Mit einem dumpfen Klappen schlägt das Buch in meinen Händen zu. Ich sitze da und lausche meinem Atem, langsam beginnt mein Herz wieder gleichmässig zu schlagen, doch noch immer wirbeln meine Gedanken ziellos umher. Ich versuche, das gerade Gelesene zu greifen, zu rekonstruieren, zu ordnen. Langsam, ganz langsam, entwirrt sich in meinem Kopf die Geschichte, die ich soeben zu Ende gelesen habe.
Begonnen hat alles mit einem Koffer, der ausgerechnet am Schabbes bei Jan Wechsler, dem Inhaber eines kleinen Literaturverlages in München, eintrifft. Und wenn sein Nachbar nicht zufällig genau in dem Augenblick vorbei gekommen wäre und den Empfang quittiert hätte, hätte er ihn nicht entgegengenommen. Es handelt sich um einen kleinen, schwarzen Pilotenkoffer, und auf dem daran befestigten Etikett sind, in seiner eigenen Handschrift, sein Name und seine Anschrift vermerkt. Trotzdem ist er sich sicher, den Koffer noch nie gesehen zu haben.
Doch das ist erst der Beginn einer Reihe von merkwürdigen Tatsachen. So findet er in dem Koffer, als er ihn schliesslich nach einigem Zögern öffnet, ein Buch mit dem Titel „Maskeraden“. Der Autor: kein anderer als er selbst, Jan Wechsler! Allein, er kann sich nicht erinnern, jemals ein solches Buch geschrieben zu haben. Noch viel weniger, nachdem er es gelesen hat. Zudem behauptet der Klappentext, dass er, also Jan Wechsler, in Israel geboren und aufgewachsen sei, und nicht in Ostdeutschland, wie es seinen Erinnerungen entspricht.
Anfangs glaubt er an eine Verwechslung, an einen Zufall, einen anderen Autor mit seinem Namen. Der Koffer und die darin enthaltenen Gegenstände lassen ihn jedoch nicht los und er beginnt, Nachforschungen anzustellen. Damit beginnt eine Suche nach diesem „anderen“ Jan Wechsler. Je mehr er ihm auf die Schliche kommt, desto weniger erkennt er sich in ihm wieder und desto mehr deutet jedoch alles darauf hin, dass es sich dabei um niemanden anderen als ihn selbst handelt.
Die zweite Hauptperson dieses Buches, Amnon Zichroni, wächst in einer orthodoxen jüdischen Familie in Israel auf. Mit Jan Wechsler gemeinsam ist ihm die Liebe zu Büchern. Die Leidenschaft am Lesen verbotener „goyischer“ Bücher soll schliesslich auch Amons Lebensweg nachhaltig beeinflussen. So waren die Entdeckung des im Elternschlafzimmer befindlichen Bücherschranks und die Entwendung des „Bildnis des Dorian Gray“ der Grund, aus welchem er von seinen Eltern mit 15 Jahren zu einem Ziehonkel nach Zürich geschickt wird.
Dieser Ziehonkel ermöglicht ihm eine glänzende Ausbildung, zuerst an einer Schweizer Privatschule und später an einem College und einer Universität in den Vereinigten Staaten, wo er schliesslich Medizin studiert. Zu diesem Studium bewiegt ihn ein besonderes Gespür, wie er es nennt. Und zwar ist es ihm möglich, durch die Berührung eines anderen dessen Erinnerungen und Gefühle nach zu erleben und zu empfinden.
Das erste Mal macht er diese Erfahrung als ihn sein Vater wegen des entwendeten Buches zur Rede stellt. Ein zweites einschneidendes Erlebnis mit dieser empathischen Fähigkeit hat er während seiner Collegezeit, woraufhin er beschliesst, diese zielführend einzusetzen und sich als Arzt auf die Psychiatrie zu spezialisieren. Nach dem Tod seines Ziehonkels, welcher ihm sein nicht unbeträchtliches Vermögen hinterlassen hatte, vertieft er seine Ausbildung auf diesem Gebiet noch, indem er sich in der Psychoanalyse weiterbildet und gleichzeitig im Bereich der klinischen Hypnose forscht. Mit der Zeit lernt er so, mit seiner Fähigkeit umzugehen und sie in seiner Arbeit als Therapeut einzusetzen.
Jahre später schliesslich macht er aufgrund eines Erbstücks seines Ziehonkels, einer alten Violine, die Bekanntschaft eines Geigenbauers namens Minsky. Jener Minsky vertraut ihm schon bald die Erinnerungen an seine Kindheitserlebnisse in den Konzentrationslagern Auschwitz und Majdanek, den gewaltsamen Tod seiner Eltern und die Jahre in einem polnischen Kinderheim an.
Ohne am Wahrheitsgehalt dieser Schilderungen auch nur den leisesten Zweifel zu haben rät er Minsky in seiner Eigenschaft als Therapeut, seiner Erinnerungen nieder zu schreiben. Dieser folgt seinem Rat und bietet seine Aufzeichnungen anschliessend einem Verlag an, der sie auch veröffentlicht. Minskys Geschichte findet grossen Anklang und stösst auf eine anteilnehmende Zuhörerschaft. Binnen kurzer Zeit wird sein Buch ein voller Erfolg und schon bald begleitet Amnon Zichroni ihn auf verschiedene Vorträge und Buchmessen.
Allerdings ruft sein Bericht auch Zweifler auf den Plan, welche den Wahrheitsgehalt seiner Geschichte in Frage stellen. Einem jungen, ehrgeizigen Journalisten gelingt es schliesslich, zu beweisen, dass die angeblichen Erinnerungen Minskys nicht der Wahrheit entsprechen und diesem die von ihm geschilderten Erlebnisse niemals selbst widerfahren sind. In einem Buch veröffentlicht er seine Rechercheergebnisse und verreisst Minskys Geschichte. Der Titel dieses Buches lautet „Maskeraden“ und sein Autor heisst Jan Wechsler!
Eine Besonderheit des Buches besteht, darin, dass es in zwei Teile geteilt und von der einen Seite Jan Wechslers Geschichte und von der anderen jene von Amnon Zichroni erzählt wird, bis sich diese in der Buchmitte treffen. Dem Leser steht es frei, die Geschichten der beiden Hauptpersonen getrennt voneinander zu lesen oder nach jedem Kapitel die Erzählperspektive zu wechseln. Anstatt einer Einleitung wird dies dem Leser mit folgenden Worten erklärt:
„Zwei Hauptwege und verschlungene Nebenpfade führen durch diesen Roman. Hinter jedem Umschlag befindet sich je ein möglicher Ausgangspunkt für das Geschehen. Es ist Ihnen oder auch dem Zufall überlassen, wo Sie zu lesen beginnen. Sie können der Erzählung bis zur Mitte des Buches folgen, es dann wenden und am anderen Ausgangspunkt weiterlesen. Um einem der Nebenpfade zu folgen, wenden Sie einfach nach jedem Kapitel das Buch und lesen Sie am anderen Strang weiter, wo Sie zuvor unterbrochen haben. Sie können sich jedoch auch Ihren ganz eigenen Weg suchen.“
Persönlich habe ich bei Jan Wechsler begonnen und anfangs nach jedem Kapitel das Buch gedreht um am anderen Handlungsstrang weiter zu lesen. Gegen Ende habe ich das allerdings aufgegeben und schliesslich zuerst die Geschichte Jan Wechslers und dann jene Amnon Zichronis fertig gelesen.
Man ahnt, nein weiss, während des Lesens, dass die beiden Geschichten irgendwo zusammen führen werden, dass die beiden Hauptpersonen einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt haben. Es ist greifbar während des gesamten Buches und beständig versucht man die beiden Handlungsstränge zu entwirren und die Lösung zu erahnen. Was mir zumindest bis zum Schluss nicht gänzlich gelang. Erst die letzten Kapitel der Geschichte Amnon Zichronis enthielten die Auflösung der Geschichte der beiden Protagonisten.
Es ist ein ungewöhnliches Buch, nicht nur, weil man die Möglichkeit hat, es von beiden Seiten anzufangen. Auch die Art des Autors, seine Hauptpersonen zu beschreiben und deren Geschichte(n) zu erzählen, ist einzigartig. Meisterlich, wie er es versteht, die Spannung während des gesamten Buches aufzubauen und beständig aufrecht zu erhalten, um dem Leser dann schliesslich auf den letzten Seiten eine Auflösung zu präsentieren, die ihn überrascht und staunend zurücklässt. Unzweifelhaft eines des besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe!