Inhalt:
Zehn Menschen werden – mit den unterschiedlichsten Begründungen – auf eine einsame Insel mit dem Namen „Nigger Island“ berufen. Die Insel hat einst einem Multimillionär gehört, der darauf einen sehr vornehmen, luxuriösen Landsitz erbaut hat, die Insel dann jedoch verkauft hat. Nun sind die verschiedensten Gerüchte in Umlauf, wer wohl der geheimnisvolle Käufer sein mag. Man weiß lediglich, dass es sich um einen Mr. U. N. Owen handelt. Als die Mitglieder der „eigenartig zusammengewürfelten Gesellschaft“ (S. 30) durch eine besprochene Schallplatte allesamt eines Mordes beschuldigt werden, wird klar – hier geht irgendetwas nicht mit rechten Dingen zu! Jemand weiß über die düsteren Geheimnisse Bescheid, die jeder der zehn Anwesenden mit sich herumträgt. Als auf der Insel die ersten Mordfälle auftreten, wird klar: Der ominöse Mr. Owen muss dringend gefunden werden!
Die bizarren Morde sind angelehnt an den alten Kinderreim „Zehn kleine Negerlein“, der in jedem der Gästezimmer an der Wand hängt. Außerdem verschwindet nach jedem Mord eine der anfangs zehn Porzellanfiguren, die im Esszimmer auf dem Tisch stehen. Da die Insel wegen eines Unwetters komplett von der Außenwelt abgeschnitten ist, müssen die Anwesenden davon ausgehen, dass einer von ihnen für die grausamen Morde verantwortlich ist. Und so wächst das gegenseitige Misstrauen, es wird wild spekuliert und alle Eventualitäten werden durchgegangen, während ein „Gast“ nach dem anderen auf perfide Weise das Zeitliche segnet. Den Überlebenden ist klar, dass der Täter dringend gefunden werden muss, denn er wird nicht ruhen, bis auch der letzte von ihnen für seine Untat gesühnt hat…
Meine Meinung:
Agatha Christie, die „Queen of Crime“, übertrifft sich hier mal wieder selbst. Ich bin sehr angetan von diesem genial konstruierten Kriminalroman, der mich konstant und gänzlich ohne Längen in Atem hielt. Das Ende war für mich alles andere als vorhersehbar und hat mich sehr erstaunt. Und doch erscheint die Auflösung logisch und glaubwürdig, was bei einer solch komplexen Geschichte schon bemerkenswert ist.
Der Leser erhält Eindrücke von den Gedanken und Gefühlen der einzelnen Charaktere – und doch bleibt jeder auf seine Weise geheimnisvoll und mysteriös, so dass auch ich während des Lesens geneigt war, niemandem zu vertrauen. Natürlich waren mir einige der Figuren sympathischer als andere, mit manchen konnte ich mich besser identifizieren als mit anderen, aber dennoch konnte ich beim Miträtseln keinen der Überlebenden als Täter ausschließen.
Sehr gut gefallen haben mir die unheimliche Stimmung und das unterschwellige Grauen, die sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen. So konnte ich als Leserin die Angst der Figuren zumindest ein wenig nachempfinden, in dieser ausweglosen Situation, gefangen auf einer Insel, offenbar mit einem mordlustigen Irren. Agatha Christie stellt sehr überzeugend und mit psychologischem Geschick das wachsende Misstrauen zwischen den zehn Anwesenden dar – bis zum Schluss niemand mehr irgendjemandem traut. Zwar werden Zweckbündnisse eingegangen, aber genauso schnell wird wieder „Verrat“ begangen, denn in einer solchen Extremsituation ist dann doch jeder sich selbst der Nächste. Hinzu kommen noch die Schuldgefühle der Menschen, denn obwohl ihre Morde juristisch nicht nachgewiesen und belangt werden können, haben sie doch schwere Schuld auf sich geladen. Dies und die Todesangst der Betroffenen machen den Roman auch aus psychologischer Sicht sehr spannend und interessant, zumal die Autorin uns am Innenleben der Figuren reichlich teilhaben lässt.
Fazit: Dieser geschickt konstruierte Krimi ist meiner Meinung nach unbedingt empfehlenswert für ein paar spannende Lesestunden. Die geschickt konstruierte Handlung und die überraschende Auflösung machen das Lesen zu einem gänsehautintensiven Lesevergnügen.