Leser-Rezension zu „Kälteschlaf” von Arnaldur Indridason
am 13.04.2010
Der Gedanke, einem geliebten Menschen auf die ‘andere Seite’ folgen zu können, läßt manche Menschen nicht mehr ruhen. Und obwohl Marias engste Vertraute Karin weiß, dass sich ihre Freundin von dem Verlust ihrer Mutter nie erholt hat, ist es ein Schock: Ausgerechnet Karin findet Maria so auf – erhängt in ihrem Sommerhaus am See von Thingvellir.
Da Island traurigerweise seit Jahren die europaweite Statistik der Selbstmordraten anführt, rückt Arnaldur Indridason wie bei all seinen Krimis auch in diesem Fall wieder ein ganz konkretes gesellschaftliches Problemfeld seines Heimatlandes in den Fokus. Es ist eines der herausragensten Merkmale dieser Krimireihe um den introvertierten Kommissar Erlendur, dass seine Fälle bisher ohne Ausnahme ein möglichst realistisches Abbild der isländischen Gesellschaft widerspiegeln. Diese Mischung aus hochaktueller Gesellschaftskritik und komplexen Ermittlungsstrategien nimmt auch die Hörer von „Kälteschlaf“ wieder stark gefangen, wenn sie Erlendur und seine Kollegen bei ihrem mittlerweile achten Fall begleiten.
Obwohl es sich bei diesem Todesfall ganz offensichtlich um Selbstmord einer trauernden und lebensmüden Frau handelt, äußert vor allem Karin wiederholt ihre Bedenken. Letzendlich sind es die Hinweise auf ein bereits Jahrzehnte zurück liegendes medizinisches Experiment, welche Erlendur stutzen lassen. Ausgerechnet die sogenannte Hypothermie, ein auch als Kälteschlaf bezeichneter Zustand, hat damals eine Gruppe von Studenten mehr als interessiert.
Das Interesse von Maria hingegen hat sich kurz vor ihrem Freitod offensichtlich auf den Bereich des Übersinnlichen gerichtet. Wieder ist es Karin, die das Kommissariat verwirrt und herausfordert, in dem sie Erlendur den Mitschnitt einer Séance zukommen läßt.
Nach „Codex Regius“, einem abgesetzten Thriller neben der Erlendur-Serie, ist mit „Kälteschlaf“ nun das neueste Werk des bekannten isländischen Autors in deutscher Sprache erschienen. Ein stetig gehaltener Spannungsbogen und eine Liste unvorhersehbarer Ermittlungsschritte machen dieses Werk zu einer Pflicht nicht nur für die eingefleischten Fans nordischer Literatur.

