Ich liebe ihn.
Den Michael Tolliver.
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Jahre, gefühlte Jahrzehnte ist es her, dass ich die San Francisco Stadtgeschichten gelesen habe. Auch wieder mit Band 4 begonnen statt mit Band 1, egal, ich habe sie verschlungen..... und Jahrzehnte war mir nicht klar, was mir im Leben fehlt-----
Es ist mir klargeworden.
Es war meine logische Familie in San Francisco.
Es waren die Geschichten und Neuigkeiten, dieses Hoffen und Bangen, ob der HIV-kranke Michael nach Jon´s Tod eine Chance eines Lebens bekommt. In diesen Zeiten des Aids, diesen Zeiten des epidemischen Verlaufs in der Schwulenszene, dieses Nicht-Wissen, diese Zeit der Keine-Bahndlungsmöglichkeit, der Zeiten des Wen-beerdigen-wir-heute-aus-dem-Freundeskreis.
Wir durften in den 6 bändigen Geschichten miterleben, wie einer nach dem anderen sich infizierte, ein sympathischer Schwuler nach dem anderen krank wurde und elendig verstarb, mit dieser Serie wurde uns allen klargemacht, dass es nicht die "dreckige Szene" ist, nicht die "bösen menschen", die es trifft, sondern junge, kräftige, sympathische Kerle, die einfach nur eiskalt erwischt wurden und verstarben, noch bevor sie eine rechte Chance bekamen, ihr Leben richtig anzufangen. Männer in festen Beziehungen, mit intelligentem Wesen, wichtigen Arbeitsstellen.... das Schicksal nimmt keine Rücksicht. Was war ich im letzten Band foh, dass Michael in Thack nach Jon´s Tod einen neuen Partner fand, die Frage war nur, wie lange wird wohl Michael noch leben?
Umso überraschter war ich, als ich jetzt- gefühlte Jahrzehnte später- einen neuen Band sehe, mit dem passenden Titel "Michael Tolliver lebt"!
Ich muss dazu sagen, ich habe in meiner Kundschaft auch HIV-positive Leute, denn es macht nirgends halt. Auch diese stehen unter Dauermedikation, unter einem gesundheitlichen Auf und Ab, das ohne Unterlass an den Nerven zerrt und über Jahre zermürbt.
Eigentlich hat man ja schon vor Jahren abgeschlossen mit dem Leben, anfangs freut man sich über die "geschenkte Zeit", vielleicht wenige Monate, vielleicht noch 1-2 Jahre.... wenn daraus dann aber 20 Jahre werden, nie wirklich gesund, bei jedem Schnupfen neuer Abschied, dann klappt das nicht mehr mit dem Leben.
Das ist wie ein Auto fahren im roten Bezin-Bereich.... irgendwann bleibt der Wagen stehen, man weiss es, man weiss nur noch nicht, auf welcher Kreuzung!
So passend der Titel, wie eine Fanfare dröhnt es entgegen: Michael lebt!
Noch bevor man weiss, wie viel Zeit vergangen ist, seit dem 6. Band, kommt einem diese Nachricht fröhlich entgegen!
Hey, Michael lebt! Es geht ihm gut! Er hat ein Leben!
Aber wie geht es ihm? Was macht er heute? Wie alt ist er inzwischen? Was machen die anderen? Wo lebt er heute?
Oh Gott, ich muss mich erst mal setzten... nein, lieber gleich lesen.... man beginnt mit den ersten Sätzen... und ist drin!
Wie wenn man nur eben mal schnell Kuchen holen gewesen wäre!
Aber es sind Jahre vergangen, Michael ist alt geworden, alle anderen haben sich verstreut, Thack ist nicht mehr da, die schlimme Zeit danach hat Michael ohne uns durchgestanden.
Aber- oh Hoffnung!- nicht nur neues Glück gefunden, sondern DAS GLÜCK getroffen!
Und da wäre er nie hingekommen, niemals, wenn er nicht diesen schwierigen, verzwackten und verschlungenen Weg genommen hätte!
Er hat die Ruhe gefunden, die Aussöhnung mit so vielen Dingen, so viele Erkenntnisse gewonnen und er ist reif und weise geworden.
Das Buch ist wunderschön!
Ich wollte es eben mal schnell lesen, aber dazu bin ich dann doch zu sentimental, zu sehr verbunden mit den Figuren aus San Francisco. Damals wollte ich unbedingt nach den Staaten auswandern, mich unbedingt mal dort niederlassen, mal unbedingt diesen Flair erleben.
Heute lebe ich in Berlin, halte mich viel in ähnlichen Umgebungen auf, meine Niederlasung im Stadtbezirk mit 90% der Bevölkerung als Transvestiten, Schwule, Lesben, Freigeister, mein Wohnort im Stadtbezirk mit 99% Immigrationshintergrund, manchmal denke ich, es fehlen nur die Cable Cars... und natürlich Michael.
Ich habe jedes Wort eingesaugt, jede Redewendung genossen und alles hat mich tief berührt und mir das Gefühl des "Nach-Hause-Kommens" gegeben.
Auch wenn es natürlich nicht nur fröhlich ist, es ist melachnolisch, alternd, ein Buch des Abschieds und des Erwachsen-Werdens. Die Realität ist nicht aufzuhalten, neue Generationen beanspruchen den Platz, die Jugend des neuen Partners kann nicht über springen.
So lebt man und wartet. Wartet auf den Tod, der nicht kommt und es wird klar, dass es immer mehr Positive gibt, die "ganz natürlich" an Herzinfarkt, Krebs oder anderen Alterserkrankungen sterben, die nicht durch das HIV Virus verursacht werden.
Das erscheint wie Betrug. Hat man doch so viele der Freunde verloren, die sich nie weiterentwickeln in den Gedanken, sondern immer jung bleiben und irgendwann nicht mehr ins Leben passen.
Ob für alle von uns so eine neue Chance wartet?
Ob wir damit umgehen können? Ob der Tod ab einem gewissen Alter immer präsent sein wird?
Es gibt kein 5. Ziel!