Nein, „einer von Agatha Christies brillantesten Fällen“, wie im Klappentext der Fischer-Taschenbuchausgabe vollmundig angekündigt, ist der 16. Band aus der Reihe um den belgischen Meisterdetektiv wahrlich nicht. Das hat allerdings letztendlich weniger mit der Qualität des Buches an sich zu tun, sondern liegt vielmehr in der starken Konkurrenz aus dem „eigenen Haus“ begründet. Nach so überragenden, psychologisch ausgefeilten Vorgängern wie „Alibi“, „Mord im Orient-Express“ und „Tod auf dem Nil“, fällt „Der Ball spielende Hund“ unwillkürlich ab. Und da die eingefleischten Fans der Queen of Crime, zu denen ich mich selbst gerne zähle, zwangsläufig Vergleiche anstellen, tut sich Christies 21. Kriminalroman im Lichte der prüfenden Betrachtung etwas schwer. Der Schuss Genialität, dieses gewisse Etwas wohldosierter Raffinesse, fehlt hier, weshalb der Whodunit-Kenner wohl wenig Herausforderung und stattdessen immer wieder das gesuchte Haar in der Suppe im vorliegenden Roman finden wird. Damit jedoch genug der kritischen Nörgelei, denn allein für sich betrachtet, unterhält auch „Der Ball spielende Hund“ gut, was nicht zuletzt an der (mal wieder) äußerst verworrenen und mit richtigen „Originalen“ besetzten Handlung liegt. Diese sei hier schnell angerissen:
Berkshire, Ende April 1936. Emily Arundell, die letzte verbliebene Besitzerin von Littlegreen House, hat ihre Familie zum Osterfest geladen. Und dies nur äußerst widerwillig. Wie immer wird der Besuch der Nichten und Neffen von wenig dezenten Forderungen nach Geld begleitet, das ein Großteil der Verwandtschaft gern mit vollen Händen ausgibt. Ein jeder scheint nur zu offensichtlich Emilys Tod herbeizusehnen, was der robusten, renitenten alten Dame zwar wenig ausmacht, mitunter ihre Geduld aber auf eine harte Probe stellt. Sie sehnt sich schon das Ende der Feiertage bei, als es zu einem unglücklichen Unfall kommt. Während Emily des Nachts ihr Zimmer verlässt, stolpert sie über den Ball ihres Foxterriers Bob, den dieser gern im Spiel an den oberen Rand der Treppe legt. Den nachfolgenden schweren Sturz übersteht sie mit leichten Verletzungen. Aber von nun an macht sich Unsicherheit bei ihr breit. Hat am Treppenrand wirklich Bobs Ball gelegen? Wie kann das sein, wo sich der Terrier doch zu diesem Zeitpunkt draußen befunden hat? Emily hegt plötzlich schlimme Befürchtungen und verfasst einen Brief an Hercule Poirot, in dem sie diesen von ihren Zweifeln berichtet und um Hilfe bittet. In der Schublade vergessen, wird er erst zwei Monate später losgeschickt.
Zu diesem Zeitpunkt ist Miss Emily Arundell bereits tot. Offensichtlich des natürlichen Todes gestorben. Das gesamte Vermögen geht zur Überraschung der Verwandtschaft an die tumbe Gesellschafterin Miss Lawson. Wie es scheint, hatte die alte Arundell noch kurz vor ihrem Ableben das Testament ändern lassen. Hercule Poirot nimmt gemeinsam mit dem gutgläubigen Hastings die Ermittlungen auf und findet schnell heraus, dass es sich bei Emilys Sturz keinesfalls um einen Unfall gehandelt hat. War gar der Hund das Werkzeug für diesen Mordanschlag? Die Suche nach dem Täter gestaltet sich schwer, denn wirklich jeder scheint ein Motiv zu haben ...
Ein Landhaus, eine schrullige alte Jungfer und die unvermeidliche, neugierige Gesellschafterin. „Der Ball spielende Hund“ könnte nicht typischer die Genre-Klischees abdecken und bietet damit altbewährte Kost. Agatha Christie hat sich in diesem Fall äußerst genau an die abgesteckten Grenzen dieser Krimi-Richtung gehalten, was die Puristen unter den Sammlern klassischer Detektiv-Romane zwar freuen wird, allerdings auch zur Folge hat, dass sich das Buch in seiner Gesamtheit äußerst unspektakulär liest. Poirot, der erst im vierten Kapitel auf der Bildfläche erscheint, sucht nach und nach die Beteiligten des mysteriösen Todesfalls auf, um, jedes mal mit neuer Identität, weitere Informationen zu erhalten, welche ihm bei der Lösung dieses Rätsels behilflich sein könnten. Begleitet wird er dabei von seinem treuen Freund Captain Hastings, der hier seinen vorletzten Auftritt (der letzte ist in „Vorhang“) als Erzähler in einem Poirot-Roman hat. Von ihrem Zusammenspiel, und den herrlich amüsanten Dialogen lebt die Handlung. Überhaupt sind es die Figuren, welche für die nötige Unterhaltung beim Leser sorgen (Herrlich, die geschwätzige und schlaue Miss Peabody!) und in diesem Fall durch den Terrier Bob komplettiert werden. Seine Gedankenwelt hat Christie ebenfalls offen gelegt, was besonders in den Passagen zum Schmunzeln verführt, in denen ersichtlich wird, welch geistig verwandte Seelen Hastings und Bob sind.
Soviel zum Thema Amüsement: Der eigentliche kriminalistische Plot kann leider an dieser Stelle nicht ähnlich überzeugen. Sensationelle Wendungen oder Überraschungen fehlen, vielleicht abgesehen von der Auflösung am Schluss, gänzlich. Stattdessen verfolgt man ähnlich ungeduldig wie Hastings das Sammeln von Informationen, wobei besonders die vielen Zeugengespräche mit den Beteiligten auf Dauer ermüden. Wo sonst gerade diese Passagen immer wieder neue Details zu Tage fördern und für Gänsehaut sorgen, drohte mir hier der Lesespaß etwas verloren zu gehen. Als Kenner von Christies Werken ist es zudem ein Leichtes, den wahren Täter relativ zügig zu identifizieren. Wer die Vorgehensweise in den vorherigen Poirot-Romanen genau verinnerlicht hat, lässt sich dieses mal nicht so leicht auf die falsche Fährte führen. Das mag allerdings nicht für den Gelegenheitsleser gelten, der die gezielten Ablenkungen nicht als solche bemerkt und letztendlich ähnlich überrascht wie der gute Hastings die abschließenden Erklärungen Poirots in trauter Runde verfolgt. Und die sind so genial wie eh und je.
Insgesamt ist „Der Ball spielende Hund“ ein unaufgeregter, geradliniger Whodunit ohne Ecken und Kanten, der aus Christies riesigem Gesamtwerk zwar kaum heraussticht, aber dennoch für einige Stunden der Zerstreuung bestens taugt. Und Hastings wird mir zweifelsohne fehlen.