Leser-Rezension zu „Die Lady im Lieferwagen” von Alan Bennett
am 29.09.2009
Da ich hier die erste Rezension überhaupt zu diesem Buch verfasse, will ich mir Mühe geben!
Bevor ich dieses Buch kaufte, besaß ich schon zwei Bücher von Alan Bennett, nämlich "Die souveräne Leserin" und "Così fan tutte", beide strotzend vor britischem Witz und schrägen Episoden. Ähnliches habe ich auch hier erwartet, aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt!
Mir war nicht bewusst, dass es sich um autobiographische Geschichten handelt, und davon auch noch gleich 4 Stück an der Zahl. "Die Lady im Lieferwagen" hatte ich beinahe halb durch, bevor mir dämmerte, dass das Erzählte ECHT war....! Allerdings wundert mich nun gar nichts mehr, was den Humor dieses Autors angeht. Wer SO etwas erlebt hat, MUSS sich mit trockenstem Witz über Wasser halten, oder er verzweifelt am Leben.
Doch gehen wir der Reihe nach vor.
Die erste Geschichte, "Die Lady im Lieferwagen", berichtet von Ms. Shepherd, einer Art Stadtstreicherin und Lebenskünstlerin, die über 15 Jahre lang im Garten des Autors in einem Lieferwagen kampierte (!). Der Autor hat hier eigene Tagebucheinträge aus dieser langen Zeit zusammengetragen, die ein lebhaftes Kaleidoskop an Bildern und wahrhaft schrägen Situationen abgeben. Diese Lady hatte es in sich: ihr Leben war ein Chaos, und doch verlor sie niemals ihre Würde, und vor allem ihren Willen! Sehr bewundernswert, so dass man sich fragt, was eigentlich ein zufriedenes Leben ausmacht. Durch und durch warmherzig und witzig geschildert.
Die zweite Geschichte, "Der Verrat der Bücher", ist inhaltlich schwerer zu fassen. Stilistisch ist es eher eine Art Glosse, wie sie in gehobenen Zeitungen auf Seite eins oder zwei erscheint. Sie trägt zahlreiche Episoden aus dem Leben des noch jungen Alan Bennett zusammen, der hier den Schluss zieht, dass man Literatur doch nicht mit dem wahren Leben vergleichen kann. Er zeichnet darüberhinaus ein sehr berührendes Porträt seiner Eltern, und ihres Verhältnisses zu Büchern. Obwohl dies die kürzeste Geschichte ist, empfand ich sie als die aussagekräftigste und persönlichste.
Danach folgt "Die Straßenbahnen von Leeds". Hier bringt es der Autor fertig, anhand einer poetischen Schilderung eines Alltagsgegenstandes, eben der Straßenbahnen seiner Heimatstadt Leeds, ein Gefühl der Nostalgie zu beschwören. Alles ändert sich, und zwar nicht immer zum Besseren.
Die letzte Geschichte, "Onkel Clarence", erzählt vom früh im ersten Weltkrieg verstorbenen Onkel des Autors, den er nie kennengelernt hat. Die Familie macht sich eines Tages auf die Suche nach dem Grab des Onkels in Belgien, an der ehemaligen Front. Und was dem jungen Alan dabei durch den Kopf geht, ist teils berührend, teils aber auch sehr, sehr bissig und böse - und lässt dem Leser das Lachen im Halse stecken bleiben angesichts der Absurditäten des Krieges.
***
Mein Fazit:
Hier lernt man den Autor Alan Bennett einmal von seiner persönlichsten Seite kennen. In Geschichten, Vignetten und Glossen beleuchtet er seine Kindheit, seine Haltung zu Erinnerungen, Jugend und Krieg, und seine Art, mit schwierigen Situationen heiter-gelassen umzugehen.
Die Kürze und leichte Lesbarkeit der Texte ist dabei jedoch trügerisch! Obwohl ich das Buch an einem Abend durchgelesen hatte, werde ich es mir sicherlich noch öfter vornehmen. Denn dies sind Geschichten der leisen Töne, deren Poesie sich sicher nicht im Hauruck-Verfahren erschließt.
Wer lustige Romane erwartet à la "souveräne Leserin", wird möglicherweise enttäuscht werden. Wer sich aber dafür interessiert, aus welchen Quellen sich Alan Bennetts Humor und Weltsicht speist, der ist hier richtig.

