Leser-Rezension zu „Rabensturm” von Bernhard Hennen
am 12.08.2011
Inhalt:
Der greise Märchenerzähler Mahmud kommt in die Stadt Fasar, um auf dem Teppichbasar eine Geschichte zu erzählen – die Geschichte der tragischen Liebe von Omar und Melikae. Omar ist der Sklave eines reichen Händlers und verzehrt sich heimlich nach dessen schöner Tochter, der Sharisad Melikae. Eine Sharisad ist eine Tänzerin, die mit ihrer Kunst eine Magie ausübt, die nicht nur Männerherzen zu beschwören vermag. Als Omar seinem Herrn bei einem nahezu aussichtslosen Kampf gegen einen Löwen das Leben rettet, will dieser ihm zum Lohn die Freiheit schenken. Doch Omar begeht den verhängnisvollen Fehler, dem Herrn seine Liebe zu Melikae zu gestehen. Er wird zur Hinrichtung verurteilt. Indessen soll Melikae gegen ihren Willen mit einem alten Mann verheiratet werden und will diesem Schicksal durch Flucht entgehen. Kann ihr Omar bei der Flucht durch die Wüste in ein besseres Leben beistehen, wenn sie ihm dafür in die Freiheit verhilft? Gemeinsam mit Melikas Zofe Neraida und ihrem Leibwächter Fendal machen sie sich auf den Weg…
Ist die Geschichte um Omar und Melikae nur ein Märchen, wie viele behaupten? Oder ist dies alles wirklich geschehen?
Meine Meinung:
Mein erstes Buch von Bernhard Hennen konnte mich rundum überzeugen und war ein wunderbares, fesselndes Leseerlebnis.
Schon nach wenigen Seiten war ich vollständig im Bann dieser märchenhaften Geschichte, die in einer orientalisch anmutenden, zauberhaften Fantasywelt spielt.
Die Romanhandlung ist in Aventurien angesiedelt, der Rollenspielwelt von „Das Schwarze Auge“, aber ich konnte der Geschichte problemlos auch ohne DSA-Kenntnisse folgen.
Der Roman verfolgt zwei ineinander verwobene Erzählstränge. Zum einen derjenige um den Märchenerzähler Mahmud, der die Geschichte um Omar und Melikae erzählt, die ihm sehr am Herzen liegt. Schnell merkt der Leser, dass Mahmud nicht nur das ist, was er zu sein scheint, dass er etwas zu verbergen hat. Und er scheint zu ahnen, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Doch was haben diese dunklen Vorahnungen zu bedeuten?
Überhaupt ist das gesamte Buch durchzogen von schicksalhaften Andeutungen, rätselhaften Träumen und Prophezeiungen, die den Leser gespannt darauf warten lassen, ob und wann sie sich erfüllen.
Der zweite Erzählstrang ist die von Mahmud erzählte Geschichte um Omar und Melikae. Sie steckt voller Magie, Krieg, Freundschaft und Verrat, Hass und Liebe und nicht zuletzt einer guten Portion Tragik. Ich möchte nicht zu viel verraten, deshalb werde ich keine weiteren Details preisgeben.
Sehr gut gefallen hat mir Bernhard Hennens wunderschöner und mitreißender Schreibstil, der kunstvoll und elegant, aber nicht sperrig ist, so dass von der ersten Seite an die Geschichte vor meinem inneren Auge wie ein Film ablief. Die dichte Atmosphäre ließ mich, einmal im Buch versunken, so schnell nicht mehr los.
Die Hauptfiguren Omar und Melikae machen während der über 900 Seiten des Romans eine tiefgreifende Entwicklung durch, die ich neugierig und begeistert verfolgte. Sehr oft bot die Geschichte Anlass, mit den Charakteren zu leiden – Bernhard Hennen geht mit seinen Protagonisten nicht eben zimperlich um.
Oft wusste mich das Buch zu überraschen, wenn nicht gar zu schockieren, viele unerwartete Wendungen lassen den Roman zu einem echten Erlebnis werden.
Und nicht nur die Hauptfiguren wuchsen mir ans Herz, auch die Nebenfiguren sind hochinteressant, liebevoll und ohne Schwarz-Weiß-Malerei gezeichnet, sind vielschichtig und stecken voller Geheimnisse. So manches Mal handeln die Charaktere nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte, aber dennoch immer nachvollziehbar.
Der Leser erhält Einblick in die Gedanken aller Figuren, hat oft einen Wissensvorsprung und weiß, was die Charaktere voneinander denken. Wie ein roter Faden ziehen sich die Themen Glaubens- und Standesunterschiede, Intoleranz, Vorurteile und gegenseitiges Misstrauen durch das Buch. Es wird mehrmals deutlich, dass nicht alles so ist, wie es scheint und dass es wichtig ist, auch mal hinter die Fassade zu blicken und den Menschen dahinter kennenzulernen. Dies verleiht dem Buch einen tiefsinnigen Aspekt, der zum Nachdenken anregt.
Fazit: Mit „Rabensturm“ erzählt Bernhard Hennen eine märchenhafte Geschichte, die mich immer wieder in seinen Bann ziehen konnte und mich oft zu überraschen wusste. Ein anspruchsvoller Fantasy-Roman mit Tiefgang, den ich nur empfehlen kann.

