Leser-Rezension zu „Codex Regius” von Arnaldur Indridason
am 20.08.2011
Isländischer Stipendiat mit zurückhaltender Natur gerät im Dänemark der 50er-Jahre in die Suche nach den verlorenen Pergamentblättern des (real existierenden) Codex Regius als Adlatus eines abenteuerlustigen Professors.
Isländische Handschriften. Tja nun - ich kann nicht sagen, dass mich das je interessiert hätte, noch hat die Lektüre daran etwas geändert.
Muss es auch nicht. Wenn die Geschichte als solche funktioniert. Und sie funktioniert durchgängig.
Aber wieder einmal habe ich mich gefragt, wieso mich Indriðasons Werke bei der Stange halten.
Außergewöhnlicher Stil ist es sicher nicht, seine Sprache ist klar, kurz und einfach, manchem vielleicht zu einfach, aber das ist ja per se kein Ausschlusskriterium, und man sollte einfach nicht mit einfältig verwechseln.
Also muss es etwas anderes sein.
Indriðasons Hauptwerk, die Krimi-Reihe um Kommissar Erlendur, überzeugt durch die Beschreibung aus oft eigentümlichen Todesumständen, trockenem bis derbem Humor und beklemmender Schwermut, einer Schwermut, die einem der beständige Regen unter bleigrauen Wolken anscheinend ins Gemüt spült und jeden Anflug von Leichtigkeit ertränkt.
(Freilich hat es auf mich den gegenteiligen Effekt; hab ich erwähnt, dass ich Regenwetter mag?)
Codex Regius dagegen spart mit eigentümlichen Todesumständen, der Humor ist weniger trocken aber dezent gesetzt, und Schwermut weicht einem verhaltenen Optimismus und der Aufbruchstimmung dieser Zeit, wobei Kriegssünden natürlich noch immer ihre langen Schatten werfen.
Es muss wohl an Indriðasons Schreibgeschick liegen, über Menschen zu erzählen, ohne große Sensationen und vordergründige Effekte, warum ich seine Bücher gerne lese. In diesem Fall mit Ausflügen in die isländische Geschichte und Anleihen bei Abenteuer- und Kriminalromanen, in einer Weise, die mich am Ende jeder Seite umblättern lässt, ohne dass ich mittels der heute üblichen Stilmittel wie Cliffhanger und schnelle Schnitte durch die Handlung geprügelt werde.
Ab und an mag ich diese ruhige Erzählweise, vorzugsweise in der Abenddämmerung, bei Sturm, wenn der Regen gegen die Fensterscheibe trommelt und die eigene Couch der gemütlichste Ort der Welt ist. Und: Wenn die eigene getragene Stimmung ihren Widerhall in der Lektüre finden möchte.
Auffallend neben wenigen Druckfehlern waren einige stilistische Patzer, wie zum Beispiel Häufung von Fügungen wie 'auf was', 'um was', 'durch was'; umgangssprachlich gebräuchlich, sollten solche Fügungen aber mit Umstandsfürwörtern ersetzt werden, meistens mit wo- gebildet sind sie in der Schriftsprache die bessere Wahl, also nicht 'auf was', 'um was', 'durch was', sondern 'worauf', 'worum', 'wodurch' usw.
Diese und andere Patzer halten sich zwar in engen Grenzen, verhindern aber dennoch eine Wertung in Richtung 4 Sterne, in die das Buch in seiner Gesamtheit tendiert.
Keinen Gefallen getan hat sich der Verlag mit der Einordnung von Codex Regius als Thriller. Was soll das? Jene Leser, die einen Thriller erwarten, werden enttäuscht sein, und andere, die mit dem Genre fremdeln, hätten vielleicht zum Buch gegriffen, wenn es schlicht aber richtig als Roman eingeordnet worden wäre. So vergrault man Käufer.



