Rezension verfasst vor 2 Jahren
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"Glauben Sie, dass man sein Leben ändern kann?"
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Diese Frage wirft eine der drei Protagonisten in Angelika Overaths für den Deutschen Buchpreis 2009 nominierten Roman "Flughafenfische" auf. Elisabeth - genannt Elis - stellt sie ihrem Gegenüber Tobias Winter, seines Zeichens Aquarist und verantwortlich für das 200.000 Liter fassende Meerwasseraquarium in einem namenlosen großen Flughafen, einem Ort des ständigen Kommen und Gehens, der Unruhe und Betriebsamkeit, der flüchtigen Begegnungen - ein "blindes Einstimmen von Körpern, ein stummes Sortieren von Lebenswegen in den Bahnen funktionstüchtigen Materials." Doch Overaths Buch ist alles andere als laut und geräuschvoll, sondern ihre Erzählung fungiert beinahe wie eine stille Insel der Ruhe. Der Leser wird in einen autarken Raum der Lautlosigkeit, des Sichfallenlassens mitgenommen und nimmt nur verschwommen die Unruhe der Umgebung war.
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Drei Personen werden mehr oder weniger zu Beobachtern und Erinnerern ihrer eigenen Lebensmisslichkeiten. Die Rolle des Betrachters kommt eindeutig Tobias zu. "Sein prüfender Blick auf das Leben der Fische war, ohne dass er es gewollt hätte, immer öfter und länger auf die Reisenden übergegangen. Wenn sie herabkamen aus der Höhe der gläsernen Halle, Flügellahme auf elektrischen Treppen, über mobile Bänder gleitend mit ihren Rollkoffern, registrierte er sie als Schwarm. Und dann war es gerade so, als ob er seine professionelle Fisch-Aufmerksamkeit nicht schnell genug auf Unschärfe stellen und ganz ausblenden könnte. (...) mit Mensche lebte Tobias Winter am leichtesten, wenn er sie als ein schwimmendes Muster begriff, als eine sich bewegte Wassertapete. (...) er stand in Verbindung mit allen. Er war der stille Messias der Meere. (...) Tobias interessierte sich für instabile Metamorphosen".
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Instabilität zeichnet Elis aus, ohne Zweifel. Sie, die gefragte Magazinfotografin, hetzt von Ort zu Ort. Eine allgegenwärtige Verlorenheit, eine Müdigkeit ist ihr zu eigen, die auch der unruhige Schlaf nicht abstellen kann. Erinnerungsfetzen durchziehen ihren Geist, Sekundenmuster. "Man sagt, dachte sie, vor dem Tod eines Menschen ziehen seine Lebensbilder vorbei. Wenn das so ist, sterbe ich seit Jahren." Vor dem großen Wasserbecken trifft sie auf Tobias und "indem sie nun in die Bewegung der Fische sah, schien ihr auf einmal der ganze Raum langsam zur Ruhe zu kommen. (...) Sich vom Erinnerungsvermögen lösen. (...) Es ist wie schlafen, dachte sie. Fast wie schlafen."
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Dritter im Bunde ist ein alternder Wissenschaftler, Inhaber eines der bedeutendsten Lehrstühle für Biochemie, der von seiner Frau verlassen wurde und nun seinen Schmerz in der Flughafenlonge mit Whisky und Rauchen zu betäuben versucht. Er passt scheinbar gar nicht in die flüchtige Symbiose von Tobias und Elis, was sich auch im geänderten Sprachstil bemerkbar macht. Werden die sich wechselnden Porträts der zwei jungen Leute von einem autarken Erzähler wiedergegeben, lässt Overath "den Raucher" - wie sie ihn nennt - als Ich-Erzähler fungieren und verleiht ihm zudem einen prekären Abgang.
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Mit klaren präzisen Sätzen, ohne Tand und Schnörkel und unglaublich sensibler Beobachtungsgabe nähert sich Angelika Overath zart, behutsam und beinahe lautlos dieser Flughafen- Fata Morgana. Sie lässt den Leser in eine fast geräuschlose Welt eintauchen, die dem Wasserleben kaum nachsteht. An den Glaswänden des Aquariums spiegelt sie die hektische Einsamkeit, die (Lebens-)Müdigkeit der Reisenden und vermittelt dadurch eine zarte, aber gerade deshalb so intensive Nachdenklichkeit - eine kunstvolle Reduktion des Lärms unserer Zeit.
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Fazit:
Angelika Overath lässt in ihrem neuen Roman "Flughafenfische" aus drei kapitelweise wechselnden Perspektiven Menschen und Geschichten aufeinandertreffen und aneinander vorbeiziehen, jedoch nicht laut und hektisch, sondern leise und gedämpft. Die Autorin offenbart, dass alles mit allem zusammenhängt, egal ob Fisch, Flugzeug oder Mensch und das in einem hohen Maß an Wahrnehmungsstärke und einer fein abgestimmten Balance aus Einsamkeit und Bewegung.
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