Leser-Rezension zu „Sansibar Oder Der Letzte Grund” von Alfred Andersch
am 3.11.2011
"In der kleinen Stadt an der Ostsee treffen zufällig sechs Gestalten zusammen: Der Junge; Gregor, der KPD-Funktionär; Judith, die Jüdin; am Ort selbst befinden sich Pfarrer Helander; Knudsen, der Fischer und Kutterbesitzer; als letzter die Holzplastik des lesenden Klosterschülers. Und die sechs Gestalten haben kein anderes Anliegen, als Deutschland zu verlassen. Anderschs großes Buch von Sansibar ist Mißtrauensvotum ersten Ranges gegen unser behäbig-aufgeblasenes Volk der Mitte. " - so steht es bei Amazon, wo ich mir das Buch bestellt habe, weil wir es zur Zeit im Deutschunterricht durchnehmen.
Mir persönlich hat das Buch nicht sonderlich gefallen und ich musste es mir sogar einteilen, um es rechtzeitig zu schaffen, weil es mich einfach nicht gefesselt hat. Jeden Tag zwischen 16:00 und 18:00 Uhr drei Kapitel.
Aber jetzt bin ich durch und will meine Meinung abgeben.
Was ich eigentlich originell finde, ist, dass die Kapitel jeweils eine (am Anfang), oder mehrere (ein bisschen später, wenn sie sich kennen gelernt haben) Person/en beschreiben. So lernt man sie Stück für Stück kennen und verstehen. Außerdem kann man nicht einfach ein Kapitel überspringen - obwohl es mich schon häufig in den Fingern gejuckt hat -, weil man sonst später Verständnisprobleme bekommen könnte. Gezwungenermaßen muss man sich also durchkämpfen.
Auch interessant finde ich den Jungen, dem jedes zweite Kapitel gehört, die aber meist kürzer als die anderen sind. Um ihn besonders hervorzuheben, sind seine Kapitel sogar kursiv gedruckt und er ist auch die Verbindung zum Titel.
Obwohl die Charaktere einzigartig für sich stehen, haben sie mir - bis auf den Jungen - allesamt nicht gefallen. Vor allem Knudsen, der Fischer. Er liebt seine verrückte Frau Bertha über alles und aus Angst, dass sie abgeholt wird, flieht er nicht aus Deutschland. Zwischendurch spielt er immer wieder mit dem Gedanken und irgendwie erscheint mir diese ach so innige Beziehung zu seiner Frau eher gekünstelt.
Helander, der Pfarrer, ist überaus gläubig und hegt ab und an mal den Gedanken an Selbstmord und macht sich ziemlich große Sorgen um seine Plastik vom lesenden Klosterschüler, der abgeholt werden soll.
Diese beiden mag ich persönlich am wenigsten, weil sie mich nicht überzeugen.
Judith, die Jüdin, mag ich von ihrer Art her nicht. Irgendwie schafft sie es nicht, mein Mitleid zu erwecken, sie ist mir einfach unsympathisch; von ihrer Verhaltensweise her. Einerseits hat sie Angst und will fliehen, sobald es aber irgendwie gehen könnte, wird sie kindlich und unsicher. Ja, klar, ist sie jung und alles, aber ich verstehe sie einfach nicht.
Nya, ich will jetzt nicht meinen Unmut über die Charaktere loslassen. Worauf man sich bei dem Buch vorbereiten sollte, ist das Fehlen jegliches An- bzw. Ausführungszeichen, sodass man nicht erkennt, wenn jemand etwas sagt und wann es zum denken übergeht, was den Lese"fluss" zumindest bei mir ganz schön stört.
Außerdem finde ich, dass die Nazis und alles Dazugehörende irgendwie verharmlost werden. Ja, sie sind der Grund für die ganzen Fluchtwünsche, ich weiß, aber so richtig aktiv finde ich nicht, dass sie als überaus gefährlich dargestellt werden. Es kommt mir vor, als würde Andersch ziemlich kindlich versuchen, ein Bild von der Zeit der zweiten Weltkrieges, vor allem der Judenverfolgung vermitteln zu wollen, aber das gelingt ihm (zumindest bei mir) überhaupt nicht.
Das Fehlen jeglicher Spannung hilft auch nicht wirklich dabei, Gefallen an dem Buch zu finden.
Die schlechteste Schullektüre, die wir jemals hatten.
Wer nicht gerade übermäßig Platz und Geld zu verschwenden hat, könnte es sich mal in einer Bücherei ausleihen oder im Buchladen kurz durchblättern. Aber auf keinen Fall sofort kaufen!

