Ich habe aus Zufall und Neugier zu diesem Buch gegriffen. Ich bin ein eifriger Leser von Sachbüchern, und gleich zehn bekannte Menschen der (religiösen) Weltgeschichte hier porträtiert zu sehen, übte einen ungeheuren Reiz auf mich aus. Doch schon nach wenigen Kapiteln wuchs meine Konsternierung. Von Wissenschaftlichkeit kann hier überhaupt keine Rede sein, nicht mal ansatzweise; dafür droht überall der wenig verhüllte moralische Zeigefinger.
Ich suchte zunächst über den Verlag und die Absichten des Autors mehr zu erfahren; denn gar nicht selten hat man ja ein Buch bloß missverstanden. Und siehe da, die Nebel lichteten sich zumindest ein wenig. "Gabriel" ist eine Unterabteilung des Verlages "Thienemann". Aha! Da klingelte bei mir schon ein Glöckchen - auch Michael Ende, einer meiner großen Lieblinge, hat oft bei Thienemann verlegt. Thienemann, und somit Gabriel, ist ein Jugend (!)buchverlag. Und bei Amazon stand deutlich zu lesen, dass die gewünschte Zielgruppe ausdrücklich im Alter von 13 bis 16 Jahren liege. Doch immer noch finde ich, dass der Autor sein vorgebliches Ziel, junge Menschen für den Glauben zu begeistern, nicht oder nur am Rande erreicht hat.
Schon im Vorwort steht es ausdrücklich: diese Artikel wollen im Sinne des Glaubens, und zwar des christlichen, verstanden werden. Nicht umsonst wird die "zweite Geburt", ein Begriff, den der Autor neu geprägt hat, als ein Suchen nach Gott verstanden - dem biblischen, wohlgemerkt. Zudem wird die Kurzbiographie von Jesus von Nazareth ganz ausdrücklich an den Anfang des Buches gesetzt, da sie "exemplarisch" für alle Christen (!) sei, da diese Jesus nachfolgen sollten. Gut, ich gönne jedem Autor seine Überzeugung, und jedem Buch seine Zielsetzung. Nur hat Herr Prinz scheinbar übersehen, dass er eben auch alles durch diese "christliche Brille" hindurch interpretiert, dass er sich fast rein in christlichen Termini ausdrückt - somit können seine Zeilen in erster Linie nur solche Leser erreichen, die schon Christen SIND. Auf den Rest der Leserschaft wird manches dagegen eher befremdlich wirken, oder sie gar nicht erst erreichen.
Ich will gerne zugeben, dass der Autor sich um jugendgemäße Sprache und lebhafte Schilderungen bemüht. Sehr oft beginnen die Kapitel mit einer Episode mitten aus dem Leben der Person, was für einen interessanten Einstieg sorgen soll. Erst später, wenn überhaupt, folgt dann so etwas wie ein Lebenslauf. Manchmal übertreibt es Herr Prinz aber mit der Anbiederung an jugendliche Sprache; besonders im Kapitel über Augustinus fiel mir dies auf. Da fielen Begriffe wie "Gang", "hinter Mädchen her sein", "frühreif" und "Geld auftreiben". So spricht haargenau ein Erwachsener, der wie ein Jugendlicher klingen möchte, aber nicht mehr weiß, wie's geht. Auch fiel mir oft auf, dass für Erwachsene selbstverständliche Sachverhalte in einer unnatürlich wirkenden Parenthese "erklärt werden mussten".
Auch hat der Autor immerzu versucht, eher interessante Episoden aus den Lebensgeschichten herauszugreifen, als wirklich stringent von den Menschen zu erzählen. Da er aber jeweils nur 20 Seiten pro Person zur Verfügung hatte, führte das manchmal zu meiner Meinung nach zu unverständlichen Auslassungen, Verkürzungen, oder Fehlinterpretationen, die das Bild der Person doch sehr verzerren. Im Kapitel zu Jesus nimmt das nahezu groteske Formen an. Einerseits gibt der Autor zu, aus seiner Jugend sei so gut wie nichts bekannt. Andererseits widerspricht er sich gleich selber, indem er alles (!) an der Episode vom 12jährigen Jesus im Tempel aufhängt, daran gleichzeitig seine Alltäglichkeit sowie seine Göttlichkeit zu beweisen sucht, und die Lücken in Jesu Lebensgeschichte fleißig damit füllt, dass er sich Details aus den damaligen Lebensumständen der einfachen Leute aus den Fingern saugt. So kann man natürlich auch 20 Seiten füllen.
Andere unverständliche Verkürzungen fielen mir besonders in den Kapiteln zu Augustinus und Martin Luther auf. Beide Berichte stoppen genau an der Stelle, als es im Leben der beiden eigentlich erst so richtig los ging. Augustinus wurde nicht dadurch bekannt, dass er Christ wurde - sondern dadurch, dass er immens einflussreiches Schrifttum in seiner Amtszeit als Bischof verfasste, wie die "Bekenntnisse" und den "Gottesstaat" - christliche Philosophie eben. Und leider hat er sich dabei zu einem teils ziemlich verknöcherten Denker und sogar zum Frauen- und Lustfeind entwickelt. Auch hat er den Begriff der "Erbsünde" erst "erfunden". Und all dies Jugendlichen zu verschweigen, finde ich ungeheuerlich. Bei Martin Luther kommt nur EIN (!) unglaublich kurzer Absatz ganz zu Ende des Kapitels über den Anschlag seiner Thesen an der Schlosskirche in Wittenberg. Der Rest des Lebens wird nur kurz überhuscht. Unfassbar. Weder erfährt der Jugendliche, dass er die Bibel übersetzte, oder dass Luther der Auslöser für den 30jährigen Krieg in Deutschland war, der für unglaublich viel Leiden sorgte, noch wird erwähnt, dass er später seine Mönchswürde auch wieder ablegte, dass er heiratete, Kinder bekam, und etliche recht derbe Sprüche hinterlassen hat.
Manche Details lässt Herr Prinz auch ganz geschickt unter den Tisch fallen, oder erwähnt sie so am Rande, dass sie nicht weiter auffallen. Drei der hier erwähnten Personen waren gar keine Christen, sondern ursprünglich Juden (Jesus, Edith Stein, und Simone Weil), und Simone Weil hat sich sogar nie ausdrücklich zum Christentum bekannt, hat sich nie taufen lassen. Und Blaise Pascal war auch kein "klassischer" Christ, sondern Jansenist - eine schon damals sehr skeptisch beäugte Sekte. Gut, er mag eine Art "Erleuchtungserfahrung" gemacht haben, aber aus den Schilderungen wird auch deutlich, dass er Zeit seines Lebens ein überspannter Sonderling war. Sicher kein Vorbild für heutige Jugendliche - er hat nie einen Beruf ergriffen!
Zu guter Letzt möchte ich noch die Grundthese des Autors, die der "zweiten Geburt", kritisch unter die Lupe nehmen. Ich denke, das ist eher so eine Art Konstrukt, in welches diese zehn Leben um jeden Preis gepresst werden sollen. Ich gebe zu, bei den 5 Männern in diesem Buch lässt sich ein solcher Punkt der Umkehr jeweils ausmachen - obwohl er bei dem heiligen Franziskus auch recht nebulös ist. Bei den 5 Frauen jedoch scheint es mir, als sei ihr Leben jeweils recht geradlinig verlaufen. Sie waren schon immer, schon als Mädchen, "anders", sie hoben sich von ihren Altersgenossen ab, und erschreckten ihre Umgebung durch sonderbare Aktionen. Aber ein Punkt der Umkehr, eine radikale Bekehrung - das kann ich hier nicht sehen. Und gerade Elisabeth von Thüringen und Theresa von Avila hatten ja aufgrund des kulturellen Kontextes, in dem sie lebten, gar keine andere Möglichkeit, als eben Christen zu sein, wenn sie religiös und mystisch sein wollten. Es ist also durchaus nicht so, als habe hier eine Bekehrung zum Glauben stattgefunden.
Ich verleihe also letzten Endes zwei Sterne. Für die löbliche Absicht, und die zumindest gut lesbare Sprache. Aber im Grunde hat Herr Prinz seine Absicht verfehlt. Ich kann mir nur vorstellen, dass dieses Buch junge Menschen anspricht, die es eh schon in christlichem Kontext lesen - wo also keine Überzeugungsarbeit mehr zu leisten ist. Kritische oder konfessionslose junge Menschen werden das Zwanghafte dieses Buches, alles aufs Christentum hin zu deuten, schnell durchschauen. Und sie werden von dem eher glorifizierenden Stil abgeschreckt sein.