Leser-Rezension zu „Pandora im Kongo” von Albert Sánchez Piñol
am 8.12.2010
Pinols erster ins deutsche übersetzte Roman Im Rausch der Stille hat mich so berührt und beeidnruckt wie schon lange kein Buch mehr. Um so gespannter war ich auf Pinols zweites Buch. Leider konnte es die hohen Erwartungen, die das erste Buch in mir erweckt hatten, nicht ganz erfüllen, auch wenn es ein gutes Buch ist.
Auch in seinem zweiten Roman widmet sich der Anthropolge Pinol dem Kolonialismus, seinen Vorbedingungen und Auswüchsen. Die meandernde Erzählung beginnt zunächst in London. Thommy Thompson arbeitet als "Neger", das heißt als Ghostwriter für einen anderen Schriftsteller, der wiederum für einen anderen Schriftsteller arbeitet. Sein Arbeitgeber wird auf mystheriöse Weise ermordert, leider verfolgt Pinol diesen Erzählstrang nicht weiter. Häufig werden Fäden der Erzählung einfach nicht weiterverfolgt - eine der Schwächen des Buches. Auf der Beerdigung lernt Thommy einen Anwalt kennen, der einen ungewöhnlichen Auftrag für ihn hat. Er soll die Geschichte von Marcus Garvey aufschreiben, der des Mordes an zwei Brüdern verdächtigt wird. Garvey erzählt ihm die Geschichte seines Lebens. Gemeinsam mit den Brüdern Richard und William reiste er in den Kongo, um nach Gold zu suchen. Die Brüder zeichneten sich durch rücksichtlose Gewalt gegen die einheimische Bevölkerung aus, die sich am Ende gegen sie selbst wendete.
Der Kongo, das ist in Pinols Roman ein Ort des Grauens, aber auch ein Ort der Faszination, an dem Fakt und Fiktion, Realität und Phantasie ineinander über gehen. Marcus und den Brüdern begegnet auf der Reise an merkwürdiges Volk, dass weiß ist und deren Mitglieder sechs Finger hat. William und Richard für die Gewalt der einzige Lösungsweg ist, bekriegen sich mit diesem Volk. Marcus verliebt sich jedoch in ein Mädchen, das den Tektonern angehört.
Der Kongo ist in diesem Roman jedoch nicht nur ein Ort, sondern eine Zustandsbeschreibung des Menschen. Pinols Roman wird von einem zutiefst pessimistischen Menschenbild getragen. Die Moderne zeichnet sich durch Gewaltbereitschaft und Rücksichlosigkeit aus. Ein Gefühl der Überlegenheit rechtfertigt jedes Verbrechen, vor allem die Ausbeutung des Schwächeren.
In dieser Grundaussage, aber auch in einigen Handlungsbestandteil ähndelt dieses Buch Pinols erstem Roman sehr stark, für meinen Geschmack manchmal zu stark.
Ansonsten ist es jedoch ein gut geschriebenes Buch mit einer spannenden Erzählung mit vielen unerwarteten Wendungen und eine interessante Studie des Kolonialismus.
Wolfgang Pampel liest mit ruhiger, angenehm sonorer Stimme. Seine Sprechweise ist unaufgeregt und bildet darin einen effektiven Kontrast zu den häufig grausiger Szenen des Romans. Nach diesem Sprecher werde ich in Zukunft Ausschau halten.

