Ich hatte ich ja schon eine Rezension zu Andreas Maiers’ “Das Haus” geschrieben. Ich war so begeistert von dem zweiten Band seiner “Familiensaga”, dass ich mir auch den ersten kaufen musste.
Aber wie das so ist, wenn man mit zu grossen Erwartungen an ein Buch rangeht, man kann fast nur enttäuscht werden. Und so war ich von diesem Auftakt der Saga nicht wirklich angetan.
Es ist keinesfalls ein schlechtes Buch! Mir gefällt Maiers direkt Art, sein schnörkelloser Schreibstil und natürlich bin ich auch hier von dem “Heimatteil” des Buches begeistert. Auch die Geschichte, die er erzählt, berührt auf ihre eigene Weise.
Es geht um Maier’s Onkel, den wir nur als J. kennenlernen. Onkel J. ist von Geburt an behindert. Für ihn selbst ist das nicht schlimm, denn er lebt in seiner ganz eigenen, unschuldigen Welt. Was jetzt passiert, hat er gleich wieder vergessen. Wenn die Mitschüler ihn fast totschlagen, steht er am nächsten Tag wieder da und will “dazu” gehören. Wenn der Vater ihn demütigt, himmelt er ihn am Abend wieder an, wenn die Kollegen sich über ihn lustig machen, freut er sich trotzdem auf seine Arbeit in Frankfurt.
Auch der Autor hat als Kind kein gutes Verhältnis zum stinkenden Onkel, der sich nicht wäscht und hat panische Angst davor, in das Zimmer oder die Werkstatt des Onkels gehen zu müssen – das Zimmer in dem er nun als Erwachsener sitzt und dieses Buch schreibt.
Andreas Maier beschreibt das Leben seines Onkels anhand eines normalen Tages.
Aufstehen, anziehen, zum Bad Nauheimer Bahnhof laufen, Zugfahrt nach Frankfurt, die Arbeit bei der Post, Bier, Zigaretten, Rückfahrt, die Pflichten zu Hause, die Fahrt zum Winterstein, um dort seine “Freunde” und “Jäger” zu treffen.
Während seiner Erzählung, wechselt Maier zwischen echten und fiktiven Erinnerungen, springt in den Zeiten hin und her, nimmt den Tod des Onkels vorweg und landet dann wieder bei einer Schulgeschichte – es könnte so sein, man weiss es nicht, vielleicht war es doch anders und vielleicht ist es gar nicht passiert, schliesslich war er nicht dabei.
Das ist genau der Punkt, der mich an dem Buch gestört hat. Er schreibt über etwas, das er vielleicht weiss, springt in die Zukunft, um dann doch wieder auf das Ausgangsereignis zurück zu kommen. Für meinen Geschmack waren das zu viele Verschachtelungen und zu viel “könnte”. Ausserdem scheint der Autor besessen zu sein von “Ortsumgehungen”, speziell DER Ortsumgehung in der Wetterau – der B3. Er erwähnt sie unzählige Male in dem Buch.
Was mir dagegen sehr gut gefallen hat, war die Tatsache, dass Maier ganz nebenbei ein Bild des hessischen Alltags in den 60er Jahren zeichnet. Indem er einen Tag im Leben seines Onkels beschreibt, lässt er uns teilhaben an der Arbeitswelt der damaligen Zeit, an den Familienzuständen, der Nachbarschaft, der Einstellung der Menschen, kurz dem Alltag und seiner Entwicklung. Es gab wirklich schöne Szenen – wie z.B. die, in der sich jeder bewusst wird, wieviel Verkehr es mittlerweile auf der Kaiserstrasse in Friedberg gibt. Für solche Zeilen liebe ich Maier.
Für den Rest des Buches eher weniger…
Trotzdem werde ich auch den dritten Teil der Saga lesen, denn wie gesagt, Andreas Maier hat seine ganz eigene Art, vom Leben zu erzählen. Und natürlich spielt auch der Faktor Wetterau eine grosse Rolle für mich. Aber wenn ich das Wort “Umgehungsstrasse” noch einmal lese, flipp ich aus