Mit „Jackie in Silber“ legt Andreas Stichmann, geboren 1983 in Bonn, seine erste eigenständige Veröffentlichung vor. Auf 138 Seiten findet der Leser elf Erzählungen über scheiternde Helden, wie der Klappentext verspricht; Geschichten, betrachtet aus einer neuen Perspektive, schillernd an ungewohnten Stellen, witzig, ohne mit Humor durch die Luft zu wedeln, und gespickt mit Sätzen, mit denen man sofort seine Wohnung schmücken wolle. Stichmanns scheiternde Helden liefen im Scheitern zur Höchstform auf, heißt es.
Tatsächlich ist es jedoch schwer, in „Jackie in Silber“ diese scheiternden Helden auszumachen. Ein Held ist derjenige, der sich durch einen inneren Wunsch oder äußere Umstände dazu gezwungen sieht, die Schranken des Alltags zu durchbrechen. Einer, der die Kräfte, denen er sich entgegenstemmt, letztendlich bezwingt oder von ihnen bezwungen wird. Durch dieses Ringen um eine bessere Existenz entsteht Konflikt, und Konflikt ist das Fundament einer jeden Erzählung.
Zu behaupten, Stichmanns Erzählungen böten keine Konflikte, wäre falsch. Aber sie werden nicht konsequent zu Ende entwickelt. In mehreren Geschichten stürzt Stichmann seine Protagonisten in Konflikte, die sich nur bis zu einem gewissen Grad entwickeln. Anstatt den sich steigernden Herausforderungen mit Entschlossenheit entgegenzutreten, entziehen sich die Figuren der Konfrontation und lassen das Schicksal einfach über sich hereinbrechen. Das lässt sie nicht einmal zu scheiternden Helden werden. Sie sind überhaupt keine Helden. Sie können an den Konflikten nicht zugrunde gehen, da sie der Konfrontation ausweichen und ihr Schicksal akzeptieren. Stichmann verdirbt sich selbst die Pointen seiner Kurzgeschichten, indem er die Erzählungen zu früh auflöst. Dies findet sich in Geschichten wie „Wasserleiche“, „die Blumen“ oder „Malealea“, die bis zu einem konfliktträchtigen Wendepunkt gesteigert werden, wo sie Stichmann ohne Andeutungen auf ein „und dann“ zu einem nichtssagenden Ende führt. „Warum habe ich das überhaupt gelesen?“, ist die dominierende Frage, die dem Leser nach der Lektüre jener Geschichten durch den Kopf geht.
Völlig konfliktfrei, wenn auch nicht handlungsarm, ist die Geschichte „Hey Hoppmanns“, in der es um die titelgebende Jackie in Silber geht. Konfliktpotential, wie etwa eine Dreiecksbeziehung, Eifersucht oder eine Liebesgeschichte, wird hier nur angedeutet, die Geschichte nach einem Wendepunkt zum Ende geführt, ohne dass Konflikt entstanden wäre. Die ganze Erzählung wirkt wie ein emotionsloser Ereignisbericht.
Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass sich unter Stichmanns Erzählungen auch gute finden. „Der Goldbarrenmann“ ist eine davon. Ein bis zur Pointe konsequent geführter Plot über den Erzähler und seinen Vater, die dem schnellen Reichtum in Form eines Fernsehgewinnspiels nachjagen. Gekonnt lässt Stichmann den Erzähler Anteil am Schicksal der Protagonisten nehmen, schürt Erwartungen und weiß am Ende zu überraschen. Er trifft den richtigen Nerv in einer Zeit, in der immer mehr TV-Sendungen dem naiven Zuschauer den schnellen Gewinn verheißen und ihn die wahren Herausforderungen des Alltags vergessen lassen.
So unterschiedlich wie seine Erzählungen, so unterschiedlich ist auch Stichmanns Stil. Angepasst an die Themen seiner Geschichten lässt er Er-, Ich- und sogar Du-Erzähler zu Wort kommen, die das Erzählte durch ihre spezielle Sicht auf die Ereignisse bereichern. Stichmann schätzt kurze, nüchterne Sätze, leicht verständlich und trotzdem immer wieder von originellen Metaphern und Vergleichen durchsetzt: „Kurz darauf komme ich in die Küche, aber da sitzt nur Elfrun und liest Zeitung, als wäre die Zeit eine Fliege, die man totschlagen kann.“ „Frau Jensch hat ein ganz teigiges Gesicht, wie eine Maske, unter der sich ein Schauspieler versteckt.“ Leider lässt diese Nüchternheit die Texte oft trostlos wirken, was in Anbetracht scheiternder Helden aber ebenso gewollt sein kann.
Schwer hat sich Stichmann dagegen mit den Dialogen getan und seine Schwäche auf diesem Gebiet könnte auch ein Grund sein, weshalb er insgesamt eher sparsam damit umgeht. Die Möglichkeit, Figuren durch Dialoge Profil zu verleihen und sie zu charakterisieren, nimmt er nicht konsequent wahr. Die Personen heben sich sprachlich kaum voneinander ab, was den Eindruck der Nüchternheit und Emotionslosigkeit verstärkt. Misslungen sind sie Stichmann vor allem in seiner zweiten Erzählung „Wasserleiche“, in der die Figuren durch ständige Namenswiederholungen nur noch wie gefühllose Roboter klingen: „»Ich bin ein Mensch, der zu seinen Träumen steht, Dennis.« »Was für Lieder möchtest du denn singen, wenn du eine Sängerin bist, Lilly?« »Liebeslieder und Lieder, die auf Partys laufen, Dennis.« » Das ist ein schöner Traum, Lilly […]« »Veräppeln kann ich mich alleine, Dennis.« » Also gut, ich möchte Pilot werde, Lilly.« »Du lügst.« »Na gut, dann sage ich es dir ehrlich, Lilly, […]« »Auf dem Mond war aber schon einer, Dennis.«“
Stichmanns Texte sind herrlich ironisch und entlocken dem Leser hin und wieder ein Schmunzeln. Wirklich witzig, dass man plötzlich laut auflachend das ganze Bahnabteil auf sich aufmerksam macht, sind sie aber nicht. Dafür gewinnt man den Eindruck, der analytische Blick des Autors reiche aus, um bis auf die Molekularebene unserer Welt herabzusehen, und in seinen Erzählungen, in denen er beispielsweise die Sicht eines Menschen auf die Welt mit dem Blick durch ein Fenster vergleicht, lässt er uns an seinen Erkenntnissen teilhaben. Dann entstehen in der Tat Sätze, „mit denen man sofort seine Wohnung schmücken möchte“ (Klappentext).
Andreas Stichmann studiert seit 2005 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, der einzigen Hochschule in Deutschland, die sich der Heranbildung von Autoren verschrieben hat. „Jackie in Silber“ ist ein würdiges Debüt, auch wenn es nicht an den Erfolg eines Saša Stanišić (Finalist um den Deutschen Buchpreis 2006, "Wie der Soldat das Grammophon repariert") heranreichen wird, und beweist, dass Stichmann in Leipzig gut aufgehoben ist. Dennoch ist es keine Anthologie gleichwertiger Erzählungen. Unter ihnen finden sich gute und weniger gute und der Leser, der um Stichmanns Biographie weiß, wird das Gefühl nicht los, als halte er ein „Best of“ gesammelter „Hausarbeiten“ in der Hand.
Der Autor Thomas Pletzinger – zufälligerweise selbst Abgänger des Deutschen Literaturinstituts – wird im Klappentext zitiert mit: „Andreas Stichmann hat nicht einfach ein Buch geschrieben – er hat eine Rakete gebaut!“ … auf deren Zündung man wohl noch bis zu Stichmanns nächster Veröffentlichung wird warten müssen.