Leser-Rezensionen zu „Die Leinwand” von Benjamin Stein
Rezension verfasst vor 1 Jahr (7)
Mit einem dumpfen Klappen schlägt das Buch in meinen Händen zu. Ich sitze da und lausche meinem Atem, langsam beginnt mein Herz wieder gleichmässig zu schlagen, doch noch immer wirbeln meine Gedanken ziellos umher. Ich versuche, das gerade Gelesene zu greifen, zu rekonstruieren, zu ordnen. Langsam, ganz langsam, entwirrt sich in meinem Kopf die Geschichte, die ich soeben zu Ende gelesen habe.
Begonnen hat alles mit einem Koffer, der ausgerechnet am Schabbes bei Jan Wechsler, dem Inhaber eines kleinen Literaturverlages in München, eintrifft. Und wenn sein Nachbar nicht zufällig genau in dem Augenblick vorbei gekommen wäre und den Empfang quittiert hätte, hätte er ihn nicht entgegengenommen. Es handelt sich um einen kleinen, schwarzen Pilotenkoffer, und auf dem daran befestigten Etikett sind, in seiner eigenen Handschrift, sein Name und seine Anschrift vermerkt. Trotzdem ist er sich sicher, den Koffer noch nie gesehen zu haben.
Doch das ist erst der Beginn einer Reihe von merkwürdigen Tatsachen. So findet er in dem Koffer, als er ihn schliesslich nach einigem Zögern öffnet, ein Buch mit dem Titel „Maskeraden“. Der Autor: kein anderer als er selbst, Jan Wechsler! Allein, er kann sich nicht erinnern, jemals ein solches Buch geschrieben zu haben. Noch viel weniger, nachdem er es gelesen hat. Zudem behauptet der Klappentext, dass er, also Jan Wechsler, in Israel geboren und aufgewachsen sei, und nicht in Ostdeutschland, wie es seinen Erinnerungen entspricht.
Anfangs glaubt er an eine Verwechslung, an einen Zufall, einen anderen Autor mit seinem Namen. Der Koffer und die darin enthaltenen Gegenstände lassen ihn jedoch nicht los und er beginnt, Nachforschungen anzustellen. Damit beginnt eine Suche nach diesem „anderen“ Jan Wechsler. Je mehr er ihm auf die Schliche kommt, desto weniger erkennt er sich in ihm wieder und desto mehr deutet jedoch alles darauf hin, dass es sich dabei um niemanden anderen als ihn selbst handelt.
Die zweite Hauptperson dieses Buches, Amnon Zichroni, wächst in einer orthodoxen jüdischen Familie in Israel auf. Mit Jan Wechsler gemeinsam ist ihm die Liebe zu Büchern. Die Leidenschaft am Lesen verbotener „goyischer“ Bücher soll schliesslich auch Amons Lebensweg nachhaltig beeinflussen. So waren die Entdeckung des im Elternschlafzimmer befindlichen Bücherschranks und die Entwendung des „Bildnis des Dorian Gray“ der Grund, aus welchem er von seinen Eltern mit 15 Jahren zu einem Ziehonkel nach Zürich geschickt wird.
Dieser Ziehonkel ermöglicht ihm eine glänzende Ausbildung, zuerst an einer Schweizer Privatschule und später an einem College und einer Universität in den Vereinigten Staaten, wo er schliesslich Medizin studiert. Zu diesem Studium bewiegt ihn ein besonderes Gespür, wie er es nennt. Und zwar ist es ihm möglich, durch die Berührung eines anderen dessen Erinnerungen und Gefühle nach zu erleben und zu empfinden.
Das erste Mal macht er diese Erfahrung als ihn sein Vater wegen des entwendeten Buches zur Rede stellt. Ein zweites einschneidendes Erlebnis mit dieser empathischen Fähigkeit hat er während seiner Collegezeit, woraufhin er beschliesst, diese zielführend einzusetzen und sich als Arzt auf die Psychiatrie zu spezialisieren. Nach dem Tod seines Ziehonkels, welcher ihm sein nicht unbeträchtliches Vermögen hinterlassen hatte, vertieft er seine Ausbildung auf diesem Gebiet noch, indem er sich in der Psychoanalyse weiterbildet und gleichzeitig im Bereich der klinischen Hypnose forscht. Mit der Zeit lernt er so, mit seiner Fähigkeit umzugehen und sie in seiner Arbeit als Therapeut einzusetzen.
Jahre später schliesslich macht er aufgrund eines Erbstücks seines Ziehonkels, einer alten Violine, die Bekanntschaft eines Geigenbauers namens Minsky. Jener Minsky vertraut ihm schon bald die Erinnerungen an seine Kindheitserlebnisse in den Konzentrationslagern Auschwitz und Majdanek, den gewaltsamen Tod seiner Eltern und die Jahre in einem polnischen Kinderheim an.
Ohne am Wahrheitsgehalt dieser Schilderungen auch nur den leisesten Zweifel zu haben rät er Minsky in seiner Eigenschaft als Therapeut, seiner Erinnerungen nieder zu schreiben. Dieser folgt seinem Rat und bietet seine Aufzeichnungen anschliessend einem Verlag an, der sie auch veröffentlicht. Minskys Geschichte findet grossen Anklang und stösst auf eine anteilnehmende Zuhörerschaft. Binnen kurzer Zeit wird sein Buch ein voller Erfolg und schon bald begleitet Amnon Zichroni ihn auf verschiedene Vorträge und Buchmessen.
Allerdings ruft sein Bericht auch Zweifler auf den Plan, welche den Wahrheitsgehalt seiner Geschichte in Frage stellen. Einem jungen, ehrgeizigen Journalisten gelingt es schliesslich, zu beweisen, dass die angeblichen Erinnerungen Minskys nicht der Wahrheit entsprechen und diesem die von ihm geschilderten Erlebnisse niemals selbst widerfahren sind. In einem Buch veröffentlicht er seine Rechercheergebnisse und verreisst Minskys Geschichte. Der Titel dieses Buches lautet „Maskeraden“ und sein Autor heisst Jan Wechsler!
Eine Besonderheit des Buches besteht, darin, dass es in zwei Teile geteilt und von der einen Seite Jan Wechslers Geschichte und von der anderen jene von Amnon Zichroni erzählt wird, bis sich diese in der Buchmitte treffen. Dem Leser steht es frei, die Geschichten der beiden Hauptpersonen getrennt voneinander zu lesen oder nach jedem Kapitel die Erzählperspektive zu wechseln. Anstatt einer Einleitung wird dies dem Leser mit folgenden Worten erklärt:
„Zwei Hauptwege und verschlungene Nebenpfade führen durch diesen Roman. Hinter jedem Umschlag befindet sich je ein möglicher Ausgangspunkt für das Geschehen. Es ist Ihnen oder auch dem Zufall überlassen, wo Sie zu lesen beginnen. Sie können der Erzählung bis zur Mitte des Buches folgen, es dann wenden und am anderen Ausgangspunkt weiterlesen. Um einem der Nebenpfade zu folgen, wenden Sie einfach nach jedem Kapitel das Buch und lesen Sie am anderen Strang weiter, wo Sie zuvor unterbrochen haben. Sie können sich jedoch auch Ihren ganz eigenen Weg suchen.“
Persönlich habe ich bei Jan Wechsler begonnen und anfangs nach jedem Kapitel das Buch gedreht um am anderen Handlungsstrang weiter zu lesen. Gegen Ende habe ich das allerdings aufgegeben und schliesslich zuerst die Geschichte Jan Wechslers und dann jene Amnon Zichronis fertig gelesen.
Man ahnt, nein weiss, während des Lesens, dass die beiden Geschichten irgendwo zusammen führen werden, dass die beiden Hauptpersonen einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt haben. Es ist greifbar während des gesamten Buches und beständig versucht man die beiden Handlungsstränge zu entwirren und die Lösung zu erahnen. Was mir zumindest bis zum Schluss nicht gänzlich gelang. Erst die letzten Kapitel der Geschichte Amnon Zichronis enthielten die Auflösung der Geschichte der beiden Protagonisten.
Es ist ein ungewöhnliches Buch, nicht nur, weil man die Möglichkeit hat, es von beiden Seiten anzufangen. Auch die Art des Autors, seine Hauptpersonen zu beschreiben und deren Geschichte(n) zu erzählen, ist einzigartig. Meisterlich, wie er es versteht, die Spannung während des gesamten Buches aufzubauen und beständig aufrecht zu erhalten, um dem Leser dann schliesslich auf den letzten Seiten eine Auflösung zu präsentieren, die ihn überrascht und staunend zurücklässt. Unzweifelhaft eines des besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe!
Rezension verfasst vor 1 Jahr (10)
Schon äußerlich fällt Benjamin Steins Roman Die Leinwand auf, denn es lässt sich von zwei Seiten lesen, ist sozusagen zwei Bücher in einem. Auf der ersten Seite befindet sich eine Aufforderung an den Leser selbst einen Weg durch das Buch zu finden.
Öffnet man zuerst die eine Seite des Buches bekommt man es mit der Geschichte von Amnon Zichroni zu tun. Amnon Zichroni wächst in Israel als Sohn einer orthodoxen Familie auf. Als er beim Lesen eines profanen Romans erwischt wird, wird er von seinen Eltern in die Schweiz geschickt, wo er bei seinem Onkel aufwächst. Er beschließt Psychologe zu werden und betreut unter anderem den schwer traumatisierten Holocaust-Überlebenden Minsky.
Beginnt man auf der anderen Seite, begegnet dem Leser Jan Wechsler. Wechsler lebt in München mit seiner Frau und zwei Kindern und arbeitet als Verleger und Autor. Seine Kindheit und Jugend hat er in der DDR verbracht und bereits dort -unter schwierigen Bedingungen - sein verschüttetes Judentum wiederentdeckt. Jetzt lebt er nach dem orthodoxen Glaubensvorstellungen, was zu einiger Schwierigkeiten führt, als er eines samstags einen Koffer geliefert bekommt, denn jedoch weil Shabbat ist nicht annehmen kann. Um den Koffer ringt sich ein Geheimnis, er selbst hat ihn angeblich in Israel aufgegeben, ohne sich daran erinnern zu können. Außerdem gibt es da noch einen anderen Jan Wechsler, der ein Buch über den angeblichen jüdischen Holocaust-Überlebenden Minsky geschrieben, und aufgedeckt, dass dieser keinesfalls im Lager und auch kein Jude war.
Grundlage von Steins Roman war ein wahrer Fall, wo ein Holocaust-Überlebender der mehrfach für seine Überlebensgeschichte ausgezeichnet worden war, später der Unwahrheit überführt wurde. Anfängliche Vorwürfe, er sei ein Betrüger, konnten jedoch entkräftigt werden. Der Mann litt tatsächlich unter schweren Traumata und war von seiner Version der Geschichte zutiefsts überzeugt. Stein nutzt diesen Vorfall für eine Geschichte über Erinnerung und Identität. Beides erscheint im Roman flüchtig und trügerisch. Ein bißchen vergleichbar mit Daniel Kehlmanns Romanen ist dieses Buch] ein Versteckspiel, dass die Frage, wer wir eigentlich sind und was uns ausmacht, immer wieder von neuem aufwirft. Verbunden mit Steins sprachlicher Sichherheit und seinem oft poetischen Stil macht es Die Leinwand zu einer ebenso unterhaltsamen wie anregenden Lektüre!
Rezension verfasst vor 1 Jahr (7)
Und wieder ein Buch zu dem ich mich etwas außer Stande sehe es adäquat zu rezensieren. Dennoch soll es nicht ganz untergehen.
Der Hauptgrund dafür liegt darin das ich mich kaum für Religion im allgemeinen so wie für eine Bestimmte im speziellen interessiere. Aber grade dies scheint der Autor Benjamin Stein, zumindest im Ansatz, vorauszusetzen.
Im Buch geht es um zwei Juden. Der eine ist Ammon Zichroni und der andere Jan Wechsler. Jeder der Beiden nimmt eine Hälfte des Buches ein und je nachdem wie man das Buch dreht kann man zuerst mit der Geschichte Wechslers (rot) oder mit der Geschichte Zichronis (blau) beginnen. Laut der Beschreibung des Umschlags zeichnet jeder der beiden Teile das Leben der beiden Männer nach um in der Mitte des Buches zusammenzutreffen. Aber gerade hier liegt schon der erste schwerwiegende Fehler. Denn die beiden Handlungsstränge treffen nicht in der Mitte zusammen. Auf Grund eines Zeitlichen Unterschiedes von mehreren Monaten münden beide Erzählungen zwar am selben Ort bleiben aber voneinander unberührt. Viel mehr noch sind die beiden Geschichten hintereinander angesiedelt und entbehren somit, zumindest aus meiner Sicht, der angestrebten Logik des Autoren.
So haben auch beide Geschichten nur leidlich wenig mit einander gemein. Lediglich 3 Kapitel sind es die sich gegenseitig tangieren.
Zichroni wächst bei seinem Onkel auf, studiert, wird Psychologe und trifft nur ein einziges mal auf Jan Wechsler.
Diese Erzählung ist staub trocken gehalten, durchsetzt von preesoterischem gehabe, eingetaucht in den süßen Honigtopf des jüdischen Glaubens. Man darf mich hier nicht missverstehen. Benjamin Stein weiss, als praktizierender Jude, ganz genau von was er schreibt. Federleicht bringt er die Bräuche und Ansichten jüdischer Gläubiger hervor und bringt dies auch in nüchtern schlichten Sätzen aufs Papier. Das macht er durchwegs gut verlangt aber eine gewisse Kenntnis und Bereitschaft sich auch auf den Glauben einzulassen. Zwar ist dem Buch auch ein Glossar mit allen gängigen ausdrücken des jüdischen Alltags angehängt aber wer sich mit Interesse und Vorwissen, in Bezug auf das Judentum, an das Buch setzt ist klar im Vorteil.
Die Geschichte um Jan Wechsler gestaltet sich hier schon etwas spannender.
Eines Tages bekommt Jan, Verleger von Beruf, verheiratet und Vater von zwei Kindern, einen geheimnisvollen Koffer zugestellt. Ein Koffer der angeblich bei seiner letzten Reise von Israel nach Deutschland verloren gegangen sei. Nur das Dumme ist das Jan ganz genau weiss das dies nicht sein Koffer ist. Er glaubt sich Opfer einer Verwechslung und nimmt mit einem anderen Verleger Kontakt auf. Exakt dem Verleger des Buches das er im Koffer findet. Einem Buch das wiederum er geschrieben haben muss da klar und deutlich sein Name, Jan Wechsler, auf dem Cover steht.
Und noch einmal vergewissert sich der Mann das Er Er ist und nicht ein anderer mit einem schwarzen Pilotenkoffer voll zweifelhaften Inhaltes inklusive einem Buch das zwar seinen Namen trägt er aber noch nie im Leben gesehen hat.
Diese Erzählung dreht und windet sich gekonnt um die Frage der eigenen Identität aber vielleicht noch mehr um die Erkenntnis wie weit man gehen würde um die eigene Identität zu verlieren, zu verleugnen ja sogar nicht zu bemerken wie jene einem abhanden kommt.
Das ganze wird interessant erzählt und auch mit Rückblenden auf Jans früheres Leben garniert.
Generell ist Wechslers Teil der Geschichte der interessantere und auch jener der die meiste Hoffnung darauf macht das sich auch in Zichronis Erzählung noch etwas tut. Aber leider bleiben diese Hoffnungen unerfüllt.
Zu stur Schreibt Benjamin Stein seine Geschichten von A nach B. Lässt seinen Blick nicht über den Tellerrand schweifen und veranlasst nicht nur einmal den Leser dazu sich durch das eine oder andere Kapitel zu zwingen.
Generell ist es kein schlechtes Buch. Handwerklich sauber mit guten Ansatz der aber wohl von Vornherein schon zum scheitern verurteilt war.
Wie oben schon gesagt bin ich wohl der Falsche um dieses Buch zu rezensieren. Menschen die das Interesse für diese Materie mitbringen werden es ganz bestimmt mit anderen Augen lesen und auch ein anderes Verständnis dafür an den Tag legen.
Rezension verfasst vor 1 Jahr (14)
Benjamin Stein ist ein Meister der literarischen Verstrickungen und sein Buch “Die Leinwand” ein Fabulierspiel. Das besondere an diesem Buch ist sein Aufbau – man kann das Buch von beiden Seiten beginnen. Es ist dem Leser überlassen, ob er die beiden Teile über Jan Wechsler und Amnon Zichroni nach einander oder abwechselnd liest. Mit der Zeit versteht man dann, wie die zwei Handlungsstränge miteinander verbunden sind.
Beide Protagonisten suchen nach der eigenen Identität, kämpfen nicht nur mit den eigenen Erinnerungen und versuchen ihr Leben entsprechend ihrer religiösen Überzeugung zu gestalten. Beide sind Juden und beschreiben, wie wichtig die Religion in ihrem Leben ist und war, wie sich ihr Leben gestaltet, weil sie Juden sind. Zugegeben, es ist kein leichtes Buch. Denn selbst wenn “Die Leinwand” witzig und unterhaltsam geschrieben ist, so sind die Themen ernst und berühren.
Ich muss gestehen, dass es mir schwer fällt, den Inhalt dieses Buches zusammen zu fassen. Es wurde auch schon so viel darüber geschrieben, das ich das hier nicht wiederholen möchte. Stein selbst schreibt einen literarischen Blog auf dem man viele Informationen zu “Die Leinwand” finden kann. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich das Buch wahnsinnig gerne gelesen habe und für eine literarische Perle halte. Ich würde mich sehr freuen, wenn Benjamin Stein weiter Bücher schreibt, die so anders, so kreativ sind.
Herr Stein, danke für die Zeit mit “Die Leinwand”.
Rezension verfasst vor 1 Jahr (20)
Schon das in die Hand nehmen und anfangen zu lesen dieses Buches stellt einen vor Probleme.
Wo fange ich an, wo ist überhaupt der Anfang, wird sich die Geschichte verändern je nachdem wie ich anfange?
Ich habe mich entschlossen bei Jan Wechsler zu beginnen und nach jedem Kapitel zu wechseln, wie es der Name mir schon vorgibt.
Nachträglich muss ich bemerken, dass wenn ich anders entschieden hätte, die Geschichte in der Tat sich für mich in ihrem Wesen verändert hätte.
Schnell saugt mich dieses Buch auf. In dichten intensiven Schilderungen wird der Gedächtnisverlust und das fragwürdige Leben von Jan Wechsler beleuchtet.
Er bekommt an Schabbes einen Koffer der ihm gehören soll. Er kann sich an nichts erinnern.
Auf der anderen Seite wird die Leinwand von Ammon Zichroni beschrieben, der eine seltene Gabe besitzt. Er kann Erinnerungen anderer Menschen nacherleben.
Bald spürt man wie die Fäden der beiden Geschichten zusammendriften um in einem offenen Ende zu münden.
Selbst das Buch wehrt sich gegen einen (Ver)Schluss, der im Buch mit dem Gedicht von Rilke treffend beschriebene Panther in seinem Gefängnis, die Buchdeckel klaffen vom Lesen auseinander.
Es will sich kein Käfig mehr finden.
Viele mir unbekannte Wörter des jüdischen Alltags sind erklärt, mir scheint es, nachdem ich die Autobiographie des Autors las, als hätte er viele selbst erlebte Erinnerungen untergebracht. Verständlich, da es hier auch hauptsächlich um Erinnerungen und das Ringen um seine eigene Identität geht.
Ein ungewöhnliches, literarisch sehr anspruchvolles, sezierendes Buch.
Rezension verfasst vor 1 Jahr (21)
Rot und blau. Blau und rot. Ergibt lila. Wie bei einem Hämatom - ausgelöst durch einen heftigen Zusammenprall in der Mitte – schmerzhaft für alle Beteiligten. Ein Vermischen von Welten und Erinnerungen.
Rot. Jan Wechsler ist orthodoxer Jude und schon die Annahme eines Pakets am Samstag gestaltet sich schwierig. Ein schwarzer Pilotenkoffer mit merkwürdigem Inhalt. Angeblich hat er ihn auf einer Israelreise verloren. Er kann sich nicht erinnern.
Blau. Amnon Zichroni, geboren in Israel, hat eine seltene Begabung: er kann die Erinnerungen anderer Menschen nacherleben. Er studiert in den USA und lässt sich zum Psychoanalytiker ausbilden um sich schließlich in Zürich niederzulassen.
Rot und blau. Zwei Lebenswege, sehr verschieden, und doch miteinander verbunden.
Und nun? Wie dieses Buch rezensieren? Ich stehe vor einer Wand und komme nicht weiter. Ich muss wohl ganz von vorne anfangen.
Wie dieses Buch lesen? Erst die eine und dann die andere Seite, wobei, mit welcher Seite anfangen? Würfeln, losen? Eine Münze werfen? Zahl = rot und Kopf = blau? Oder dann lieber doch nach jedem Kapitel wechseln? Schon vor dem lesen stellt mich Die Leinwand vor eine schwere Entscheidung, denn wenn ich mich jetzt für eine Art zu lesen entscheide, verpasse ich vielleicht etwas. Ich will aber nichts verpassen. Vielleicht ist die Geschichte dann eine andere, fügen sich beide Seiten zu einem völlig anderen Bild zusammen.
Also gut, es hilft ja nichts, sonst halte ich das Buch in zehn Jahren noch in der Hand, es von einer Seite auf die andere drehend – ich entscheide mich dafür nach jedem Kapitel zu wechseln, also brauche ich auch zwei Lesezeichen – kein Problem, davon habe ich ja genug. Ich beginne mit rot, denn diese Seite sieht für mich eher wie die Vorderseite aus, außerdem ist hier die Signatur des Autors.
„Für gewöhnlich öffnen wir am Schabbes nicht die Tür, wenn es läutet.“ Ich genieße die ruhige Sprache, die Benjamin Stein gewählt hat, von ihr geht etwas sehr beruhigendes aus. Kapitel zu Ende, Lesezeichen rein und umdrehen.
„ Ich glaubte lange Zeit, ich hätte so etwas wie einen sechsten Sinn.“ Hier wird es unruhiger, aufwühlender. Aber auch hier versinke ich in die Geschichte. Kapitel zu Ende, Lesezeichen rein und umdrehen. Nach jedem Kapitel. Bis zur Konfrontation in der Mitte.
Durch Die Leinwand gibt es viele Wege, und jeder ist es wert, gegangen zu werden. Es macht auch keinen Unterschied, welchen man geht, denn am Ende erwartet einen unausweichlich der Aufprall. Und der ist äußerst schmerzhaft. Rot und blau. Blau und rot. Lila. Wie ein Hämatom eben.
Rezension verfasst vor 1 Jahr (15)
Gibt es ein "Perpetuum Mobile"?
In der Physik und Mechanik muss diese Frage bislang verneint werden. Ein Ding, das sich unausgesetzt um die eigene Achse bewegt, kann nicht sein, da sich immerzu die Frage nach dem Anfang, dem ersten Energiestoß, stellt - und die Bewegung somit nicht ewig sein könnte. Doch bislang hat noch niemand gewagt, sich diese Frage in Bezug auf literarische Werke zu stellen. Eine ungewöhnliche Fragestellung, sicher. Aber für mich ist dieser Ansatz die bislang einzige Möglichkeit, das Buch "Die Leinwand" von Benjamin Stein auch nur annähernd zu beschreiben, zu fassen, und ihm einen Rahmen zur Reflexion zu geben.
Denn es geht hier, zunächst einmal abgesehen von der eigentlichen Handlung, um zwei Bücher, zwei Geschichten gleichzeitig, die an den gegenüberliegenden Enden des Buches beginnen, und in der Mitte aufeinander treffen. Man kann sich das nur schwer vorstellen, wenn man das Buch noch nie in der Hand hatte. In der Tat ist schon allein der physische Eindruck kurios. Der Geschichte um "Jan Wechsler" ist die Farbe Rot zugeordnet, sowohl oberer Seitenschnitt wie Vorsatzblatt sind auf dieser Seite Rot. Wenn man das Buch nun genau einmal dreht, sozusagen von hinten nach vorne beginnt, trifft man nicht etwa auf das Ende, sondern auf die Geschichte um "Amnon Zichroni", der die Farbe Blau zugehört. Auch sie beginnt, auf ihrer Seite der physischen Einheit "Buch", wie eine eigene Erzählung. Genau in der Mitte treffen beide Geschichten aufeinander, stehen sich auf den Kopf gestellt gegenüber. Somit hat das Buch keinen eindeutigen Anfang, und, wenn man es gelesen hat, auch kein Ende. Beide Erzählstränge enden mit der gleichen Episode, doch es bleibt für den Leser absolut unentscheidbar, wer nun "Recht" hat, oder was die "Wahrheit" ist. Ich sagte ja: ein "Perpetuum Mobile" auf literarische Art, das den Leser noch weit über die Lektüre hinaus zum Nachdenken geradezu zwingt.
Genau in diesem Umstand liegt auch für mich der Wert dieses Buches, und alle weiteren Fragen, wie Inhalt, Stilmittel, und Erzählperspektive, sind dem untergeordnet. Insofern möchte ich diese auch nur kurz anreißen. Für mich ist das Buch, wie gesagt, in erster Linie ein formales und erzählerisches Experiment, und erst in zweiter Linie eine Geschichte - eigentlich ja zwei Geschichten.
Wagen wir einen kleinen Überblick. Jan Wechsler und Amnon Zichroni sind beide Juden - Jan Wechsler ist Journalist und Verleger und lebt in München, Amnon Zichroni ist Psychoanalytiker und hat seinen zuletzt bekannten Wohnsitz in Israel. Jeder erzählt seine Lebensgeschichte aus seiner Sicht, wobei dem Leser spätestens beim Beginn der zweiten Geschichte vom anderen Ende her klar wird, dass sich ihre Lebenswege einmal gekreuzt haben müssen. Man kann das Buch natürlich auch "abwechselnd" lesen, von Rot nach Blau wechselnd, und dann macht man diese Entdeckung entsprechend früher.
Ich finde die Namen sehr gut und vieldeutig gewählt. Denn, wie man im Laufe der Geschichte merkt, Jan Wechsler hat deutliche Erinnerungslücken, er hat offensichtlich einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit, den er zu ergründen versucht. "Wechsler" ist somit ein beziehungsreicher Name für ihn! Und "Amnon zichroni" hat es ebenso in sich; die Initialen machen es deutlich: A - Z. Zwar kenne ich mich im Hebräischen nicht so weit aus, dass ich die eigentliche Bedeutung des Namens erläutern könnte, doch schon allein die Initialen sind mir bedeutungsschwanger genug. Es geht um die Frage, was ein Leben "von A bis Z" eigentlich ausmacht. Was sind Erinnerungen, was ist Verantwortung. Somit ist auch dieser name, in Verbindung mit Jan Wechsler, gut gewählt.
Es sei kurz erwähnt, was den eigentlichen Anstoß für die Handlung gibt. Jan Wechsler erhält eines Tages einen Koffer zugestellt, der ihm angeblich gehören soll. Doch darin sind lauter Gegenstände, die er noch nie gesehen hat. Durch das Misstrauen seiner Frau weiter unter Zugzwang gesetzt, versucht er, das Geheimnis des Koffers zu enträtseln. Und stößt dabei ganz zuletzt auf Amnon Zichroni, der sich als Schlüssel zum Ganzen erweisen wird - genauso wie Jan Wechsler der Schlüssel für die Erzählung von Amnon Zichroni ist...
Nein, mehr erzähle ich nicht. Denn dann würde man jedem Leser das Vergnügen nehmen, das dieses Buch bietet. Jeder muss für sich entscheiden, wie er diese beiden Erzählungen bewertet, und wie er sie zueinander in Beziehung setzt. Eine "Lösung" an sich gibt es nicht, und ich denke, dies ist vom Autor auch gar nicht beabsichtigt. Er will Fragen stellen und zum Nachdenken anregen, und genau dies gelingt ihm hervorragend.
Ich möchte noch einige Besonderheiten erwähnen, die sich als Würze des Buches erwiesen haben. Erstens hat mich fasziniert, wie sehr der Autor dem Leser die jüdische Lebensweise nahebringt, und zwar in beiden Geschichten. Jan Wechsler hat es als Jude in München nicht leicht. Jüdische Regeln und Traditionen sind komplex, und das ist nicht immer mit einer modernen Lebensweise vereinbar. Aber auch Amnon Zichroni ging es so. Er wurde zwar in eine recht orthodoxe Familie geboren, jedoch hatte er sich als Kind heimlich Zugang zu des Vaters verbotenem Bücherschrank verschafft, flog auf, und musste ins Exil geschickt werden. Sein Lebensweg führt ihn über Amerika und die Schweiz, bevor er wieder in Israel landet.
Ferner ist das ganze Buch durchsetzt mit biblischer Symbolik. Amnon Zichroni macht als Kind die Entdeckung, dass er die Gedanken und Erinnerungen anderer Menschen "sehen" kann - und zwar, als er in einen Apfel beißt! Jan Wechsler wird hingegen, meiner Meinung nach, mit der Geschichte von Hiob in Bezug gesetzt. Ihm widerfahren schwere Schicksalsschläge, dennoch wird er gerade dadurch zu seinem Glauben zurückgeführt.
Beide Erzähler lieben die Literatur und die Bücher, und diese Passagen gehören mit zu den schönsten des Buches. In beiden Lebensläufen gibt es Episoden des "Untertauchens", sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Denn das Untertauchen in einer "Mikwe", einer religiös als heilsam anerkannten Quelle, ist im Judentum eine alte Tradition. Und beide Erzähler müssen mehrfach fliehen, "Untertauchen", sei es vor Anderen oder vor sich selbst.
Wenn ich noch mehr erzähle, zerrede ich das Buch, und das wäre schade. Ich möchte abschließend bemerken, dass es eine durch und durch lohnende Lese-Erfahrung war, die ich aber nur solchen Lesern ans Herz legen möchte, die die entsprechende Geduld und Ausdauer sowie Forschergeist mitbringen.
Rezension verfasst vor 1 Jahr (13)
Klappentext:
Ein Spiegelkabinett mit zwei Eingängen: Hinter beiden Buchdeckeln beginnt je eine Geschichte. Genau in der Mitte kommt es zur Konfrontation, treffen die beiden Erzähler, Amnon Zichroni und Jan Wechsler, aufeinander. Amnon Zichroni besitzt die Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben. Geboren in Jerusalem und streng jüdisch erzogen, studiert er in den USA und lässt sich in Zürich als Analytiker nieder. Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermuntert, seine traumatische Kindheit in einem NS-Vernichtungslager schreibend zu verarbeiten. Beider Existenz steht auf dem Spiel, als der Journalist Jan Wechsler behauptet, das Minsky-Buch sei reine Fiktion ... Zehn Jahre später wird eben diesem Jan Wechsler ein Koffer zugestellt, der ihm bei einer Reise nach Israel verloren gegangen sein soll - doch Wechsler kann sich an den Koffer nicht erinnern. Auf den Spuren fragwürdig gewordener Erinnerungen reist er nach Israel und gerät in ein Verhör. Tatsächlich, stellt sich heraus, ist er schon einmal dort gewesen, und sein damaliger Gastgeber, Amnon Zichroni, gilt seither als vermisst ...
Ein faszinierender, spannender Roman über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen und das Ringen um Identität.
Meine Meinung:
Zunächst einmal hat sich mir die Frage gestellt wie, dh. in welcher Richtung ich das Buch lesen werde und ich habe mich, nach Hilfestellung hier für Jan Wechsler entschieden.
Und schon mit den ersten Seiten der Geschichte Jan Wechsler wird man neugierig und will natürlich wissen was es mit einem Koffer auf sich hat, der am Schabbes abgeben wird und der einem auf den ersten Blick ja garnicht gehört. Und dessen Inhalt Jan Wechsler sehr ins Grübeln bringt. Dass der Koffer da steht versehen mit einem Adressaufkleber seiner Handschrift und wohlwissend dass er ihm nicht gehört ist an für sich noch nicht bedenklich, aber warum fürchtet er sich nahezu vor dem Inhalt.
Auf der anderen Seite des Buches lesen wir dann das erste Kapitel über Amnon Zichroni, geboren in Israel, ertappt in der Jeschiwa wie er in einem verbotenen Buch (Das Bildnis des Dorian Gray) liest und daraufhin vom Vater in die Schweiz zu einem Onkel geschickt wird. Dieser Umstand zahlt sich für ihn aus, den der Onkel ermöglicht ihm das Studium an angesehenen religiösen Schulen.
Mit jedem Kaptiel erfährt man mehr von den beiden Männern und trotzdem bleiben viele Fragen offen, die sich auch dann wenn man in der Mitte (wie ungewöhnlich) das Buch beeendet nicht aufgeklärt haben.
Fragen nach Identitäten, nach Wahrheiten, Empfindungen tun sich auf.
Ein ganz außergewöhnliches Leseerlebnis, das manchmal meinen Kopf zum Qualmen brachte, das ich aber dennoch nicht missen möchte.
Rezension verfasst vor 1 Jahr (11)
GENIAL!
Auf schlingernden Wegen begegnen sich letztendlich 2 Personen, über die der Leser im Verlauf des gesamten Buches immer wieder Neues erfährt. Und auch sie selbst stellen ihre Identitäten mehrmals in Frage.
Spannende Lebensgeschichten durchwoben mit Fragen des jüdisch-orthodoxen Glaubens - nie hätte ich gedacht, dass mich dieses Buch so fesseln würde.
Rezension verfasst vor 1 Jahr (64)
Zwei Welten prallen aufeinander
Amnon Zichroni besitzt die Fähigkeit Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben. Eine Berührung und er erlebt etwas aus der Vergangenheit einer anderen Person. Er wurde in Jerusalem geboren, wuchs jedoch in der Schweiz auf und studierte in den USA. Und in der Schweiz, der Heimat der Psychoanalyse, lässt er sich zum Psychoanalytiker ausbilden. Durch Zufall trifft er auf den Geigenbauer Minsky, der seine Kindheit in einem KZ-Lager verbringen musste. Eines Nachmittags überzeugt Zichroni Minsky davon, seine traumatischen Erlebnisse im KZ-Lager in einem Buch zu verarbeiten. Und nach dem Erscheinen von Minsky's Buch, findet der Journalist Jan Wechsler heraus, dass Minsky's Erlebnisse rein fiktiv sind und stellt damit Minsky und Zichroni an den Pranger.
Zehn Jahre später wird Jan Wechsler ein Koffer zugestellt, den er vorher noch nie gesehen hat. Im Koffer findet er einige Bücher, darunter auch das Buch „Maskeraden“ findet. Auf dem Cover des Buchs steht, dass er es selbst geschrieben hat. Thema des Buchs ist die Enthüllung Minsky's Geschichte, nämlich das sie ausgedacht ist. Doch Wechsler kann sich nicht daran erinnern, dass er das Buch geschrieben hat. Er sucht nach den fehlenden Erinnerungen und begibt sich auf eine Reise und besucht Israel. Dort erfährt er, dass er schon einmal in Israel war, und dass sein ehemaliger Gastgeber, Amnon Zichroni, seit dem spurlos verschwunden ist.
Benjamin Stein hat die Geschichte in zwei Bücher unterteilt, in zwei Seiten. Die eine Seite, nämlich die von Amnon Zichroni, hat mir unheimlich gut gefallen – von Anfang an hat mich die Geschichte verzückt und verzaubert. Ich war begeistert von Zichroni's Geschichte und habe sie verfolgt wie kaum etwas.
Dagegen fand ich die Geschichte von Wechsler weniger gut. Natürlich war sie interessant, aber ich hatte Probleme mit dem Einstieg und als ich dann drin war, konnte ich die
Geschichte einfach nicht mit voller Konzentration verfolgen.
Doch trotzdem, insgesamt, hat mich dieses Buch sehr überzeugt! Der Schreibstil des Autors ist wunderbar und Stein bedient sich einer tollen und mitreißenden Sprache, die mich begeistert hat. Ich kann dieses Buch empfehlen – und hoffe, dass jeder zukünftige Leser sich besser in Wechsler's Geschichte zurecht findet.
Erstveröffentlichung: http://literaturecosmos.wordpress.com/









