Nachdem bereits einige Fälle mit Kommissar Erlendur Sveinsson mit großem Erfolg in Deutschland veröffentlicht worden sind, liegt mit "Menschensöhne" nun auch Arnaldur Indridasons Debütwerk in deutscher Übersetzung vor. Und wie auch in seinen Nachfolgern, so frönt der isländische Autor auch hier seiner Vorliebe für Mordfälle, dessen Ursprünge weit in der Vergangenheit liegen. Wenngleich sich dadurch meist die Ermittlungen etwas schwierig gestalten, so hat Indridason in den späteren Bänden der Reihe in Punkto Storyaufbau doch oft ein glückliches Händchen bewiesen. In seinem Erstling wirkt all das jedoch noch völlig unausgegoren, obwohl der Plot durchaus Potenzial für einen spannenden Kriminalroman gehabt hätte:
Island Mitte der 90er Jahre. Die sonst so friedliche Insel im Nordatlantik wird durch einen brutalen Mord erschüttert. Der pensionierte Volksschullehrer Halldór wurde an einen Stuhl gefesselt, mit Benzin übergossen und samt seinem Wohnhaus über ihm verbrannt. Ein beispielloses Verbrechen auf dem sonst eher idyllischen Eiland, das die beteiligten Ermittler, darunter auch Kommissar Erlendur, vor einige Probleme stellt. Bei weiteren Nachforschungen stellt sich schließlich heraus, dass der alte Lehrer sich in der Vergangenheit an seinen Schülern vergangen haben soll. Ein gutes Mordmotiv, das noch stichhaltiger wird, als sich der Buchhändler Pálmi mit der Polizei in Verbindung setzt. Dessen schizophrener Bruder Daníel, ehemaliger Schüler Halldórs, hat zum selben Zeitpunkt in seiner psychiatrischen Anstalt Selbstmord begangen. Besteht zwischen den beiden Toten eine Verbindung? Pálmi nimmt selbst die Fährte auf und fördert bald ein dunkles Geheimnis zu Tage...
Was nach einem üblichen Erlendur-Fall klingt, liest sich leider über lange Strecken doch mitunter nur sehr zäh, was auch daran liegt, dass die eigentliche Hauptfigur hier zum Nebendarsteller degradiert wurde. Die Figur Erlendur hat Indridason in seinem Erstling nur grob ausgearbeitet. Gedanken, Gefühle und die später so bedeutenden Lebensumständen bleiben dem Leser weitestgehend verborgen, was es ihm schwer macht, eine Verbindung zu dem Ermittler herzustellen. Stattdessen steht Pálmi im Mittelpunkt, der die eigentliche Polizeiarbeit leistet und nach und nach die Wahrheit ans Licht bringt. Von Ermittlungen kann jedoch nicht wirklich gesprochen werden, denn das Geschehen löst sich vielmehr im Laufe des Buches von selbst auf, und weniger mittels irgendeiner Form der Kombinationsgabe. Hinzu kommt, dass dies alles sehr schleppend und gemächlich passiert, was dem Spannungsaufbau nicht gerade zuträglich ist. Die extrem gedrückte und melancholische Stimmung lässt, besonders im Verbund mit einigen viel zu offensichtlichen Hinweisen des Autors, nur streckenweise richtigen Lesespaß aufkommen.
Sehr schade, da es dem Plot nicht an guten Ideen mangelt und sich Indridason eigentlich sehr gut auf die Beschreibung des Innenlebens der Charaktere versteht. Hier wird das jedoch zu selten konsequent zu Ende geführt, was letztendlich zur Folge hat, das erst im letzten Drittel das Buch mit einigen Wendungen zu überraschen und fesseln vermag. Aus völlig unnachvollziehbaren Gründen schließt das Buch schließlich in einem Sciencefictionähnlichen Ende, welches in keinster Weise zum vorherigen Stil passt und einen bitteren Nachgeschmack lässt. Was sich der Autor da gedacht hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben.
Insgesamt ist "Menschensöhne" das durchschnittliche Erstlingswerk eines guten Kriminalautors, der in seinen Nachfolgern bewiesen hat, dass er es eigentlich besser kann. Vernachlässigenswerter erster Band einer sich im weiteren Verlauf steigernden Reihe.