Ich habe selten so schöne Weihnachtsgeschichten gelesen, die mich auf eine vertraute Art in den Schlaf gewogen haben. Von irgendwo hörte ich fröhliches Kinderlachen, das Knirschen von Schnee unter kleinen Schuhen und das Knistern vom Feuer. Die Weihnachtsgeschichten holen uns die bekannten Kinder aus Astrid Lindgrens Büchern unterm Tannenbaum. Ich spreche von Madita,Lisabet, Mia-Maria, Jonas, Lotta, Pelle, Johann und vielen anderen, die in einer Zeit spielen, die mir vollkommen fremd ist und gleichzeitig ein Heim geben, aus dem ich als Gast nicht wieder hinaustreten möchte, zumindest jetzt noch nicht.
Am meisten beeindrucken mich die Kinder, die so mutig, hilfsbereit, bescheiden und auf eine liebevolle Art eigensinnig sind, Fehler machen, die sie zunächst aus der Kurve schleudern, welche sie später aber hinnehmen wie Lotta, die eben doch nicht alles kann, wie sie anfangs ihren Geschwistern groß posaunte, denn Slalom bekommt sie einfach nicht hin. Oder Lisabet, die dem kleinen Gustav beweisen will, dass sie auch auf einen fremden Schlitten steigen und auf den Kufen mitfahren kann wie er. Dumm nur, wenn der Schlittenfahrer nicht anhält und wie wild durch die Gegend fährt bis Lisabet irgendwann die Kraft verliert, dem Fahrer schließlich zum Anhalten bittet und dieser total gedankenlos das Mädchen ausmeckert und es allein im Wald stehen lässt. Dumm nur, dass es ausgerechnet dann so sehr schneit, dass „Lisabet so böse auf den Schnee ist, dass sie am liebsten darauf spucken möchte“. Am Ende wird sie Gott sei Dank von den Hansson, die mit ihrem Schlitten vorbeifahren, mitgenommen und nach Birkenlund gebracht. So ist es mit den meisten Geschichten. Die Jungen und Mädchen tappsen in die Falle und kommen dann doch geschickt wieder hinaus.
Die Kinder wachsen in Lindgrens Weihnachtsgeschichten oft über sich hinaus wie beispielsweise Polly. Pardon: Die patente Polly, die schon, als sie noch mit drei Monaten im Korb vor Großmutters Haustür lag, irgendwie patent ausgesehen hat. Polly hilft nun ihrer Großmutter, weil die sich ihr Bein gebrochen hat und das nur wenige Tage vor Weihnachten! Genau dann, als die selbstgemachten Bonbons auf dem Weihnachtsmarkt verkauft werden müssen. Und nicht zu vergessen, ist da noch das Haus, das vor dem besonderen Ereignis hergrichtet wird, bei Astrid Lindgren heißt das: Das Weihnachtsgroßreinemachen. In einer anderen Geschichte lacht man allerdings nicht so viel: „Als der Bäckhultbauer in die Stadt fuhr“. Der Leser erlebt einen traurigen Johann, der nur zwei Tage vor Weihnachten seine geliebte Kuh verlor, weil sie einen Nagel verschluckt hat. Die ganze Familie ist von der Kuh abhängig und alle sind tief betroffen. Ebenso der Junge, dem Astrid Lindgren folgende Worte in den Kopf legt: „Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt, dachte Johann. Es gab keine Hilfe für den, der arm war. Es geschahen nur entsetzliche Dinge. Kühe starben einem weg und weder Gott noch die Menschen fragten danach.“ Nach diesen Sätzen muss man erst einmal schlucken und innehalten, so sehr treffen sie den Leser ins Herz. Doch eben dies gehört auch in ein Weihnachtsbuch, Geschichten über Menschen, die kämpfen müssen, um zu überleben. Die Autorin zeigt es und gibt Hoffnung. Der Stern am Himmel leuchtet nach Erlebnissen wie diesen noch kräftiger am Himmel.
Was mich immer wieder aufs Neue fasziniert und begeistert, ist die Sprache der Autorin. Sie legt den Kindern liebevolle freche Sätze in den Mund, aber auch Sätze tiefer Menschlichkeit und Gefühl, Sätze, in die man sich gern hineinlegen möchte wie in einen Schlitten, man möchte auf und davonfahren mit diesen Sätzen, weil sie den Kindern eines sagen: Hab kein Angst! Sei mutig und sei ganz du selbst! Riskier auch mal was! Wenn du hingefallen bist, kannst du auch wieder auftstehen!
Nicht selten frage ich mich: Wo sind die Kinder von einst geblieben? Kinder, die sich für kleinen Dinge begeistern? Kinder, die sich über das Weihnachtsfest freuen, weil es auch bedeutet, dass alles liebevoll hergerichtet ist, dass es leckere Köstlichkeiten zum Essen gibt, Nüsse und Bonbons und das alle gemeinsam Haus und Hof für das Fest herichtet; Lieder werden gesungen, alle freuen sich über den Schnee. Bei Astrid Lindgren dreht es sich nicht hauptsächlich um die Frage, was es für Geschenke gab, sondern, was es für ein wunderbares Erlebnis ist, wenn die ganze Familie beisammensitzt und alle Augen vor Glück strahlen.