Leser-Rezension zu „Das Zeichen des Sieges” von Bernard Cornwell

Rezension als hilfreich gekennzeichnet: (5)

Stefan83 Stefan83
Verfasst von Stefan83
am 8.10.2011
 

Er ist zurzeit der wohl erfolgreichste Autor historischer Romane: Bernard Cornwell.

In einem Genre, das in erster Linie von Wanderhuren, Weberinnen und Porzellanmalerinnen beherrscht wird, sticht er mit seiner ganz eigenen Stimme und einem unvergleichlichen Stil heraus. Wie kaum ein anderer vermag es Cornwell, historische Schlachtfelder auf dem Papier lebendig werden zu lassen, weshalb es nun auch wenig verwundern dürfte, dass er sich für seinen neuesten Roman "Das Zeichen des Sieges" eine Auseinandersetzung erwählt hat, die auch nach fast 600 Jahren immer noch tief im kollektiven Bewusstsein der Briten als größter englischer Sieg der Militärgeschichte verankert ist: Die Schlacht von Azincourt. Und wie auch schon in seiner Gralsserie, welche die frühe Epoche des hundertjährigen Krieges um den Thron Frankreichs behandelt, lässt er uns dieses historische Ereignis aus der Sicht eines Langbogenschützen erleben, wobei erneut vorneherein deutlich gemacht werden muss: Leser mit schwachen Nerven und übermäßig Zartbesaitete sollten diese Lektüre mit Vorsicht oder gleich gar nicht genießen, denn Cornwell beschreibt den Schrecken des Krieges bis ins kleinste, oftmals widerliche Detail.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Winter 1413. Nicholas Hook, Förster und Mann aus einfachen Verhältnissen, gilt im weiten Umkreis als bester Bogenschütze und wird von den Wilderern, die er im Auftrag seines Herrn Lord Slayton in den Wäldern jagt, dementsprechend gefürchtet. Hooks Ruf ist dennoch nicht der Beste, da eine alte Familienfehde mit den nachbarlichen Perrills schon desöfteren für böses Blut gesorgt hat. Als er gegenüber dem verdorbenen Priester Sir Martin (Sergeant Hakeswill aus der "Sharpe"-Reihe lässt grüßen), unter dessen Schutz die Perrills stehen, handgreiflich wird, muss er als Geächteter seine Heimat verlassen. In Frankreich wird er zum Söldner in burgundischen Diensten und eine Wache auf den Zinnen der Stadt Soissons. Als diese durch Verrat an die Franzosen fällt, wird er Zeuge eines grausamen Gemetzels, dem er gemeinsam mit der schönen Französin Melisande nur knapp entkommen kann. Zurück in England schließt er sich nun der Armee um den jungen König Henry V. an, die in die Normandie übersetzt, wo sie die Stadt Harfleur über Wochen hinweg erfolglos belagert. Nach einer langen Zeit aus Hunger, Krankheit und Tod, fällt diese schließlich, und die geschwächten Überbleibsel der englischen Streitmacht (sechstausend Mann, davon fünftausend Bogenschützen) schleppen sich durch den Norden Frankreichs, wo sie schließlich bei Azincourt vom fünffach überlegenen französischen Ritterheer zum Kampf gestellt werden. Die Lage scheint aussichtslos, doch dann lassen Nick und seine Kameraden ihre Pfeile auf den Feind regnen...

Nein, die Zeichnung und Ausarbeitung der Figuren wird wohl nie eine Stärke des britischen Autors werden und ich verstehe diejenigen Leser, die diesem Werk eine mangelnde Tiefgründigkeit vorwerfen. In der Tat wirkt hier der Plot stellenweise wie ein Aufguss der alten Gralsserie, und eine Vielzahl von Nebenfiguren, darunter u.a. König Henry, bleibt blass und ohne Hintergrund. Sie sind meist lediglich Namen auf einem großen Schlachtfeld, das wie sie oft die eigentliche Hauptrolle des Romans einnimmt. In Punkto Authentizität bleibt Cornwell aber ohne Frage ein Meister seines Fachs. Ohne zu verklären oder die Hand vor den Mund zu nehmen, schildert er die Grauen des Schlachtengetümmels, so dass selbst ganz Hartgesottene Leser unwillkürlich nach Luft schnappen werden. Das mag vielen Lesern in der Grausamkeit zu weit gehen, aber Fakt ist, dass sich die Realität der spätmittelalterlichen Kriege wohl so, wenn nicht gar schlimmer, dargestellt hat.

Und dennoch muss man keineswegs kriegslüstern veranlagt sein, um "Das Zeichen des Sieges" genießen zu können, da der Autor ganz nebenbei, und das ist seine Stärke, eine gehörige Portion geschichtliches Wissen vermittelt, das mit dem informativen, fundierten Epilog noch unterfüttert wird. Cornwell stellt ganz deutlich heraus, dass die Schlacht von Azincourt nicht nur aufgrund des Sieges der Engländer etwas besonderes war, sondern nimmt John Keegans Aussage auf, der in seinem Buch "Der Antlitz des Krieges" behauptet: "Es ist ein Sieg der Schwachen über die Starken, des gemeinen Soldaten über den berittenen Edelmann, der entschlossenen Tat über große Reden ... und es ist eine Geschichte von grausamen Schlächtern und unvorstellbaren Gräueln".

Insgesamt ist "Das Zeichen des Sieges" erneut ein lohnenswerter, historisch authentischer Roman, der mit einer spannenden Handlung überzeugt und allen Freunden militärhistorischer Geschichten ans Herz gelegt sei. Die fehlende Tiefe der Figuren fand ich vernachlässigbar, aber das viel zu abrupte Ende hat den abschließenden Leseeindruck doch etwas geschmälert.

 

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Das Zeichen des Sieges
von Bernard Cornwell

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