"Erstaunlich wie kurz 445 Seiten sein können." Das ging mir zumindest nach Beendigung der Lektüre von "Sharpes Festung" durch den Kopf, dem chronologisch dritten Band der Reihe um den Fußsoldaten Richard Sharpe.
Bernard Cornwells Geheimrezept zum Erfolg bleibt mir weiterhin verborgen, denn der abermals extrem konstruierte und doch oft sehr ähnliche Handlungsverlauf wird es wohl kaum gewesen sein, der mich wieder einmal über Stunden ans Buch gefesselt hat. Was übt also die Faszination bei diesen Büchern aus? Mit Sicherheit Cornwells detaillierte, bildreiche Beschreibungen, sein unvergleichliches Talent Bewegungen wie Schlachten in einer Art und Weise aufs Papier zu bringen, wie ich es vorher noch nie erlebt hab. So ist es auch egal, dass der Autor das Grundkonzept "Kleine Schlacht - persönliche Probleme - große Schlacht" erneut verwendet, um Richard Sharpes Abenteuer im Indien des Jahres 1803 weiterzuerzählen.
Zwei Monate sind nach der gewaltigen Auseinandersetzung bei Assaye vergangen und die Konföderation der Marathen ist nach dem Sieg der britischen Truppen in Auflösung begriffen. General Arthur Wellesley, späterer Duke of Wellington, treibt den Feind vor sich her und kann ihn Ende November bei Argaum zum ersten Mal stellen. Mitten auf dem von Hirsefeldern durchsetzten Schlachtfeld befindet sich auch Ensign Richard Sharpe, dem seine lang erhoffte Beförderung bisher nur wenig Glück gebracht hat. Die Offizierskollegen des 74. Regiments, allesamt Schotten, meiden ihn wie der Teufel das Weihwasser, die Mannschaften führen nur mürrisch seine Befehle aus. Der Kommandeur "empfiehlt" eine Versetzung nach England zu einem neuen Scharfschützenregiment. Andere versuchen ihn zum Verkauf seines Offizierspatents zu überreden. Bevor Sharpe jedoch auf eines der Angebote eingehen kann, überschlagen sich die Ereignisse. Plötzlich fehlt es an Nachschub und Sharpe, dem man zur Versorgung abgeschoben hat, stellt eigene Ermittlungen an. Bei seinen Nachforschungen stößt er bald auf einen Namen - Obadiah Hakeswill. Die ewige Nemesis Sharpes, scheint mit dem Feind Geschäfte zu machen.
Ehe Sharpe jedoch Meldung machen kann, lockt man ihn in eine Falle. Zur gleichen Zeit, wir haben inzwischen Dezember, marschieren die Truppen Wellesleys nach Gawilghur. Eine indische Bergfestung, in der sich auch der Verräter Colonel Dodd verschanzt hat, und die als uneinnehmbar gilt. Sharpe muss sich seine Freiheit erkämpfen, um beim Sturm auf das Bollwerk an vorderster Front mit dabei sein zu können. Und um endgültig Rache an seinen Feinden zu nehmen...
Was folgt ist einmal mehr eine Kollage des Krieges auf Papier, die so nur Bernard Cornwell zeichnen kann. Unwillkürlich schiebt man selbst den Kopf in den Nacken, von der bildreichen Beschreibung der hoch auf dem Berg liegenden Festung fasziniert, die wahrlich keine Schwäche zu haben scheint. Doch wenn im Kampfeslärm schottische Infanterie zum Angriff einsetzt, ist es eben nicht nur jenes actionreiches Geplänkel das überzeugt, sondern auch die oftmals leisen Töne. Mehr als einmal können wir einen Blick in Sharpes Innenleben werfen, der mit den Folgen seiner Beförderung kämpft und zeigen will, dass er diese verdient hat. So ist der Sturm auf die Feste seine einzige Möglichkeit zur Rechtfertigung, wohl wissend, dass seine Rückkehr nach England, zum Regiment der grünberockten Schützen, bereits beschlossene Sache ist.
Cornwell lenkt hier die Handlung langsam in Richtung napoleonische Kriege, wo Sharpe sich ja mehr als einmal auszeichnen und an der Seite wichtiger Persönlichkeiten große Schlachten schlagen wird. Kleine und größere Schicksalsschläge muss er dafür auch diesmal wieder hinnehmen, wobei besonders die Einnahme Gawilghurs einige bewegende Momente enthält. Literarische Höhenflüge braucht man dafür hier nicht erwarten. Diese sind allerdings auch nicht vonnöten, um eine packende, stetig spannender werdende Geschichte zu erzählen, die historische Genauigkeit mit genau der richtigen Prise an Pathos und Heldentum verbindet.
Insgesamt ist "Sharpes Festung" ein erneut unheimlich lesenswerter, militärhistorischer Roman, der zwar nicht ganz die Klasse des Vorgängers erreicht, aber sich allein vom Setting her wohltuend von den anderen Bänden herausheben wird. Gute, nicht übermäßig tiefgründige Unterhaltung, die Cornwell wie immer mit einem äußerst informativen Nachwort abschließt.