Leben unter Dauerkriegsbedrohung: eine Geschichte von Verlust, Trauer und existenzieller Not!
David Grossman hat in seiner Geschichte den Tod eines Helden verarbeitet. Der Roman gleicht fast einer Art Abgesang auf seinen Sohn Uri, der 2006 im Libanonkrieg getötet wurde. Visionär beschreibt er in seinem Roman den Tod des Sohnes von Ora, während sein eigener Sohn in einem Panzer von einer Rakete getroffen wurde.
In einem fiebrigen Dialog auf einer Krankenstation erzählen sich Ora, Avram und Ilan von ihren Kriegserlebnissen, die sie im Sechs- Tage- Krieg in Israel erlebt haben. Wirr und unausgewogen sind ihre Stimmen, teils gleichen sie Halluzinationen, teilweise Erlebtem, Befürchtungen und Schrecknissen, Sehnsüchten und immer wieder zeigen sie die Angst.
Nach einem Zeitsprung von zwanzig Jahren begleitet Ora ihren Sohn Ofer zu einer Sammelstelle für einen Freiwilligenkriegseinsatz. Der arabische Taxifahrer Sami, fast ein Freund der Familie, bringt sie dorthin. Auf der Fahrt wird allen bewusst, dass es gefährlich ist, eine Taxifahrt in diese Gegend mit einem arabischen Fahrer zu wagen. In einer der schönsten Passagen zeigt Ora mit unendlicher Empfindsamkeit, wie sehr sie bedauert, Sami zu dieser gefährlichen Fahrt aufgefordert zu haben.
Nach und nach, Satzfetzen um Satzfetzen, kommen Erinnerungen und Einfälle hinzu, die zur Geschichte Oras ein wenig Aufklärung bringen. Sie hat einen Sohn von Ilan, und sie hat einen Sohn von Avram, den Gefährten jener fernen Nächte auf der Krankenstation. Was ist aus ihnen allen geworden?
In einer tastenden, suchenden und atmosphärisch aufwühlenden Diktion nähert sich David Grossman seiner Geschichte: der Geschichte einer Frau, die vor einer Todesnachricht flieht. Ofer, ihr Zweitgeborener, hat sich noch einmal freiwillig zum Einsatz gemeldet, und Ora ist voller böser Vorahnungen. Sein Tod geistert als grauenvolle Nachricht durch ihr Bewusstsein. Sie meint, wenn sie nicht erreichbar sei, dann kann die mögliche Todesnachricht nicht wahr werden, und der Tod bleibt scheinbar ungeschehen.
Voller Angst flieht sie mit dem verstörten und kriegsgeschädigten Avram auf eine Reise nach Galiläa, denn Ilan, ihr Mann, hat sie schon kurz nach der Geburt des ersten Sohnes Adam vor langer Zeit verlassen. Dorthin, nach Galiläa, wollte sie jetzt eigentlich mit Ofer unterwegs sein. Auf ihrer Wanderschaft beleben Ora und Avram in unendlichen Gesprächen die Erinnerungen an Ofer und ihr vergangenes Leben. Auf der Reise kommen sich Ora und Avram wieder nahe, denn Avram war bisher außerstande, seine eigenen Kriegserlebnisse, Folterungen und Gefangenschaft zu verwinden.
Grossman hat das tägliche Leben Israels in seinem Roman atmosphärisch hoch sensibel eingefangen. Bedrohlich und unfassbar ist die permanente Todesnähe, und beängstigt fühlt man sich eingebunden in den unentwirrbaren und unheimlichen Alltag des Terrors und der Gefahren.
Die Teilnahme von Freiwilligen und Wehrpflichtigen an plötzlichen Einsätzen ist an der Tagesordnung, und jede Familie bangt um das Leben ihrer Söhne, Väter und Ehemänner.
Grossman bringt uns die Zerrissenheit des Landes nahe, die Familien entzweit, Völker demoliert und in dem sich Menschen auf allen Seiten von unheilbaren seelischen Wunden geschlagen sehen. Wer in Israel lebt, sieht sich dauerhaft unter dem Brennglas der Vergänglichkeit. David Grossman zeigt uns die Ohnmacht, das Ausgeliefertsein und die Schicksalskraft, mit der Dinge passieren, die man einfach nicht ertragen kann. Der Roman bietet ein anrührendes, unwiederbringliches und ergreifendes Zeugnis tragischer Ausweglosigkeit und fast biblischer Botschaften. David Grossmans sprachliche Symbolkraft ist von phänomenaler und einfühlsamer Feinheit im Ausdruck. Ein Meisterwerk ganz großer Erzählkunst ist dem hoch angesehenen israelischen Dichter David Grossman hier gelungen.