Schreibt ein israelischer Autor ein Buch über den Alltag von Palästinensern und Israelis und nennt es „Ein schönes Attentat“, zieht er sich schon allein aufgrund des Titels den Zorn zahlreicher seiner Landsleute zu. Die Wucht dieser Provokation werden deutsche Leser, die noch nie einen Bus in Tel Aviv benutzt oder eine Bar in Jerusalem besucht haben, nur erahnen können. Aber Assaf Gavron versteht sich aufs Provozieren, durchaus auch auf subtile Weise und so, dass sich Leser weltweit über die kleine Unverschämtheit in vollen Zügen ärgern oder erfreuen können. Zum Beispiel, wenn er vom 11. September erzählt, dem Tag, an dem auch für Eitan Einoch, einen der Helden aus „Ein schönes Attentat“, und seine Freundin nichts mehr so wie vorher war. „Dutschy und ich lebten seit vier Jahren zusammen, Dutschy und ich beschlossen zu heiraten, das Datum wurde auf den 11. September 2001 gelegt, Dutschys Mutter erlitt einen Herzanfall und verschied einen Tag vor der Hochzeit, Hochzeit abgesagt, und seitdem war dieses Wort, ‚Heirat’, nie mehr in unserer Nähe vernommen worden.“
Wie hier die kleine, private, sich tausendfach ereignende alltägliche Katastrophe die große, globale und einzigartige in den Schatten stellt, mag mancher auch fast zehn Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center noch als pietätlos empfinden. Aber Gavron setzt noch eins drauf und zitiert respektlos den weiteren Verlauf der Weltgeschichte, um zu beschreiben, welche Folgen der Tod der auserkorenen Schwiegermutter für die Lebensplanung des Paares hatte. „Es war, als ob es um uns herum einen sterilen Kreis gäbe, den“ das Wort Heirat „nicht zu durchdringen vermag, als wäre es mit Schloss und Siegel versehen worden, als hätte man eine ganze Armee nach ihm ausgeschickt und es hätte sich in Höhlen geflüchtet.“ Osama Bin Ladens mögliches Schicksal und die glücklosen Anstrengungen des amerikanischen Militärs in Afghanistan auf diese Weise metaphorisch auszubeuten, das zeugt nicht zuletzt auch von der Wut eines Autors, der weiß, dass das Ausmaß von Gewalt und Schrecken in der globalisierten Welt keine objektive Größe ist, sondern der Relativierung durch ihre mediale Präsenz unterliegt.
Assaf Gavrons viertes Buch steckt voller kleiner Provokationen und Geschmacklosigkeiten, die keine Rücksicht auf politische Korrektheit nehmen und hässliche Auswüchse einer durch jahrzehntelange politische Gewalt geprägten Gesellschaft schonungslos ins Rampenlicht stellen. Der Held des Romans, Eitan Einoch, überlebt innerhalb kürzester Zeit drei Terrorakte. Dieser Umstand qualifiziert ihn unter anderem als „Fachkraft“ für die Betreiber illegaler Kasinos, die Wetten auf Ort und Ausmaß künftiger Anschläge annehmen. Solche Spiele schildert Gavron aber auch als Zeitvertreib, der Zusammenhalt in Bürogemeinschaften stiftet.
Die größte Unverfrorenheit gestattet sich der Autor aber durch den Umstand, dass er „Ein schönes Attentat“ aus einer zweiten Perspektive erzählt, aus der des Palästinensers und Attentäters Fahmi, dessen Anschlägen Eitan Einoch ein ums andere Mal entkommt. Den „Terroristen“ schildert Gavron dabei als Menschen, der, zerrissen zwischen israelischen Demütigungen, palästinensischem Freiheitskämpferpathos und der Liebe für seine Familie, um Würde kämpft, als eine ganz und gar liebenswerte Person also. Auf diese Weise erzählt Gavron eine Geschichte, in der sich die Personen nicht mehr eindeutig in Opfer und Täter unterscheiden lassen. Der Zynismus der israelischen Gesellschaft stößt ab, während der palästinensische Überlebenskampf Respekt abnötigt. Genauso wird aber auch die religiös gespeiste Verbohrtheit der Selbstmordattentäter schonungslos analysiert und das Leid ihrer Opfer anrührend geschildert. Und es gibt einen jüdischen Arzt und Wissenschaftler, der zur Rettung Israels vor dem Untergang die Lektüre von „Mein Kampf“ empfiehlt, und einen palästinensischen Terroristen, der in letzter Sekunde Skrupel zeigt.
Assaf Gavron war maßgeblich an der Entwicklung des 2007 erschienenen Computerspiels „Peacemaker“ beteiligt, das versucht, den Nahost-Konflikt zu simulieren und dem Spieler die Aufgabe auferlegt, Frieden zwischen Palästinensern und Israelis zu stiften. Von seinen Freunden, so Gavron, sei er immer wieder gefragt worden, ob man dieses Spiel überhaupt gewinnen könne. Für den Autor lautet die Antwort ja, nicht nur in der virtuellen, sondern auch in der realen Welt. Dieser unerhörte Optimismus ist auch in „Ein schönes Attentat“ zu erahnen, wenn auch immer wieder von resignativer, melancholischer Trauer verschleiert. Er nährt sich von der Hoffnung auf eine Aussöhnung zwischen privatem und öffentlichem Schicksal, von der Hoffnung auf eine Welt, in der die Beschränkung auf das Private nicht gleichbedeutend ist mit der Duldung öffentlichen Unrechts und in der die Privatsphäre nicht andauernd durch solches Unrecht verletzt wird. Diese Hoffnung hat Gavron in seinem Buch überzeugend zum Ausdruck gebracht, in einer nüchternen Sprache, die falschem Pathos keine Chance lässt.
Und es ist diese Hoffnung, die erahnen lässt, dass die Gleichsetzung der gescheiterten Hochzeitspläne mit der Katastrophe des 11. September vielleicht doch nicht einfach nur als Provokation gemeint ist. Eitan Einoch hat es nicht geschafft, sein Leben in der Umlaufbahn bürgerlicher Existenz zu halten. In diesem Sinne steht die gescheiterte Hochzeit gleichberechtigt neben den Anschlägen, die er überlebt.