Rezension verfasst vor 2 Jahren
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Es ist schwer, dieses Buch zu beurteilen. Mein erster Gedanke, nachdem ich die letzte Zeile gelesen habe, war: Toll! Und im Grunde ist das Buch auch toll. Benjamin Leberts dritter Roman ist vergleichbar mit seinen ersten beiden und dennoch ganz anders. Während es bei Crazy überwiegend um körperliche Leiden und das Erwachsenwerden ging, ist der Ich-Erzähler Tim in Kannst du ein 21-jähriger Schriftsteller, der nach dem Erfolg seines Debütromans eine Schreibblockade hat und nichts Rechtes zustande bringt. Die Parallelen zu Leberts wirklichem Leben sind, genau wie in Crazy, ziemlich deutlich. Und gleichzeitig wünscht man sich, dass ein großer Teil der Geschichte nur erfunden ist.
Tim geht mit Tanja auf eine Interrail-Reise durch Skandinavien. Der Trip entpuppt sich allerdings schnell als emotionales Abenteuer, denn Tanja, so stellt Tim sehr schnell fest, ist psychisch krank. Immer wieder rastet sie aus, sie spricht von Selbstmord, verletzt sich selbst. Tim startet am Ende einen letzten Versuch, sie zu retten. Ob es gelingt - bleibt offen.
Der Reiz dieser Geschichte besteht darin, dass Tim als Jungschriftsteller vieles erlebt, was andere junge Männer seines Alters überhaupt nicht kennen. Einerseits ist das sehr spannend, aber andererseits kann ein Leser sich deshalb nicht richtig mit ihm identifizieren. Wahrscheinlich gelingt das noch eher den weiblichen Lesern, die in Tanja die verletzte Seele sehen, die an den Anforderungen des Lebens und den Erwartungen der Eltern zu Grunde geht und auf der Suche nach sich selbst, nach dem Sinn des Daseins ist.
Insofern ist diese Geschichte schmerzhaft, aber immer wortgewaltig, fesselnd und gut. Leberts Sprache ist einmalig für seine Generation; er schreibt wie kein anderer.
Dennoch bleibt der Leser am Ende auch fragend zurück. Er fragt sich, warum Lebert nach seinen ersten beiden beeindruckenden Romanen sich dazu herablässt, so viel über Sex, missglückten Sex, zu erzählen. Lebert benutzt hier auch die entsprechenden Worte und im Kontext zu dem Rest des Romans denkt man sich, dass das unnötig ist. Tim verschleudert sein Geld, das er durch seinen Roman verdiente, gern in Bordellen. Während der Reise mit Tanja, die er öfter allein im Zimmer zurücklässt, verkehrt er mit Prostituierten. Das macht ihn als Figur mit jeder Seite unsympathischer. Nun ist es natürlich nicht Aufgabe eines Romanautors, alle seine Protagonisten nur positiv darzustellen, aber in diesem Falle ist das genau das Fatale an der Geschichte: Die Figuren Tim und Tanja entwickeln sich nicht weiter, die Handlung ist zeitweise etwas dünn geraten. Ein bisschen weniger Sex, ein bisschen mehr Authenzität würden diesem Roman gut tun. Aber es gibt etwas, was darüber hinwegtröstet: Tim erzählt zwischen den Erlebnissen der Reise auch immer wieder von seiner Familie, seinem Bruder, der sich das Leben nahm. Diese Teile des Romans gehen dem Leser besonders unter die Haut.
Alles in allem ist der Roman trotz einiger "Defizite" durchaus lesenswert. Mit seinen knapp 260 Seiten liest er sich zügig und alle, die danach unzufrieden zurückgelassen werden, dürften sich nicht über vertane Zeit ärgern. Und alle, die das Buch nach dem Lesen doch mit einem guten Gefühl weglegen - sie tun es zu Recht.
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