Inhalt:
Seit fünf Jahren hält der Kapitän die junge Hazel auf der abgelegenen Insel Mortes-Frontières fest. Als Hazel krank wird, holt der alte Mann die Krankenschwester Françoise auf die Insel, um das Mädchen zu pflegen. Schon von Anfang an wittert Françoise ein Geheimnis und sie wird Recht behalten...
Meine Meinung:
"Quecksilber" von Amélie Nothomb ist kein dickes Buch, mit gerade einmal 166 Seiten liest man das Büchlein rasch durch. Doch da Amélie Nothomb nun einmal Amélie Nothomb ist, wird man die Lektüre so schnell nicht wieder vergessen.
Die Autorin schafft es, in diesem kurzen Werk alle unsere Wertvorstellungen anzusprechen und sie über den Haufen zu werfen. Was ist richtig, was falsch? Was ist gut, was ist böse? Wie weit darf man aus Liebe gehen? Alle diese Fragen werden uns von Nothomb gestellt und es gesellen sich praktisch auf jeder Seite neue dazu. Die Grenzen zwischen Gut und Böse gibt es hier nicht, sie sind nicht bloss verwischt, sie sind inexistent.
"Quecksilber" ist in kurzen, pragmatischen, fast kalten, Sätzen gehalten, der Grossteil des Buches besteht aus Diskussionen. Das macht Sinn, denn so erfahren wir, wie die Figuren denken, was sie antreibt und was sie fühlen. Dies ist der Grundstein des Werkes, das ist es, worauf Nothomb hinaus will. Sie will uns zeigen, wie unterschiedlich die Realität wahrgenommen wird. Das Buch führt uns vor Augen, dass das Gleiche oftmals eben nicht das Gleiche ist und von jedem Menschen anders aufgefasst wird. Nothomb bedient sich hier eines sehr harten Themas, um dem Leser diesen Sachverhalt nahe zu bringen.
Die Figuren sind allesamt glaubhaft dargestellt, obwohl nicht immer nachvollziehen können, weshalb sie so handeln (beim Kapitän ist das fast unmöglich und bei Hazel dachte ich mir oft, ob sie wirklich so doof ist, aber es hatte alles seinen Grund). Die Figuren beschränken sich auf Hazel, den Kapitän und Françoise, die sehr gut gezeichnet sind. Vor allem bei Françoise können wir nachvollziehen, was in ihr vorgeht. Der Kapitän und Hazel dagegen sind wahre Wunderwerke, mit denen man sich auseinandersetzen muss, um sie zu verstehen.
Es ist nicht einfach, wenn es um das Thema der Opfer- und der Täterrolle geht. Nothomb bringt sie knallhart auf den Punkt, oftmals ist man als Leser schockiert. Schockiert über das Verhalten der Personen und auch über die Autorin, die es schafft, uns den Atem zu rauben.
Wir sind auf uns alleine gestellt, wenn es darum geht, Opfer- und Täterrolle zuzuweisen. Doch eigentlich will Nothomb uns genau davon abhalten. Fliessend wird der Täter zum Opfer und das Opfer zum Täter.
Nothomb überrascht den Leser immer wieder. Immer wieder kommen neue Thesen zur Sprache und die Spannung steigt kontinuierlich. Die Autorin hat zwei Enden für ihr Werk verfasst und beide sind hier abgedruckt. Auch hier kommt der Übergang vom Opfer zum Täter wieder eindrücklich zum Vorschein.
Nein, Nothomb ist keine Autorin für schwache Nerven. Ihre Bücher sind oft kalt, man kann es fast schon gefühllos nennen und dennoch geht es drunter und drüber. Ich für meinen Teil liebe Amélie Nothomb genau deswegen. Sie packt einen mit kalten Händen und stösst einen in den Dreck. Ob man etwas aus dieser Lektion lernt, das ist dem Leser selbst überlassen.
Fazit:
Wer Literatur zum Denken, und nicht nur zum Zeitvertreib, mag, sollte sich die Autorin Amélie Nothomb nicht entgehen lassen. "Quecksilber" eignet sich gut als Einstieg in ihr Werk.
Nothomb schreibt keine Wohlfühlbücher, sondern zeigt uns die harte Realität auf eine Art und Weise, die uns nach Luft schnappen lässt. Man muss mit dieser Autorin umgehen können, sonst sollte man es lieber bleiben lassen.
Wer tiefgründige Literatur mag, wer es sich beim Lesen nicht einfach machen möchte, der ist mit Amélie Nothomb gut bedient.
Auch jetzt noch kriege ich eine Gänsehaut, wenn ich an das Buch denke. Noch immer spuken Hazel, der Kapitän und Françoise in meinem Kopf herum. Darum muss ich sagen: Ein wirklich gutes Buch, ganz nach meinem Geschmack! Wieder einmal!