"Ich hasse die Schule. Ich hasse sie. Nichts ist schlimmer auf der Welt. Sie macht mir das Leben zur Hölle." - Eigentlich tippe ich sehr ungern den Klappentext eines Buches ab. Dieser Klappentext, der gleichzeitig auch der Beginn der Geschichte um den 13-jährigen David ist, hat es allerdings verdient, gleich am Anfang erwähnt zu werden. Denn genau der ist der Grund, aus dem mein jüngerer Sohn das Buch überhaupt in die Hand nahm.
Gekauft hatte ich dieses Buch ursprünglich für mich selbst. Vor 2 Jahren streifte ich mal wieder durch die Chemnitzer Thalia Buchhandlung. Dort traf ich, wie meistens, auf eine mir bekannte Buchverkäuferin und machte ein kurzes Schwätzchen mit ihr. Am Ende des Gespräches griff sie auf einen neben uns stehenden Präsentationstisch und hatte den Roman "Ich habe sie geliebt" von Anna Gavalda in der Hand. Dazu sagte sie mir, dass ihr dieser sehr gefallen hat und schon landete er auf meinem eh schon großen Stapel ausgesuchter Bücher. Nachdem ich diesen gelesen hatte, kaufte ich mir erst einmal die anderen beiden bereits erschienen Werke dieser Schriftstellerin für Erwachsene, die Sammlung von Kurzgeschichten "Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet" und den Roman "Zusammen ist man weniger allein". Natürlich waren auch diese schnell ausgelesen. So forschte ich irgendwann im Netz, ob denn inzwischen noch mehr von dieser Autorin erschienen wäre und stieß auf diesen, ihren ersten, Jugendroman, der im Jahr 2005 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde. Bestellt habe ich ihn mir als Taschenbuch und wie so viele andere Bücher auch, bei buecher.de, wo ich es gerade für 5,00 Euro gesehen habe.
An einem Samstagnachmittag nahm ich mir dann den Roman zu Hand und hatte ihn binnen kürzester Zeit (weniger als eine Stunde) auch schon wieder ausgelesen. Ich war wohl als letztes damit auf dem Balkon und hatte ihn mit der Rückseite nach oben kurz auf den Küchentisch gelegt, als mein Sohn das Buch fand. Alex hatte zu dieser Zeit große schulische Probleme und identifizierte sich mit dem ihm ins Auge gesprungenen Klappentext. Dann blätterte auch noch kurz hinein und stellte fest, dass da nur 86 Seiten in relativ großer Schrift zu lesen waren. Er nahm das Buch mit in sein Zimmer und las zum allerersten Mal einen Roman aus eigenem Antrieb.
Der 13-jährige David ist total unglücklich. Er hasst die Schule und kann sich eigentlich an keine glückliche Zeit erinnern, seit er 3 ½ Jahre alt wurde und die Vorschule besuchen musste. Sobald das Thema Schule angeschnitten wird, kommt es zwischen ihm und seinen Eltern zu Spannungen. Er ist schon 2x sitzen geblieben. Ein Schultag beginnt und endet bei ihm immer mit regelrechten Bauchschmerzen. Einzig im Schuppen seines Großvaters Leon, wo die beiden ihre Zeit stundenlang mit gemeinsamem Basteln verbringen können, fühlt er sich richtig wohl. Sein Großvater ist auch so ziemlich der Einzige Mensch, der an ihn glaubt und felsenfest davon überzeugt ist, dass David oder Toto, wie er ihn liebevoll nennt, viel mehr kann, als er selbst denkt.
Jetzt ist er wieder einmal, aufgrund seiner schlechten Leistungen, von der Schule geflogen. Nun soll er von seinen Eltern auf ein Internat geschickt werden. Unter all dem Prospektmaterial, dass sich seine Eltern für die Auswahl seiner neuen Internatsschule besorgt haben, befindet sich nur einen einzige, in der er sich seine zukünftiges Schulzeit vorstellen könnte. Leider kann er mit seinen Zensuren die Zugangsvoraussetzungen keinesfalls erfüllen. Nach intensiven Gesprächen mit seinem Großvater, schreibt er dem Direktor der Schule einen verzweifelten Brief ...
Die französische Schriftstellerin und Journalistin Anna Gavalda wurde am 9.12.1970 in Boulogne-Billancourt geboren. Sie wuchs auf dem Land mit 3 Geschwistern auf. In Paris studierte sie Literatur und wurde mit ihrem Kurzgeschichten-Erzählband "Ich wünschte mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet", der 1999 im Pariser Kleinverlag "Le Dilettante" erschienen ist, berühmt. Im Jahr 2000 erhielt sie dafür den Grand Prix RTL-Lire.
Ihr erster Roman "Ich habe sie geliebt" hat autobiografischen Bezug. Heute lebt Anna Gavalda mit ihren beiden Kindern in Melun bei Paris. Nach ihrem ersten Erfolg gab sie ihre Anstellung als Französischlehrerin auf und wagte den Schritt zur freiberuflichen Tätigkeit. Als Journalistin schreibt sie z. B. für das Magazin Elle. Im Jahr 2007 wurde ihr zweiter Roman "Zusammen ist man weniger allein" verfilmt. Die Hauptrolle spielt übrigens der Star aus "Die fabelhafte Welt der Amelie" Audrey Tautou.
Im März 2008 erschien nun ihr dritter Roman "La consolante" bei Le Dilettante. Ich kann die deutsche Ausgabe kaum erwarten, da ich des Französischen leider noch weniger mächtig bin, als des Englischen.
Wie bereits oben erwähnt, hatte ich den flüssig und unkompliziert in der Ich-Form aus Sicht eines 13-jährigen geschriebenen Roman in weniger als einer Stunde durchgelesen. Seine Gefühle - Angst, Selbstzweifel aber auch kleine Freuden - und viele Selbstgespräche versetzten mich als Leser in ganz und gar seine Welt. Was natürlich auch für mich zur Folge hatte, dass ich mich hin und wieder schnäuzen oder mir gar Tränen wegwischen musste. Aber diese Phasen gingen durch den grandios eingesetzten Humor im Schreibstil glücklicherweise immer wieder schnell vorüber.
Mir selbst hat das Buch in der damals extrem problematischen Schulphase meines Sohnes sogar dahingehend geholfen, da ich in einigen Passagen ihn gefunden habe, aber auch mich und auch diverse in der Schule vorgefallene Situationen. Nur dass diese im Buch dann doch wesentlich extremer waren, als bei uns in der Wirklichkeit. Alex selbst hat diese Geschichte auch sehr berührt und er war froh darüber, dass diese Geschichte. die doch wesentlich schlimmer war, als seine eigene, ein doch so positives Ende nahm. Das lässt doch für die Zukunft hoffen.
Bei meinen Recherchen hatte ich gelesen, dass Anna Gavalda mit diesem Jugendroman das autoritäre französische Schulsystem kritisiert und für motivierte, interessierte und gerechte Lehrer plädiert, deren Aufgabe darin liegen sollte, den Schülern Freude am Lernen zu vermitteln. Dies sollte nicht nur in Frankreich so sein, nein, das kann man wohl 1:1 auf das deutsche Schulsystem adaptieren. Ich wünschte mir, dass dieses Buch für deutsche Lehrer und Schüler zur Pflichtlektüre würde.
Nur ein Beispiel aus der Schulproblematik meines Sohnes:
Anfang des vorigen Schuljahres kam er nach Hause. "Wir haben jetzt in Deutsch eine ganz tolle Geschichte, Spaghetti für zwei. Er erzählte sie mir und sagte dann auch, dass sie diese in der Schule nachspielen würden und dazu eine Ausarbeitung machen sollen. Er war jedenfalls richtig begeistert. Leider hielt diese Begeisterung nur wenige Tage an. In einer Deutschstunde fehlte er wegen Krankheit. Nach der nächsten kam er übel gelaunt nach Hause und verkündete, dass er mit dem Mädchen, was ihm letztendlich zugeteilt wurde, nicht spielen würde. Ich versuchte ihn zu überreden, es doch bitte trotzdem zu tun, aber er blieb stur. Das Mädchen würde stinken und keiner aus der Klasse will mit ihr zusammen spielen, alle würden ihn auslachen... Leider gelang es mir nicht, ihn zu überzeugen. Ich bat ihn dann einen Klassenkameraden zu bitten, mit ihm das Stück ein zweites Mal zu spielen.
Das tat er auch und der war einverstanden, doch leider erlaubte die Lehrerin das nicht und bestand darauf, dass er mit dem Mädchen spiele. So verweigerte sich mein Sohn und bekam die Note 6. Ich persönlich fand seine Verweigerung natürlich auch nicht in Ordnung, allerdings konnte ich seinen Standpunkt doch irgendwie nachvollziehen. Er befand sich zudem zum damaligen Zeitpunkt noch in der "Alle Mädchen sind doof"-Phase. Natürlich kann man sich nicht immer aussuchen, mit wem man später z. B. arbeitet etc. Aber das ist ein Lernprozess, der sich langsam entwickeln muss. Und ein solches Zwingen halte ich dem friedlichen Miteinander in der Schule nicht dienlich. Auf jeden Fall war ihm das Lernen dann erst mal wieder gründlich vermiest.
Dabei wäre es für die Lehrerin so einfach gewesen, ihn zu überzeugen, mit dem Mädchen trotzdem zu spielen. Hätte sie ihn auf Zensur mit dem Klassenkameraden spielen lassen und ihn sich dann zur Seite genommen und ihn gebeten, das Spiel mit dem Mädchen noch mal zu wiederholen, weil sie jetzt als einzige ohne Spielpartner wäre, hätte sie ihn, so wie ich ihn kenne, gehabt. Leider war aber so viel Diplomatie nicht drin, nicht mal der Versuch.
Auf jeden Fall kann ich den Roman "35 Kilo Hoffnung" nicht nur Jugendlichen empfehlen, sondern auch Erwachsenen. Er ist zwar in kurzer Zeit ausgelesen, aber diese Zeit erlebt man äußerst intensiv. Er kann Hilfestellung sein, wenn Kinder schulische Probleme haben oder aber einfach nur das Verständnis bereiten, dass nicht alle Kinder gleich gut lernen können und schlechtere Schüler auch ihre Qualitäten haben.
Leseprobe:
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Ein einziges Jahr fühlte ich mich in der Schule wohl. Das war im letzten Jahr der Vorschule, mit einer Lehrerin, die Marie hieß. Sie werde ich nie vergessen.
Wenn ich daran zurückdenke kommt es mir vor, als sei Marie nur Lehrerin geworden, um das weitermachen zu können, was sie am liebsten tut, nämlich basteln, Dinge erfinden und zusammenbauen. Ich mochte sie auf Anhieb. Vom ersten Morgen des ersten Tages an. Sie trug Kleider, die sie selbst genäht, Pullis, die sie selbst gestrickt, und Schmuck, den sie selbst entworfen hatte. Es verging kein Tag, an dem wir nicht irgendetwas mit nach Hause brachten: einen Igel aus Pappmaschee, eine Katze mit einer Milchflasche, eine Maus in einer Nussschale, Mobiles, Zeichnungen, Bilder, Collagen ... Das war eine Lehrerin, die nicht bis zum Muttertag wartete, um uns mit Scher und Pinsel zu bewaffnen. Sie sagte immer, eine gelungener Tag ist ein Tag, an dem man irgendetwas hergestellt hat. Wenn ich daran denke, wird mir klar, dass dieses Glücksjahr auch der Anfang meiner ganzen Misere war. Denn in diesem Moment hatte ich eine ganz einfache Sache kapiert: Nichts auf der Welt interessierte mich mehr als meine Hände und das, was ich mit Ihnen gestalten konnte.
Um mit Marie zum Ende zu kommen, ich weiß auch, was ich ihr verdanke. Einen einigermaßen erfolgreichen Start in die Schule. Sie hatte genau verstanden, mit wem sie es zu tun hatte. Sie wusste, dass mir schnell die Tränen kamen, wenn ich meinen Bornamen schreiben musste, dass ich mir nichts merken konnte. Und dass es der Horror für mich war, einen Kinderreim aufzusagen. Am Ende des Jahres ging ich am letzten Tag zu ihr, um ihr Auf Wiedersehen zu sagen. Ich gab ihr mein Geschenk. Es war ein super Behälter für Stifte mit einer Schublade für Büroklammern, einer anderen für Heftzwecken, einem Platz für ihren Radiergummi und das ganze Zeug. Ich hatte Stunden damit zugebracht, sie anzufertigen und zu verzieren. Sie freute sich sehr und war genauso gerührt wie ich. Sie sagte zu mir: "Ich habe auch ein Geschenk für dich, David ..." Es war ein großes Buch. Und sie fügte hinzu: '"Nächstes Jahr wirst du bei den Großen sein, in der Klasse von Madame Daret, und du wirst dir viel Mühe geben müssen ... Weißt du warum?" Ich schüttelte den Kopf. "Um alles entziffern zu können, was hier steht ..."
Zu Hause bat ich meine Mutter, mir den Titel vorzulesen. Sie legte das große Buch auf ihre Knie und sagte: "1000 Beschäftigungen für kleine Hände. Oje, da ist ja ein herrliches Durcheinander in Aussicht!"
Madame Daret konnte ich nicht ausstehen. Ich konnte ihre Stimme nicht ertragen, ihre ganze Art und ihre blöde Angewohnheit, immer Lieblinge zu haben. Aber ich lernte lesen, weil ich das Nilpferd in der Eierschale auf Seite 124 basteln wollte.
In meinem Vorschulabschlusszeugnis hatte Marie geschrieben: "Dieser Junge hat ein Gedächtnis wie ein Sieb, Finger wie eine Fee und ein riesengroßes Herz. Es müsste gelingen, daraus etwas zu machen." Das war das letzte Mal in meinem Leben, dass ein Lehrer etwas Nettes über mich sagte.