Leser-Rezension zu „Der Fall” von Albert Camus

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BertieWooster BertieWooster
Verfasst von BertieWooster
am 11.02.2010
 

Man stelle sich vor, man geht als Tourist in eine Bar in Amsterdam, um sich dort vielleicht von einer anstrengenden Besichtigungstour zu erholen oder einfach um sich zu amüsieren. Auf einmal lädt einen dort ein etwas heruntergekommener Herr zu einem Glas Wacholder (einem geistigem Getränk) ein. Als höflicher Mensch sagt man nicht nein. Der Gastgeber beginnt nun seine Lebensgeschichte zu erzählen, wie es ihn, einen erfolgreichen pariser Rechtsanwalt, nach Amsterdam verschlagen hat. Zunächst denkt man, was für ein Schwätzer, wenn er von seinem Leben in Paris erzählt, von einem Leben als „Gutmensch“, der sich bemüht stets höflich und zuvorkommend zu sein. Ja mehr noch er möchte mit guten Taten glänzen, wenn er Blinden über die Straße hilft, auch wenn er dabei andere dabei wegdrängen muss. So ist es mir am Anfang von Albert Camus Buch „Der Fall“ gegangen. Als Leser wird man in die Rolle des Zuhörers von Johannes Clamans Geschichte. Aber bald gerät man in den Bann seiner Erzählung, denn gibt es nicht die ein oder andere Parallele zur eigenen Lebensgeschichte? Eigentlich hätte Clamans mit seinem Leben in Paris zufrieden sein können. Er beginnt jedoch seine Handlungsweise zu analysieren. Warum macht er das alles? Sein Schluss: purer Egoismus. Die Hilfe für andere, sei es als Rechtsanwalt oder als Blindenführer, macht er nur, um vor anderen im guten Licht zu erscheinen. Dies ist jedoch noch nicht der Grund für den Fall, sondern soll lediglich die Höhe des Falls anschaulich machen. Er hat also ein „perfektes Leben“, er hält sich fast für unverwundbar, er könnte alles erreichen, wenn er nur möchte. Dann geschieht jedoch ein Vorfall, der gerade zeigt, dass er nicht unverwundbar ist. Dies ist ein Auslöser noch mehr über sich und sein handeln nachzudenken. Vielleicht befindet er sich ja auch in einer Mitt-Lebens-Krise. Ein Frage steht im Raum, die er aber nicht laut ausspricht. Was ist eigentlich der Sinn seines Lebens? Ist es die Liebe, die Ausschweifung, die Freiheit? Alles wird von Clamans erörtert, bis er für sich zu einer Lösung kommt, er wird Buß-Richter. Was das ist? Das erfährt der Leser erst zum Schluss des Buchs, mit noch einer überraschenden Aufklärung über den Sinn seiner Erzählung.
Das Buch ist die Roman-Form des Essays vom „Mythos des Sisyphos oder ein Versuch über das Absurde“. Camus gelingt es, dass man durch die Erzählung Clamans sein eigenes Leben zu überdenken beginnt. Eine „Selbsterkenntnis“, wie sie Clamans erfährt, muss jedoch nicht notwendigerweise dazu führen, dass man selbst zum Buß-Richter werden muss. Der Rowohlt-Verlag hat nur eine schöne kleine Sonderausgabe dieses Romans herausgebracht, ideal zum Lesen im Zug aber auch im Café oder wo anders.
Es bleibt die Frage ist der Gorilla an der Bar in Amsterdam vielleicht wirklich einer?

 

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Der Fall Der Fall
Albert Camus

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Der Fall
von Albert Camus

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