Ein junger Mann erzählt die Geschichte seiner Familie – wie sie in der Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus zuerst argwöhnisch, aber noch nicht ängstlich die Situation beäugt, wie der Antisemitismus in Druck und Gewalt überschlägt, wie Verfolgung, Leid und Tod über jeden Einzeln kommt, wie persönliche Verluste zu einem Massenphänomen werden, wie manch einer die Greuel und die Lager überlebt – um am Ende festzustellen, dass Überleben und Überleben zwei paar Schuhe sind.
Klingt wie schon oft geschrieben. Wieder so ein Erinnerungsbuch. Gut, dass es sie gibt, aber nicht mehr spektakulär. Könnte man meinen. Aber dann hat man nur den Klappentext gelesen und noch nicht hineingeschaut in „Die vollständige Maus“ von Art Spiegelman.
Denn Spiegelman legt die zu erzählende Geschichte, die auch die seiner Familie ist (ob nun direkt oder übertragen, sei dahingestellt), in die Hände eines Comiczeichners, einer Maus namens Artie. Richtig, einer Maus. Auch Vater Wladek ist eine Maus und die Freundin Francoise und die Stiefmutter Mala. Nur die Deutschen, die sind keine Mäuse, die sind Katzen. Und viele andere Tiere spielen mit, so dass das Unsagbare und das Unmalbare hör- und zeigbar wird. Aber es macht die Darstellung für den Leser nicht leichter, vielleicht sogar im Gegenteil. Denn wo die Maus als Symbol steht, steht auch die Katze und das Schwein, und der Mensch wird animalisch und auch irgendwie wieder nicht. Spiegelman spielt mit Stereotypen und Zuschreibungen, und das mag vielleicht sogar bitter aufstoßen. Aber auch die Maus an sich ist kein reines Tier, die Verfolgten werden nicht erhoben und die Täter nicht animalischer als animalisch gemacht.
Die Geschichte, die erzählt und gezeichnet wird, hat mich zutiefst berührt und beeindruckt. Denn auch wer aus dem Holocaust als Überlebender herauskam, hatte danach oftmals alles andere als ein normales Leben. Sich immer wieder die Frage stellen zu müssen, warum man selbst überleben durfte, während das eigene Kind oder die Mutter sterben mussten – ein immer wiederkehrendes Trauma.
Besonders wichtig erscheinen diese Erzählungen, da die letzten Zeitzeugen so langsam von uns gehen. Literatur mit erhobenem Zeigefinger gibt es genug – und sie ist auch wichtig -, aber die Chance dieses Buches ist seine Form – der Comic. Absolut empfehlenswert, absolut notwendig, absolut 5 Sterne!
P.S.: Dieses Buch gibt es als Lizenzausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung für wenig Geld.