Leser-Rezension zu „Verlorene Stunden” von Anne Tyler
am 25.08.2010
A198 Verlorene Stunden von Anne Taylor Kategorie: Allgemein
Die Geschichte von Liam, dem Protagonisten aus Anne Tylors Roman „Verlorene Stunden“ ist schnell erzählt: Liam verliert seine Anstellung als Lehrkraft an der örtlichen Schule und nutzt diese Gelegenheit, die letzte Phase seines Lebens zu beginnen: den Ruhestand. Er verkauft einen Großteil seiner Sachen und sucht sich eine kleine Wohnung. Sein Plan ist ein beschauliches Leben, das ihm Zeit lässt seinen Gedanken im Schaukelstuhl nachzuhängen ohne weitere Verpflichtungen zu haben. Voller Euphorie und Tatendrang macht er sich an den Umzug. Doch schon in der ersten Nacht wird er überfallen, wacht im Krankenhaus wieder auf – ohne jegliche Erinnerungen daran, was sich in der Nacht tatsächlich ereignet hat. Bei dem Versuch, sich die Ereignisse der Nacht irgendwie wieder ins Gedächtnis zu rufen, legt er seine ganze Hoffnung in Eugine, die Erinnerungshilfe eines alternden Unternehmers. Doch sie hat nicht die hellseherischen Fähigkeiten, die er ihr in seiner Verzweiflung zuschreiben wollte. Aber sie hat etwas anderes, was ihm mehr hilft, als die Erinnerung. Sie zeigt ihm, was ihm wirklich fehlt im Leben. Durch sie erkennt er, dass es nicht die Erinnerungen an wenige Stunden in jener Nacht sind, die ihm fehlen, sondern ganz andere längst vergessene Erinnerungen. Und der Ruhestand scheint plötzlich nicht mehr das, wonach Liam eigentlich strebt.
„Verlorene Stunden“ ist ein Roman mit einer recht einfachen Handlung, der es dennoch nicht an Spannungsbögen fehlt. Viel wichtiger als eine spannende Erzählung ist für mein Empfinden aber die Aussage des Buches, das was die Geschichte eigentlich mitteilen will. Im Laufe des Romans werden aus verlorenen Stunden, verlorene Tage, Monate, Jahre. Bis sich der Protagonist mit der Frage auseinandersetzen muss, ob nicht sein ganzes Leben verloren ist. Hat er die ganze Zeit nur an seinem eigenen Leben vorbei gelebt? War er nur Statist in seinem eigenen Leben? Was genau macht ihn als Menschen aus? Er muss sich diesen Fragen stellen, ebenso der Frage, ob er seiner Frau, seinen Töchtern ein guter Ehemann und Vater gewesen ist. Seine erste Frau starb, seine zweite Frau hat ihn verlassen. Das Verhältnis zu seinen Töchtern ist kühl und abgeklärt, auch sein Enkel ist nur eine Randfigur in seinem Leben. Die Entwicklung, die der Protagonist im Laufe des Romans macht, ist erstaunlich. Zumal er in der Zeit nach dem Unfall, in der er eigentlich nur die Erinnerung daran wieder gewinnen möchte, Momente seines Lebens wieder vor sich sieht und diese aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachtet.
Das Buch zeigt, wie sehr man Herr seines eigenen Schicksales ist und dass die Beziehungen zu anderen Menschen, zu Partner und Kindern einer lebenslangen Pflege und Aufmerksamkeit bedürfen. Aber auch, dass es harte Arbeit ist, sich über seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse im Klaren zu sein und diese vor sich selbst ehrlich zu akzeptieren.
„Verlorene Stunden“ hat mir sehr gut gefallen, weil es mich zum Nachdenken bringen konnte. Wie werde ich wohl mein Leben als 60jährige reflektieren?
Der Schreibstil ist einfach gehalten, man kann das Buch sehr gut lesen und auch die Personen und Schauplätze waren gut ausgearbeitet, so dass man leicht in dem Buch versinken kann. Besonders der ständige Wechsel zwischen Resignation und Hoffnung, Traurigkeit und Lebensfreude, Liebe und Hass machen den Roman zu einem realistischen Spiegelbild der Gefühlslage eines Menschen am Wendepunkt seines Lebens.

