Sie ist die Kunst mit der stärksten Ausdruckskraft. Die Musik. Nicht einmal die Sprache mit ihrer Vielfältigkeit kann sich mit ihr messen lassen - angesichts der unendlichen Möglichkeiten der Musik und der Töne, Gefühl und Gedanken zu äußern. Haben doch Worte nur eine begrenzte Anzahl an Bedeutungen. Und sie haben auch die Eigenschaft, nicht immer genaues Abbild zu sein. Lügen kann man nur mit Worten. Liegt Wahrheit dann nur in Klängen? Oder sorgen auch diese für Verwirrung – sollte man sich eher nur auf das Sichtbare verlassen? Welcher Sinn sorgt für Sicherheit? Die Kraft der Musik und die Eigenschaft, Menschen miteinander zu verbinden, sowie jene Fragen, stellt sich Alissa Walser mit ihrem kürzlich erschienen Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“, der zwei besondere Menschen in den Mittelpunkt rückt, in einer Zeit, als Musik als Kunstform die Literatur nahezu übertrumpfte.
DER ARZT UND DIE PIANISTIN
Eines Tages im Januar 1777 taucht sie in seiner Praxis auf. Nicht zu übersehen, mit ihrem merkwürdigen Aussehen. Das elegante Kleid, der gigantische Haarturm mit seinen Schleifen und Glöckchen, das Gesicht - eine Maske aus einer dicken Puderschicht. Mediziner Franz Anton Mesmer ist von der Erscheinung der Tochter des Hofrates Paradies Maria Theresia irritiert. Sein Auftrag, die junge und begnadete Pianistin, ein Wunderkind, das Augenlicht zurückzugeben, lässt ihn das fremde Äußere indes vergessen.
Die junge Frau zieht in das Haus des Arztes ein, in dem er samt seiner Frau Anna Maria, der Haushälterin Kaline, einigen Musikern und Patienten sowie einem Hund lebt. Keiner seiner Vorgänger hat die Tochter des Hofrates auf einen so guten Weg bringen können. Ob mit Baldrian, Schwefel oder Blutegel. All samt scheiterten sie, selbst der Hofarzt der Kaiserin. Die Blindheit der Musikerin, die unter dem Schutz der Kaiserin steht, gilt als unheilbar. In Medizinerkreisen wird Mesmer belächelt, doch seine spezielle Behandlung schlägt an, die neben dem Einsatz der Magnete auch eine Vor-Form der Psychotherapie beinhaltet. In Gesprächen möchte er ihrem Leiden auf den Grund gehen, das die Welt der Hofrattochter seit frühester Kindheit plötzlich über Nacht in Dunkelheit versetzt.
Zur Verblüffung ihrer Eltern beginn der Heilungsprozess, tritt das Licht in ihr Leben, werden Gegenstände, Personen sichtbar. Doch dieser Fortschritt hat ihren Preis, zum Ärger ihrer Eltern, die in ihrer Begabung gewiss Ruhm und Ehre wittern. Das Klavier spielen bereitet ihr Mühe, die Töne sammeln sich nicht mehr fehlerfrei zueinander. Und auch Mesmers Frau Anna sieht die wachsende Vertrautheit zwischen Arzt und Patientin mit Skepsis, auch wenn der Heilerfolg das Renommee des Mediziners sprunghaft steigert. Denn die Beziehung von Mesmer und der Hofratstochter erwächst aus einer besonderen Gemeinsamkeit: beide lieben die Musik.
AUSSENSEITER
Und dies in einer Zeit, als Mozart sich nach den ruhmreichen Kinder- und Jugendjahren als freier Komponist durch die Lande schlägt (sicherlich immer noch mit dem Titel Wunderkind behaftet) und unweigerlich ein Leben als Außenseiter – abseits der „normalen“ Massen – führt. Und Außenseiter – das sind auch der Arzt und seine berühmte Patientin. Er, der für seine spezielle Behandlungsmethode kaum ernst genommen wird, sie, die als begnadete Pianistin zwar vergöttert wird, aber sich durch ihr künstliches Aussehen, wenn auch von den Eltern aufgedrängt, von den anderen sich abhebt.
Gerade diese erste Begegnung und das Kennenlernen mittels der Musik und Gesprächen, wie dies Alissa Walser in einer poetischen, fast musikalischen Sprach erzählt, zeichnet diesen Roman vor allem aus. Doch es ist auch die Beschreibung der teils verschrobenen Charaktere und des Lebens im Haus des Mediziners, die dieses Buch zu einem Erlebnis werden lassen, seien es die Patienten in Mesmers Haus oder die rigiden Eltern der blinden Pianistin. Stimmungen gibt es viele: mal recht komisch anmutende, als Maria Theresia sich an den Hund der Mesmers Nasenstüber für Nasenstüber gewöhnt, mal bezaubernd, als sie das Licht und die Welt um sich herum wahrnimmt.
Und eine Hauptrolle – wenn sie auch unsichtbar ist, in leisen und sanften Tönen und Vergleichen erscheint – sollte man nicht vergessen. Die Musik. So erkennt Mesmer das Wohlergehen seiner Patienten an ihrer Stimme, werden Heilmethoden oder auch nur ein Händedruck mit Musik verglichen, ersetzen für einen Blinden meist Geräusche die optischen Reize. Dieser Mangel der Sehkraft und der spätere Gewinn derselben, das Erzählen über jenen Wandel, setzen diesen Roman auch auf eine philosophische Ebene. Mit Mesmer diskutiert Maria Theresia über die Aufgabe der menschlichen Sinne, die Wahrheit und die Frage, inwiefern die Wahrheit nur an sichtbare Dinge geknüpft sein muss.
Dass Walser dieser wunderbaren Beziehung ein irgendwie jähes Ende bereitet, lässt den Leser irgendwie enttäuscht zurück. Beide gehen schließlich getrennte Wege, auch wenn sie eines Tages noch einmal in Paris aufeinanderstoßen. Man spürt in dieser Entwicklung - in gewissem Sinne eine rückwärtsgewandte – dass der Geschichte dadurch ihren Reiz genommen wurde. Vielleicht hatte man sich einfach ein romantisches Ende erhofft. Walser lässt die beiden Personen indes auseinanderdriften, in der Zeit der eigenen Wege irgendwie auch gegenseitig verlieren. So hätte auch die poetische Sprache sich in irgendeiner Weise ändern müssen, um diesen Bruch in Sprache zu vergegenwärtigen. Dies geschieht jedoch nicht, so dass man schließlich in den letzten Kapiteln, die im Übrigen als Titel alle eine Zeitangabe des Geschehens tragen – irgendwie diese Poesie nicht mehr folgen kann, die vielleicht auch an einen abgleitet, einen ungerührt lässt, trotz der schicksalsträchtigen Wiederbegegnung.