst ihren Mann umgebracht. Anfänglich hält deshalb auch jeder ihr Ableben für einen Selbstmord. Zumindest solange, bis der noch begüterte Roger Ackroyd, ein Witwer, welcher sich mit der Absicht trug Mrs. Ferrars zu ehelichen und Zweifel an der Suizid-Theorie äußerte, brutal erstochen wird. Verdächtige gibt es nun genug. Da ist zum einen Mrs. Cecil Ackroyd, die neurotische und hypochondrische Schwägerin Rogers, welche seit Jahren durch ihren extravaganten Lebensstil große Schulden angehäuft hat und finanziell arg in der Klemme steckt. Aber auch ihre Tochter Flora, Ackroyds Sekretär Geoffrey Raymond, Ackroyds Stiefsohn Ralph Paton und der Großwildjäger Major Blunt scheinen etwas zu verbergen und eine ungewisse, dunkle Vergangenheit zu haben. Da man bei den Ermittlungen nicht weiterkommt, zieht man Monsieur Hercule Poirot hinzu, der sich vor einem Jahr aus seinem Berufsleben zurückgezogen hat und seitdem inkognito im Dorf lebt um Kürbisse züchten. Da sein treuer Freund Captain Hastings derzeit in Argentinien weilt, nimmt der belgische Meisterdetektiv diesmal die Hilfe des Landarztes Dr. Sheppard in Anspruch, aus dessen Perspektive dieser Fall auch erzählt wird.
„Alibi“ spielt einige Monate nach dem Roman „Die großen Vier“ (Nicht wie von mir in der Rezension zu „Die großen Vier“ fälschlicherweise behauptet, davor. Vielen Dank an Rezensent Emilio Largo für die Richtigstellung und Mea culpa) und präsentiert sich im gesamten Verlauf als typischer Vertreter des „Cozy“-Genres. Verschrobene Dorfbewohner, ein herrlicher Landsitz und ein ganzer Haufen düsterer Geheimnisse. Interessant ist diesmal jedoch der Aufbau. Hercule Poirots erster Auftritt lässt lange auf sich warten, was Christie damit erklärt, dass der belgische Meisterdetektiv schließlich in den Ruhestand gegangen ist. Stattdessen tut Ich-Erzähler Dr. Sheppard sein Bestes, um dem Leser alle relevanten Fakten der vergangenen Ereignisse zu präsentieren. Das dieser, wie in den meisten Christie-Krimis, sich letztendlich doch ratlos am Kopf kratzt, ist einmal mehr Beweis vom meisterhaften Können der „Queen of Crime“. Geschickt wird unsere Aufmerksamkeit abgelenkt, während direkt vor unserer Name ein Indiz nach dem anderen verschoben wird. Der geschickteste Jahrmarktspieler könnte es nicht besser machen.
Ohne Zweifel gibt es sicherlich Whodunits mit mehr Spannung und einer größeren Portin Kurzweil in der Handlung. Aber kaum einer wurde wohl je mit einer solchen analytischen Eleganz präsentiert. Geschickt legt Christie eine Reihe von Spuren zum wirklichen Mörder, wobei in diesem Fall dessen Identität allein durch die Auswahl seiner Rolle in der Geschichte hervorragend getarnt ist. Der ein oder andere Krimi-Kenner wird die Person vielleicht immer mal wieder im Blick haben, dank der vielen Zusammenhänge zwischen den Figuren aber genauso häufig am eigenen Instinkt zu zweifeln beginnen. Diese Figuren sorgen auch einmal mehr für großes Amüsement. Hier ist insbesondere die herrlich schrullige und äußerst neugierige Caroline Sheppard, die Schwester des Doktors, zu nennen, deren Liebe zum Klatsch stets aufs Neue ein Lächeln aufs Gesicht des Lesers zaubert und die zugleich auch Christie als Vorstufe für die spätere Entwicklung der Miss Marple diente.
Obwohl „Alibi“ letztlich bedeutend langsamer in Gang kommt als seine Vorgänger, macht das schlichtweg grandiose Ende dies mehr als wett. Dies bricht, wie bereits oben erwähnt, mit allen Regeln des klassischen Detektivromans und sorgte bei der Veröffentlichung des Buches im Jahre 1926 mancherorts für einen Sturm der Entrüstung. Aus heutiger Sicht kann man nur fassungslos staunen und ehrfürchtig diesen Geniestreich bewundern. Und dieser erfindungsreiche Tabubruch ist es dann auch, der „Alibi“ weit über die Masse vieler anderer Krimis hebt und einzigartig macht. Er reißt das gesamte Konzept der Kriminalerzählung aus der Verankerung und gibt ihr eine völlig neue Form. Die Idee hatten vorher sicher chon viele andere. Aber nur eine konnte sie wohl derart perfekt umsetzen: Agathe Christie – die „Queen of Crime“.
Insgesamt gehört „Alibi“ mit Abstand zu den besten und nachhaltigsten Büchern aus Agatha Christies riesigem Gesamtwerk. Ein herrlicher, klassischer Lesegenuss, an dem kein Freund des guten, alten Whodunits vorbeikommt. Schade, dass solche Romane heute nicht mehr geschrieben werde