Im Jahre 1942 veröffentlicht, gehört "Der Fremde" von Albert Camus unumstritten zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur. Mit ihm gelang dem Autor nicht nur der schriftstellerische Durchbruch, er sorgte damit auch für eine Sensation im damals besetzten Frankreich. Die Geschichte vermag auch mehr als sechzig Jahre später noch in den Bann zu ziehen und stellt eine Reihe von Fragen, die der Leser für sich beantworten muss und nicht immer beantworten kann.
Der "Fremde" in diesem Buch ist ein junger Franzose namens Mersault. Ein einfacher Büroangestellter, der in Algier das Leben eines gewöhnlichen Junggesellen führt. Mit ihm zusammen begeben wir uns zur Beerdigung seiner Mutter, verfolgen wir die beginnende Liebesaffäre mit Marie und werden Zeuge eines Mordes durch seine Hand an einem Araber samt abschließendem Prozess vor Gericht. Eine einfache Zusammenfassung einer Geschichte, die, so einfach sie sich auch anhört, einen Tiefgang aufweist, der erst bei näherem Blick ersichtlich wird.
Mersault reagiert auf all diese Ereignisse nicht so, wie man es erwarten würde, denn er tut nichts, bleibt gleichgültig, verharrt in einer Passivität, welche Willen- und Hoffnungslosigkeit zeigt. Sein Leben scheint eine Abfolge von Banalitäten zu sein, da nichts und auch niemand seine Begeisterung weckt. Mersault lässt sich treiben, nimmt sein Schicksal hin, ohne Anteil daran zu nehmen und scheint seine Existenz nur aufgrund dieser Ziellosigkeit ertragen zu können. Der skurrile Mord am Araber ist somit dann auch nichts anderes als der Höhepunkt dieser persönlichen Tristesse. Verhaftung, Verhör, Gefängnis, Prozess. Sie bewirken keine emotionale Veränderung in Mersault, der bis zum Schluss von seiner moralischen Haltung nicht abweichen kann und will, und dafür schließlich, mehr noch als für seine Verbrechen, verurteilt wird.
Albert Camus' Erzählung "Der Fremde" besticht durch einen nüchternen, leidenschaftslosen Ton, welcher die Charakterzüge des Ich-Erzählers widerspiegelt und es so wirken lässt, als würden die Ereignisse weniger geschehen, sondern vielmehr über die Seiten treiben. Und genau dies ist von fundamentaler Bedeutung für die Intention des Textes und seine später vieldiskutierte Beziehung zur Philosophie des Existentialismus. Das akribische Bemühen des Autors um stilistische Einfachheit führt dazu, dass die Geschichte sowohl dem Alltäglichen als auch dem Märchenhaften verhaftet zu sein scheint, und es letztendlich dem Leser überlassen bleibt, diese Mehrdeutigkeit zu entschlüsseln. Bei der Beschreibung des Protagonisten, der bar jeder konventionellen Selbstkontrolle handelt, legt Camus eine schier unerschütterliche Disziplin an den Tag. Und er malt dabei gleichzeitig eine erschreckende Vision von einem Leben, das erwartungs- und ereignislos zu verstreichen droht, das sinnentleert und ohne Inhalt ist. Es ist diese düstere Stimmung, diese grundlegende Gleichgültigkeit, welche mich nachdrücklich beeindruckt und beschäftigt hat. Und es stellen sich Fragen: Ist die Zielstrebigkeit und der Ehrgeiz der heutigen Zeit erstrebenswert? Gibt es für die Hoffnung einen Lohn im Jenseits? Letztendlich kann ich Christian Stahls Aussage nur unterschreiben, der sagt: "Man wird lange suchen müssen nach einem Roman, in dem eine Philosophie ähnlich elegant und überzeugend in Literatur verwandelt wird." Dem ist nichts hinzuzufügen.
Insgesamt ist "Der Fremde" eine erschreckende, eine schöne, traurige und witzige Geschichte, welche die Grundlage für Camus' Sicht des Absurden darstellt - einen Begriff, den er in seinen späteren Werken aufgreifen und weiterentwickeln wird. Eine absolut lohnenswerte Lektüre und ein Klassiker, den man unbedingt gelesen haben darf. Mindestens einmal.