Rezension verfasst vor 1 Jahr
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50 Jahre deutsche Geschichte aus dem Blickwinkel einer griechischen Einwandererfamilie - ein gelungener Beitrag zum „Anti-Sarrazinimus“
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„Es war schon dunkel, als ich durch Vorstadtstraßen heimwärts ging. Da war ein Wirtshaus, aus dem das Licht noch auf den Gehsteig schien. Ich hatte Zeit und mir war kalt, drum trat ich ein. Da saßen Männer mit braunen Augen und mit schwarzem Haar, und aus der Jukebox erklang Musik, die fremd und südlich war. Als man mich sah, stand einer auf und lud mich ein. Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde. Komm', schenk dir ein und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran, dass ich immer träume von daheim.“ (Udo Jürgens)
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„Griechischer Wein“ könnte auch als Einladung in das Karlsruher Restaurant „Der Grieche“ verstanden werden. Leider hat „Der Grieche“ 2009 seine Türen für immer geschlossen. Seit September dieses Jahres kann jeder der mag und lesen kann, noch einmal Gast in dieser freundlichen, offenen und gemütlichen Taverne werden, in der eine Standardpenisgröße für griechische Heldenstatuen und der Gratisouzo eingeführt wurden. Einer der Söhne des Wirtes, Alexandros Stefanidis - Journalist bei der SZ, hat die Geschichte des Restaurants, die so eng mit der Biografie seiner Familie verbunden ist, in einem Roman verarbeitet.
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Anfang der 60er Jahre entscheidet ein Zentimeter fehlende Körpergröße darüber, dass Christo Stefanidis nach Deutschland, anstelle nach Brasilien, einwandert. Er arbeitet zunächst bei Bosch in Stuttgart, holt später seine Frau und Schwiegermutter nach Deutschland. 1970 eröffnet er in Karlsruhe eines der ersten griechischen Restaurants in Deutschland, welches ganz offensichtlich zur Institution in Karlsruhe wurde. Namhafte Politiker, Anwälte des Bundesverfassungsgerichtes, Studenten und ganz „gewöhnliche“ Ottonormalverbraucher waren gern gesehene Gäste im „griechischen Wohnzimmer“.
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Alexandros Stefanidis reflektiert die Erinnerungen und Geschichten seines Vaters, welche natürlich stark durch den Betrieb der Taverne geprägt sind. War es in den 70er Jahren noch ein politisches Statement beim Griechen zu essen, scheint der Reiz der griechischen mediterranen Küche in den 90er Jahren verflogen, „der Gyros Teller verlor den Wettstreit gegen den amerikanischen Hamburger und den türkischen Döner.“ Wer nun denkt, es handelt sich bei diesem Roman ausschließlich um Ouzo und Retsina getränkte, langweilige Thekengeschichten, der irrt gewaltig, denn Stefanidis blickt gleichzeitig auf die Entwicklung der deutschen Geschichte zurück, beleuchtet das Leben in unserer Gesellschaft aus der Sicht einer Einwandererfamilie und spart dabei (und das ist gut so!) nicht mit kritischen Tönen. Ich war mehrmals beim Lesen der Geschichten peinlich berührt und habe mich stellvertretend für einige der deutschen Gäste in dieser Taverne geschämt.
Die Biografie der Familie Stefanidis enthält einige Irrwege und Krisen. Liebe, Verständnis, Vergebung, Toleranz, Respekt und starke Persönlichkeiten halten ihren Verbund auch in schlechten Zeiten zusammen. Ich habe ein spannendes, weises, humor- und liebevolles Portrait einer griechischen Familie in Deutschland gelesen, dass passgenau in einer Zeit erschienen ist, in der in Deutschland eine beschämende und besorgniserregende Debatte über Integration entfacht ist. Für mich ist „Beim Griechen“ ein wichtiger Beitrag zum Anti-Sarrazinismus. Efcharisto poli, Alexandros Stefanidis und liebe Grüße an den Herrn Papa, gern wäre ich auch mal zu Besuch in "Der Grieche" gewesen und in Genuss dieser so herrlich von Ihnen beschriebenen Gastfreundschaft gekommen.
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