Leser-Rezension zu „Eine englische Art von Glück” von Andrea Levy
am 1.10.2011
Quartett in London, mostly
Schon seit ihrer Kindheit träumt Hortense von England. Für eine Farbige ist sie recht hell geraten, golden sozusagen, allerdings nicht so legitim. Deshalb gibt ihre Mutter sie weg, zu der Familie des Bruders des Vaters. Dort wächst sie gemeinsam mit Michael auf, ihrem Fast-Cousin. Der wird von den Eltern in den Himmel gehoben, auf eine höhere Schule geschickt. Hortense muss bald die erste große Enttäuschung verdauen. So wie sie davon träumt, in England Lehrerin zu werden, träumt sie auch davon, dies an Michaels Seite zu sein. Doch Michael hat ganz andere Pläne, seine Eltern auch. Und als Michael, der im zweiten Weltkrieg als Flieger nach England geht, vermisst gemeldet wird, bricht die Welt zusammen.
Nun meint aber, nicht dass Hortense ihre Träume aufgibt.
Ich fand dieses Buch echt klasse, obwohl ich es fast übersehen hätte. Denn es ist schon vor einigen Jahren erschienen, hatte da jedoch einen anderen Einband, der mich nicht angesprochen hat. Bei meinem letzten Einkaufsbummel entdeckte ich dann diese Neuausgabe, wo ich sofort dachte, das wird meins. Irgendwie versprach das Cover ein wunderbares Leseerlebnis und das Buch hat das Versprechen tatsächlich gehalten. Dabei ist Hortense noch nicht mal besonders sympathisch, eher stur und zickig, verbissen hält sie an ihrem Traum fest, und treibt dabei Gilbert, den sie fast zur Heirat zwingt, um später alleine die Überfahrt antreten zu können, beinahe zur Weißglut. Gilbert, der scheinbar gutmütige Trottel, der im Laufe der Lektüre immer mehr charakterlichen Tiefgang bekommt und somit zum wahren Sympathieträger wird. Queenie, die weiße Engländerin, die Zimmer an Farbige vermietet und damit bei den Nachbarn gar nicht so wohl angesehen ist, hat eine ganz eigene Persönlichkeit. Allerdings hat sie, um schlimmerem zu entkommen, auch den größten Stiesel und Rassisten vor dem Herrn geheiratet. Diesen - Bernard - verschlägt es nach Indien.
Aus Sicht dieser vier Personen werden die Ereignisse auf amüsante und fesselnde Art und Weise geschildert. Sie erzählen von ihren Erlebnissen mit ihrer jeweils besonderen Art sich auszudrücken. Emotional oder distanziert je nach Charakter drücken sie ihren Geschichten von der Kindheit bis zu dem Zusammentreffen in London ihren Stempel auf. Doch auch die Londoner Geschichte, die wieder jeweils aus der Sicht unseres Quartetts geschildert wird, hat ihren besonderen Reiz und ihren besonderen Höhepunkt. Ein echt tolles und lesenswertes Buch. Es wird einen Ehrenplatz in meinem Regal erhalten.

