"Das erotische Talent meines Vaters" ist - sofern man Wikipedia da vertrauen kann - der vierte Roman des jungen Autors Björn Kern, ich halte allerdings zum ersten Mal eines seiner Bücher in den Händen. Somit blickte ich der Lektüre sehr unvoreingenommen entgegen und konnte im Grunde nicht enttäuscht werden.
Philip, der "Held" dieser kleinen Geschichte, macht sich von Berlin aus auf zum Bodensee, für den jährlich stattfindenden Besuch bei seinem Vater Jakob. Jakob und Iris, Philips Mutter, hatten sich vor etwa zwei Jahren eine Auszeit gegönnt, die nun in eine Trennung zu gipfeln scheint - so wirklich sicher ist sich da niemand. Vor seiner Abreise hatte Iris ihren Sohn gebeten, doch beim Vater mal Ohren und Augen aufzusperren und ihr ein aktuelles Stimmungsbild zu vermitteln - das alles natürlich diskret. Was Philip am Bodensee vorfindet, ist ein über die Maßen vitaler Vater, von zwei Damen umgarmt, die er regelmäßig verstößt, um sie später wieder an sich ranzuziehen. Seinem Sohn sagt er, er wolle allein sein, Zeit für sich haben, mal nur an sich denken - die Frauen würden nur stören, er fühle sich von ihnen verfolgt, wie folgendes Zitat zeigt:
"Die Frau vorhin... Kanntest du die?" [...]
"Wahrscheinlich kannte sie mich. Die kennen mich alle hier, die wollen alle nur eins."
"Sie hat doch nur -"
"Das ist so ein Trick: Erst schauen sie kurz rüber und dann zerren sie einen ins Bett." Er zögerte weiterzusprechen, ergänzte: "Mein Sohn!"
Doch in Philips Augen passt Jakobs Wunsch nicht zu seinem Verhalten und so wird sein Aufenthalt beim Vater zu einem verwirrenden Versteckspiel.
Mit "Das erotische Talent meines Vaters" hat Kern einen Roman vorgelegt, der sich gekonnt mit dem schwierigen Verhältnis zwischen diesem Vater und seinem Sohn beschäftigt. Auf Jakobs Seite unerfüllte Erwartungen an den Sohn, die Berufswahl und die Männlichkeit betreffend, auf Philips Seite Sorge und Kontrolle, ob beim Vater auch alles in richtigen Bahnen läuft und mitunter auch einfach nur die reine Verwirrung. Und doch ist die Rollenverteilung nicht so deutlich, wie sie manchmal scheinen mag, es gibt nicht nur Schwarz und Weiß.
Manchen Dialogen war schwer zu folgen, man musste mühsam suchen, was zwischen den Zeilen steht, was die Lektüre mitunter sehr erschwerte; Kerns Hang zu überlangen Sätzen war da auch keine Hilfe. Aber es hat sich gelohnt, ich fühle mich um ein Leseerlebnis bereichert - und was kann ein Autor sich schon mehr wünschen?