Leser-Rezension zu „Die Rote” von Alfred Andersch
am 3.10.2011
Franziska flieht Hals über Kopf aus ihrer Ehe mit einem erfolgreichen Vertreter. Nur mit sehr wenig Geld ausgestattet, treibt es sie ausgerechnet in das im Winter ungastliche Venedig. Hinzu kommt noch, dass sie eine Schwangerschaft vermutet. Fabio Crepaz ist die zweite Hauptperson. Ein Revolutionär, nun ein einfacher Musiker im Angestelltenverhältnis, versucht sich gegen eine gewisse Gleichgültigkeit zu wehren, indem er seine Existenz und seine Vergangenheit auf verschiedenen Ebenen zu hinterfragen versucht. Auf ihrer schwierigen Standortbestimmung lernt Franziska einige Leute kennen, wird in ein Drama zwischen einem deutschen Kriegsverbrecher und seinem Verfolger als ungewollt Beteiligte verwickelt. Zum Schluss kreuzen sich die Wege von Franziska und Fabio.
Andersch hat in dieser überarbeiteten Version das Schlusskapitel weggelassen, um es dem Leser zu ermöglichen, sein eigenes Ende zu konstruieren. Was in vielen Fällen als kalkuliertes Stilmittel misslingt, klappt hier ganz ausgezeichnet.
Andersch hat in diesem Roman eine Fülle von Gedanken und Betrachtungen eingebracht. Seien es politische, soziale oder künstlerische Aspekte, niemals verliert er den Faden der Handlung, nie den Kontakt zu seinen Protagonisten. Dicht und bildhaft kommen die Ansätze daher, es gibt kaum eine Gelegenheit, kurz innezuhalten, zu verwoben sind Handlung und Gedankengänge. Die Beteiligten werden nicht nur durch ihre prägnante Beschreibung so deutlich, sondern auch in der Art, wie sie sich charakterlich darstellen. Ganz nebenbei erhält man auch noch einen mehr als treffenden Eindruck von der Tristesse Venedigs, wenn der Glamour der Stadt von einem unwirtlichen Winter bedeckt wird. Ein Meisterwerk!

