Rezension verfasst vor 3 Jahren
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Im neuen Roman des Sizilianers Andrea Camilleri bekommt man es nicht mit Kommissar Montalbano zu tun. Erzählt wird hier die Geschichte des jungen Nené, der im faschistischen Sizilien zur Zeit des zweiten Weltkrieges aufwächst.
Auf dem Weg zur Schule fährt er täglich an einer dreistöckigen Villa vorbei. Dort ist nie jemand zu erblicken, dennoch hört er gelegentlich Lachen und Frauenstimmen aus dem Gebäude. Deshalb sucht er immer wieder mal diesen Ort auf, doch erst mit dem Erwachen seiner Sexualität wird ihm klar, was sich dahinter verbirgt: ein Bordell. Obwohl Nené und sein bester Freund Jacolino noch nicht volljährig sind, dürfen beide jeden Montag, am Ruhetag, in die Pension Eva. Dort lauschen sie den Geschichten der Prostituierten, während draußen der Krieg immer näher rückt.
Andrea Camilleris fiktionalisierte Erinnerungen an ein Freudenhaus erinnern in vielerlei Hinsicht an die deftigen Novellen aus dem Decamerone. Wie bei dem Klassiker der italienischen Literatur werden auch hier einzelne Geschichten und Begebenheiten, die mit dem Bordell und seinen Besuchern zusammenhängen, scheinbar lose zusammengefügt. Camilleri erzählt warmherzig und voller Anteilnahme von den Irrungen und Wirrungen in der Pension Eva. Es ist ein wahrer Genuss wie ihm die Verschmelzung von böser Lakonik und wunderbarer Komik gelingt. Leichtmündig erzählt der sizilianische Autor von einer Bombenexplosion, die bei einem alten Mann auf wundersame Weise als Aphrodisiakum wirkt, von der kommunistischen Hure Tatiana und der frommen Hure Nadia. Andrea Camilleri wird dabei aber nie anzüglich, obszön oder gar pornografisch. Es wird jedoch auch vom Krieg erzählt und was die Gewalt mit den Menschen anstellt. Stilvoll und mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit, die sich in einer eleganten und literarischen Sprache offenbart, gelingt ihm der Spagat zwischen Erotik, Ironie und dem Schrecken der Kriegsnächte. „Die Pension Eva“ ist eine Art Schelmenroman, ein nuancenreiches Sprachkunstwerk und eine pralle, diskrete Lektüre.
Frank Paulus
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