Leser-Rezension zu „Geschichte einer Ehe” von Andrew Sean Greer
am 20.04.2010
„Wir glauben, die zu kennen, die wir lieben.“ Bereits der erste Satz in Andrew Sean Greers „Geschichte einer Ehe“ gibt den Klang und den Kern des Romans vor. Es geht um Geheimnisse und Selbsttäuschung in der Liebe, um ihre Unergründlichkeit, um Herzklopfen, Einsamkeit und den Schmerz desjenigen, der mehr liebt. Dennoch ist es kein trauriges Buch, eher ein vor einem warmen, nostalgischen Grundton schillerndes, das auch sprachlich von der Fülle und Schönheit des Lebens erzählt.
Das psychologische und literarische Feingefühl des 1970 geborenen Autors ist bewundernswert. Das hat sich schon bei seinem 2005 auf Deutsch erschienenen Roman „Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“ gezeigt. Die „Geschichte einer Ehe“ ist realistischer und unaufgeregter als die des Max Tivoli, der Rückblick fast noch raffinierter. Die wahre Geschichte wird häufig mit nur einem rück- oder vorausschauenden Satz verschleiert, dann wieder wird ein Bruchteil freigelegt, nur um kurz darauf die Ahnung aufkeimen zu lassen, dass das Geheimnis in dieser Ehe vielleicht doch noch ein anderes ist. Sprachlich entzückt möchte man bei jedem Satz verweilen, inhaltlich drängt es einen voran. So entsteht eine faszinierend ruhige Spannung.

