Mord auf einer Insel.
Ein in der Kriminalliteratur beliebtes Thema, dessen sich schon Genregrößen wie Agatha Christie ("Und dann gabs keines mehr...") oder in jüngster Vergangenheit Simon Beckett ("Kalte Asche") bedient haben, da gerade die Abgeschiedenheit einen gewissen Reiz auf Leser wie Autor auszuüben scheint. Der begrenzte Raum in dem sich die Ereignisse abspielen setzt nicht nur ein hohes Maß an Können voraus, sondern hält zumeist auch den Kreis der Verdächtigen ziemlich klein. Eine Schwierigkeit, die es zu meistern gilt, damit das Buch trotz beschaulicher und stimmungsvoller Inselatmosphäre nachher doch vor allem aufgrund des Krimiplots überzeugt.
Ann Cleeves, die kurz nach ihrer Heirat selbst einige Zeit auf einer englischen Insel gelebt und dort auch ihre Reihe um den Vogelforscher George Palmer-Jones geschrieben hat, hat nun ihren Blick noch ein ganzes Stück weiter nördlich gerichtet. Dort liegen die windumtosten Eilande der Shetland-Inseln, welche zwar zu Schottland gehören, aber davor über 650 Jahre lang ein Teil Skandinaviens gewesen sind, weshalb die dortige Kultur auch stark von den Wikingern beeinflusst ist. Dies nutzt Cleeves nun in "Die Nacht des Raben" aus, dem mit dem "Duncan Lawrie Dagger Award" prämierten ersten Part eines Quartetts, von dem jeder Teil jeweils eine Jahreszeit abdecken soll.
Es herrscht eisiger Winter auf Mainland, der Hauptinsel der Shetlands. Ein neues Jahr ist angebrochen, das jedoch wenig gut zu beginnen scheint. Zumindest für Fran Hunter, eine aus England neu hinzugezogene allein erziehende Mutter, die während eines Spaziergangs die von Raben umringte Leiche der 16-jährigen Catherine auf einem schneebedeckten Hügel findet ... und damit dem bis dahin (oberflächlich) idyllischen Inselleben ein Ende macht. Während Inspector Perez mithilfe schottischer Kollegen die Ermittlungen im Fall des offensichtlich mit ihrem eigenen Schal erwürgten Mädchens aufnimmt, kocht die Gerüchteküche in der eingeschworenen Gemeinschaft der Einheimischen auf hoher Flamme. Schon bald hat man mit dem tumben Einsiedler Magnus einen Verdächtigen auf der Liste. Und wurde der nicht schon mal bei dem Verschwinden eines anderen Mädchens verdächtigt?...
Ist Magnus wirklich der Täter? Was hat das Filmprojekt Catherines mit dem Ganzen zu tun? Ist es Zufall, dass beide Mädchenvornamen mit "C" anfangen? Fragen, die im weiteren Verlauf den Leser trotz der eigentlich wenigen möglichen Täter martern und die spannende Zutat in einem Krimi sind, der vor allem aufgrund seines außergewöhnlichen Settings zu überzeugen weiß. Es ist diese einsame, karge und raue Landschaft, welche den Reiz ausmacht und die hier im Winter noch bedrückender und einengender erscheint. Cleeves schreibt ausdrucksstark, lässt die Insel, ihre Bewohner und die unwirtliche Jahreszeit lebendig werden, was dazu führt, dass man selbst den eisigen Wind auf der Haut zu spüren meint. Aber auch die Charakterisierung der einzelnen Personen ist gelungen. Ob Jimmy Perez oder Fran Hunter. Die Figuren werden glaubwürdig gezeichnet und Cleeves versteht es geschickt, die üblichen Klischees des Genres zu vermeiden. Stattdessen ermöglicht sie dem Leser durch die wechselnden Erzählperspektiven einen tieferen Einblick in die Gedankenwelt der Beteiligten, womit nicht nur die Beweggründe nachvollziehbarer werden, sondern man nach und nach auch die Motivation des Mörders erahnen kann. Bis dieser verraten wird, hat Cleeves den Leser auf verschiedene Fährten gelockt, um dann mit einem ebenso überraschenden (Damit hätte ich nicht gerechnet) wie plausiblen Ende, das während des Wikinger-Festivals "Up Helly Aa" spielt, den Schlusspunkt zu setzen.
Insgesamt ist "Die Nacht der Raben" ein spannender, sehr stimmungsvoller Kriminalroman aus dem kalten Norden, der sich geradezu perfekt als Lektüre für verregnete Tage eignet und mich bestens, wenn auch teilweise etwas langsamer, unterhalten hat. Ich freue mich auf die Fortsetzung, bei der dann hoffentlich nicht der Großteil der Handlung wieder auf dem Klappentext verraten wird.