Leser-Rezension zu „Memnoch der Teufel” von Anne Rice
am 21.12.2010
Inhalt (Klappentext): Im verschneiten New York sucht Lestat die märchenhaft schöne Dora, die er heftiger liebt als je ein sterbliches Wesen zuvor. Die Fernsehpredigerin ist die Tochter des Drogenbosses Roger, der mit obsessiver Leidenschaft religiöse Kunst sammelt. Der zwischen seiner Vampirleidenschaft und seiner zärtlichen Liebe hin- und hergerissene Lestat beschließt, Roger zu töten. Doch dann fällt er einem bedrohlichen Gegner in die Hände: Memnoch, der vorgibt, er sei der Teufel. Memnoch versucht Lestat zu verführen, indem er ihm die Möglichkeit offeriert, der Schöpfung beizuwohnen, um die Welt vor Gott zu retten. Lestat muss wählen, ob er an Gott oder den Teufel glaubt, und er muss sich entscheiden, wem von beiden er künftig dienen will...
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Meine Meinung: Lestat, Gott und der Teufel. Was für eine Kombination, dachte ich, als ich das Buch zur Hand nahm. Seit ich "Interview mit einem Vampir" gelesen habe, bin ich glühende Anhängerin von Anne Rices Vampirchroniken. Sie hat mit Lestat, Louis und den anderen Charaktere geschaffen, die mir nicht nur ans Herz gewachsen sind, sondern mich auch zutiefst berühren - ganz abgesehen davon, dass sie wie richtige Vampire absolut nicht glitzern, sondern im Sonnenlicht verbrennen, so wie es sich gehört.
Als Leser habe ich es an einigen Stellen als durchaus schwierig empfunden, Lestat in der ersten Hälfte des Buches zu folgen. Er ist unstet, glänzt hauptsächlich durch die Aufmerksamkeitsspanne eines Fünfjährigen und erzählt manchmal ganz schön wirre Dinge. Anfangs hat mich das irritiert, aber dann habe ich mir in Erinnerung gerufen: Was anderes ist Lestat, als ein Kind? Ungeduldig, stur, ich-bezogen. Je weiter ich gelesen habe, desto mehr schien mir alles auf den Lestat zu passen, den ich aus den vorigen Büchern kenne. Trotzdem hat mich die erste Hälfte des Buches relativ kalt gelassen - zwar glaubt Lestat, vom Teufel verfolgt zu werden, doch der erste Teil ist doch sehr auf Roger und seine Tochter Dora fokussiert. An und für sich nicht verkehrt, aber ich hätte durch den Klappentext einfach einen anderen Aufbau erwartet. Als dann schließlich Memnoch in Erscheinung tritt und beginnt, Lestat von der Schöpfung, der Evolution, von seiner Auseinandersetzung mit Gott zu berichten, hätte ich beinahe kapituliert. Nicht etwa, weil die Thematik langweilig wäre oder der Schreibstil mich nicht angesprochen hätte. Aber ich bin in dieser Hinsicht ein bisschen wie Lestat: Ich bin ein unsteter Leser. Ich lese gerne auch mal ein paar Seiten, wenn ich zehn Minuten mit der Bahn fahre usw. Dieses Zwischendurch-Lesen harmoniert aber einfach nicht mit der tiefgründigen, philosophischen Materie, mit der dieses Buch sich beschäftigt. Nichts desto trotz habe ich Memnochs Erzählung sehr genossen, es hat selbst mir als erklärtem Atheisten den ein oder anderen Denkanstoß geliefert.
Zu guter letzt soll aber auch Anne Rices unglaubliches Gespür für Stimmung Erwähnung finden. Ich kenne nur wenige Autoren, die es derart verstehen, Bilder vor meinem geistigen Auge heraufzubeschwören. Um ein Beispiel zu benennen, ohne zu viel zu verraten: Gegen Ende hat Louis noch einen Auftritt. Ich weiß nicht, was Louis an sich hat, aber jedes Mal, wenn Anne Rice diesen Charakter beschreibt, ihn in Erscheinung treten lässt, berührt das was ganz tief in mir und meistens komme ich dann auch um ein paar Tränchen nicht herum, die ich mir meistens selbst nicht erklären kann. Ich betrachte sie einfach als Zeichen dafür, dass Anne Rice einfach besonders in der Figur des Louis und ihrer Beziehung zu Lestat etwas für mich einzigartiges, wundervolles geschaffen hat.
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Fazit: Der fünfte Teil der Vampir-Chroniken bekommt trotz des großen Lobes nur 3 Sterne von mir, die allerdings auf mein unstets Leseverhalten zurückzuführen sind. Ich denke, dass mir dieses Buch wesentlich mehr Freude bereitet hätte, wenn ich es in einem runtergelesen hätte, aber die Möglichkeit hat sich in den letzten Wochen einfach nicht ergeben. Dennoch, ein weiterer, wunderbarer Roman über die "guten alten Vampire".

