Gabriel Noone ist Schriftsteller, durchaus bekannt, aber derzeit mitten in einer persönlichen wie in einer Schaffenskrise. Sein Partner hat ihn verlassen. Peter Lomax ist ein missbrauchter Junge, der seine Erlebnisse in einem aufwühlenden Roman verarbeitet hat, HIV-positiv, von der Krankheit schwer gezeichnet, jeder Tag könnte sein letzter sein. Peter ist ein Fan von Noones Radiosendung und sucht Kontakt zu ihm. Die beiden beginnen zu telefonieren. Bald ist der Junge einer von Noones engsten Vertrauten. Noone hat das Gefühl, ihm alles sagen zu können, trotz des Altersunterschiedes, trotz der räumlichen Entfernung, trotz allem, was sie sonst trennt. Bis er zu zweifeln beginnt. An der Geschichte des Jungen, an seiner ganzen Identität. Klingt Petes Stimme nicht genauso wie die seiner – angeblichen – Adoptivmutter? Und warum hat ihn noch niemand je gesehen? Niemand beim Verlag, der sein Manuskript verlegen will, hat ihn leibhaftig getroffen. Alles, was von ihm existiert, ist eine Stimme am Telefon. Noone begibt sich auf eine Reise ins winterliche Milwaukee, um der Sache auf den Grund zu gehen, aber eigentlich, um sich zu beweisen, dass der Mensch, der ihm allein durch ihre Telefonate sehr ans Herz gewachsen ist, Pete, tatsächlich existiert.
Armistead Maupin, Autor der legendären „Stadtgeschichten“, hat mit dem „Nächtlichen Lauscher“ eine Art Schlüsselroman geschrieben. Denn ihm ist tatsächlich etwas widerfahren, wie es seiner Figur Gabriel Noone widerfährt. Und dann gab es da noch JT LeRoy, ebenfalls Autor, jedoch einer, den es nie gegeben hat – obwohl es sich bei ihm keinesfalls um eine Figur in einem Roman handelt. Hinter der Fassade des sexuell missbrauchten Jungen verbarg sich eine Frau mit Perücke und Sonnenbrille. Das merkte lange niemand. Auch nicht die weiblichen Stars, an deren Seite „er“ die Öffentlichkeit suchte (Diane Keaton, Debbie Harry, Courtney Love, Pink, Tatum O’Neal, Suzanne Vega ...).
Maupin, nein, Noone, sich ansonsten der Vorliebe von Schriftstellern bewusst, „juwelengeschmückte Elefanten“ zu schaffen, um ihre Geschichten auszuschmücken, schreibt, dass er diese Geschichte so schmucklos wie möglich erzählen wolle. Dabei ist die Geschichte an sich eigentlich äußerst abwegig. Eine psychisch labile Frau erfindet einen missbrauchten, sterbenskranken Jungen und sucht als dieser Junge Kontakt zu bekannten Schriftstellern und Stars, und das durchaus lange Zeit glaubwürdig.
Das Buch ist mit gut 350 Seiten nicht sehr dick. Aber selbst mit „nur“ 350 Seiten hat es seine Längen. Die Geschichte ist originell, und ob sie nun erfunden ist oder nicht, verstehe ich, dass man sie erzählen wollte – umso mehr, wenn sie nicht erfunden ist. Aber trotz allem trägt diese Geschichte meines Erachtens nicht sehr gut, jedenfalls nicht 350 Seiten lang. So füllt Maupin ein Gutteil dieser Seiten mit Erzählungen um die Trennung Gabriel Noones von seinem langjährigen Partner. Auch wenn man zugute halten muss, dass Noones angeschlagene Verfassung während dieser Zeit einen guten Nährboden für die aufkeimende Beziehung zu der körperlosen Stimme am Telefon bietet, ist’s irgendwann dann auch gut – dann artet es in ein Lamento aus. Denn eigentlich wollte man ja eine andere Geschichte lesen.