Elisabeth Sturm, 17 Jahre alt, ist dazu gezwungen aus dem pulsierenden und schillernden Köln in das kleine und vor allem langweilige Kaulenfeld zu ziehen. Selbst Abenteuer scheinen einen Bogen um das Dorf im Westerwald zu machen. Oder doch nicht?
Ellies Eltern blühen an dem abgelegenen Ort regelrecht auf, doch Ellie eckt überall an. Die neuen Klassenkameraden betrachten sie als arrogante Großstadtzicke und die Großstadt hat sie schnell abgeschrieben: wenn sich ihre beiden ach so besten Freundinnen melden, habe sie und Ellie sich nichts Wichtiges mitzuteilen. Was sollte Ellie ihnen auch erzählen? Von der wunderbaren Natur? Die jedes Mal ihre Klauen nach ihr auszustrecken scheint und ihre Ausflüge in einer Katastrophe enden lässt? Oder von ihrer ständigen Müdigkeit, die immer öfters anklopft? Oder ihrer Flucht in ihre Tagträume?
Dann ist da auch noch Collin. Distanziert, kühl und unnahbar. Dennoch fühlt Ellie sich von ihm fasziniert, so sehr, dass ihre Abwehr gegen seine Ausstrahlung Risse bekommt. Selbst ihre Großstadtfassade, in die sie sich seit Jahren eingemauert hat, beginnt zu bröckeln. Collin sieht sie - nicht wie sie sich gibt, sondern wie sie ist.
Doch dann stellt Ellie Collin ihrem Vater vor und das aufkeimende Glück zerschmettert an dem Zorn ihres Vaters, als er Collin das erste Mal sieht. Ohne Umschweife wirft Leo Sturm den Freund seiner Tochter aus dem Haus und verbietet ihr jeden weiteren Umgang mit ihm. Fragen beantwortet er gar nicht erst. Seinen Plan schmiedete der Psychiater allerdings ohne seine Tochter.
Ellie macht sich auf die Suche nach Antworten und entdeckt das Geheimnis ihres Vaters. Ein Geheimnis, das sie und Colin viel mehr verbindet, als sie zu glauben wagte. Ein Geheimnis, das Collin und ihren Vater Leo zu Gegnern macht und am Ende ihr Leben gefährdet. Und plötzlich werden Ellies Träume zu einem Schlüssel, der die Türen des Rätsels zu öffnen scheint ...
Belitz malt farbenreich die Welt von Ellie und Collin aus, kleine Details stechen einem ins Auge, man fühlt den Sommerwind auf der Haut, spürt den Regen im Nacken und riecht den Wald, das Gras kitzelt unter den Füßen und die Spinnenbeine kribbeln ekelig. Durch ihren blumigen und ausschweifenden Stil gelingt es Belitz alle Sinne anzusprechen und mitzufühlen, was Ellie gerade fühlt. Doch manchmal könnte die Autorin auch auf das Gaspedal treten und sich nicht nur im Slow-Modus befinden.
Das Ideenrezept beinhaltet alles, was ich mir von diesem Jugendschmöker gewünscht habe: eine deutsche Autorin, eine Portion Neues, eine Prise Altbekanntes und der Verzicht auf die überwürzten Vampire. Stellenweise wirkte das Altbekannte ein wenig klischeehaft und Collin wurde zu dem typischen unnahbaren Fremden, aber die Idee der Nachtmahre rückt solche Empfindungen schnell in den Schatten.
Nicht nur bei den Beschreibungen der Natur beweist Belitz ihr Händchen für Details, sondern auch bei ihren Charakteren. Sie weisen Ecken und Kanten auf, der eine weniger, dafür der andere bisweilen auch zu viel.
Ellie erinnert an einen überempfindlichen Teenager, der oftmals nur sich und seine eigene gebastelte Welt sieht. Typisch in dem Alter und doch bleibe ich als Leser genau wegen Ellies Einstellung und ihrer Art ein wenig auf Abstand. Für ihre Freundinnen in Köln baute sie sich eine Fassade auf, die in Klauenfeld langsam einstürzt und die echte Ellie kommt zum Vorschein. Das macht sie tatsächlich sympathischer und ich als Leser beginne, sie zu mögen. Doch dann reagiert sie Seiten später über, wenn es um Collin geht: Beinahe schon besessen lässt sie nichts unversucht, an ihn heranzukommen und legt dabei eine Beharrlichkeit an den Tag, die erschreckend ist. Dazu weist Ellie eine Altklugheit auf, die ermüdend wirkt und sich leider auch an der Wortwahl der Autorin spiegelt. Zwar macht es Ellie und den Schreibstil authentisch und echt, allerdings stolpere ich beim Lesen, wenn ich nicht sofort weiß, was gemeint ist, weil Ellie mal wieder zu Worten greift, die nicht jeder Normalsterbliche in seinem täglichen Wortschatz nutzt.
Collins Unnahbarkeit und Distanz ist das, was nicht nur Ellie reizt, sondern auch den Leser. Trotz seiner Unterkühltheit ist er immer für sie da und das trägt gehörig zu seiner Sympathie bei. Genau diese Mischung hält die Autorin sehr lange aufrecht und schürt damit die Neugier. Als Leser will ich natürlich wissen, was Collin verbirgt und was sich hinter seine Coolness tut. Auch wenn Ellie die Protagonistin ist, ist es doch Collin, der dem Buch die richtige Würze einhaucht.
Leo Fürchtegott, der sich jetzt Sturm nennt, weist eine Stärke auf, die sich nicht nur in seinen Namen zeigt. Zwischen den Zeilen pulsiert eine Kraft, die das erste Mal ausbricht, als er Colin voller Zorn aus dem Haus wirft. Für Ellie, Collin und die Geschichte spielt er eine enorme Rolle, die dennoch so versteckt ist, dass er lange Zeit nebenher läuft. Vielleicht rückt er für mich von Beginn an in den Vordergrund, weil ich um seine Wichtigkeit weiß oder ich interpretiere viel mehr zwischen die Worte, als dort tatsächlich steht. Egal aus welchem Grund: Leo Fürchtegott stellt für mich seine Tochter und den Cambion Collin in den Schatten. Trotz seiner Geheimnisse und Verheimlichungen und trotz seiner „psychologisierenden“ Art ist er einer der stärksten Charaktere in dem Buch.
Ellies Mutter lernen wir nur stellenweise kennen, lange wirkt sie wie die typische umsorgende und liebende Mutter. Doch auch sie ist verstrickt in das Familiengeheimnis und wahrt den Schein von Normalität, obwohl sie weiß, wer ihr Mann ist. Mehr von ihr erfahren wir erst im zweiten und dritten Band.
Von Ellies besten Freundinnen und auch von ihren neuen Klassenkameraden sehen wir nur wenig. Es muss auch gar nicht mehr sein, das sie in ihrer Nebensächlichkeit umher wandeln und nicht wirklich wichtig für die Geschichte werden. Dennoch frage ich mich stellenweise, warum ich einzelne Charaktere detailliert beschrieben, bekomme, wenn sie die Wichtigkeit einer Zimmerpflanze haben. Doch zu Anfang weiß der Leser nicht, welche Charaktere eine spätere Rolle übernehmen und welche nur wie eine Sternschnuppe die Geschichte streifen. Ich als Leser versuche mir alles zu merken, verstricke mich in den Figuren und stelle am Ende fest, dass die meisten Klassenkameraden eine unwichtige Rolle übernehmen. Am Ende bleibt Tillmann übrig, von dem ich dann wiederum gerne mehr kennengelernt hätte. (Mini-Spoiler: Doch das holt Bettina Belitz im zweiten und dritten Teil nach).
Das Cover ist wunderschön gestaltet und lädt dazu ein überhaupt erst einmal zu dem Buch zu greifen. Viel mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen: durch und durch gelungen.
Eine schöne Mischung aus Liebesgeschichte, fantastischen Elementen und Spannung. Ebenso bunt gewürfelt zeigt sich die Geschichte: Stellenweise hebt sich die Spannung so sehr ab, dass man gar nicht erwarten kann umzublättern, an anderen Stellen wiederum versetzt es zu einem verschluckten Gähner. Schmunzler und Lacher an den richtigen Stellen, hier und da ein Stirnrunzeln und an anderen Stellen wiederum ein bekräftigendes Nicken, weil man genau mitfühlt, was Ellie gerade durchlebt. Die Geschichte um die Nachtmahre, Lassie (wie Collin mag ich diesen Spitznamen von Ellie am liebsten), Collin und Leo ist in ihrem Gesamtpaket ein überzeugender Auftakt zu einer Trilogie, macht Lust auf mehr und lässt sich wunderbar weglesen.
Vier von fünf Sternen
(c) Kristin