Über das Leben und das Sterben
Die Menschen werden immer älter, der Pflegebedarf nimmt zu. Düstere Prognosen der zunehmenden Vergreisung kursieren durch alle Medien. "Altersheim Deutschland" ist in aller Munde. Da kommt man kaum umhin, sich solch lakonische, ja erschreckende Fragen wie in Björn Kerns neuem, großartigem Roman "Die Erlöser AG" zu stellen:
Wie möchte man selbst seinen Lebensabend verbringen? "Lieber klug und lahm oder doch lieber blöd und vital?"
Die Tötung auf Verlangen ist ein Straftatbestand innerhalb der Tötungsdelikte des deutschen Strafgesetzbuches und zwar festgehalten im §216.
Der Schutzzweck der Norm ist einerseits der umfassende Lebensschutz, andererseits aber auch die Verhinderung von Euthanasie. So soll einer Relativierung des Lebens als objektives Rechtsgut entgegengewirkt werden. So zu lesen in der freien Enzyklopädie Wikipedia.
Die Abschaffung genau dieses Paragrafen 216 wird in Björn Kerns neuem Roman "Die Erlöser AG" auf einer Bundespressekonferenz - nach vorangegangener Entscheidung des Parlamentes mit 451 zu 123 Stimmen - verkündet.
Der Leser wird in ein Berlin der nicht näher genannten Zukunft versetzt, in ein Jahr "in dem erstmals mehr Neunzigjährige die Bundesrepublik bevölkerten als Zwanzigjährige, in dem erstmals mehr Greise gefüttert würden als Babys gesäugt, in dem erstmals mehr als eine halbe Million Hundertjährige der Pflege bedürften."
Auf den Straßen der Hauptstadt fahren kaum noch Autos und wenn, dann hauptsächlich Krankentransporte, "auf den Bürgersteigen humpelte man seinen Gehböcken hinterher, Speichel tropfte, Gebisse malmten, es lebten bereits mehr Demente in der Stadt als Jugendliche."
Im Westen der Stadt hat man ein "Altenghetto" errichtet, um dem "Heer der hilfsbedürftigen Greise" Herr zu werden. Ist man erst einmal drin, kommt man so leicht nicht wieder heraus.
Auf obiger Pressekonferenz lernen sich der ambitionierte Journalist und Enddreißiger Paul Kungebein und Hendrik Miller - Vorsitzender der Ethikkommission und Oberarzt der Charité - kennen. Miller will auf Grund dieser Gesetzesänderung seine Vision Wirklichkeit werden lassen: die Gründung einer Agentur für aktive Sterbehilfe.
Er zieht Kungebein mit ins Boot und schaltet seine erste Zeitungsanzeige.
Nicht das Leben an sich sei das höchste Gut, sondern das bis zum Schluss selbstbestimmte, ist seine Devise. Maschinen verlängern nicht das Leben, sondern das Leiden und für circa Zehntausend Euro (inklusive aller Nebenkosten wie Trauerfeier und Beerdigung) erhält man eine kleine Spritze Pentobarbital nebst vorangegangener Betäubung.
Natürlich alles nach vorausgegangenem Beratungsgespräch, vierteljährlicher "Bedenkzeit" und schriftlich selbstbekundetem freien Willen.
Nach anfänglichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten schwimmt die Agentur - auch durch Unterstützung in den Medien - auf der Erfolgwelle. Kungebein und Miller - mittlerweile Marktführer in ihrem Gewerbe - müssen Personal einstellen, um die steigende Nachfrage zu befriedigen.
Doch was ist mit Kungebeins eigenem dementem Vater, den er zu Hause pflegt und der sich im Endstadium der Krankheit befindet?
Wäre es nicht besser für ihn, auch von seinem Leiden erlöst zu werden?
Artikulieren kann er sich jedoch nicht mehr.
Es müsste doch auch möglich sein, so die Überlegungen der "Erlöser AG", dass nahe Verwandte den "eigenen" Willen des Patienten bekunden dürfen…
Euthanasie wider Willen?
Björn Kern inszeniert für den Leser ein verstörendes, fast traumatisierendes Zukunftsszenario.
Fragen über das Leben als höchstes Gut des Menschen und seine Selbstbestimmung werden in den Raum gestellt, genauso wie die Euthanasie.
Was ist Humanität? Wo fängt Mord an, wo hört Leidminimierung auf. "Fünf Tote, die nicht mehr zu leiden hätten, sparten so viel Leid ein, dass bei einem Dementen, oder einem Verrückten vielleicht, der gegen seinen Willen getötet werde, die Bilanz noch immer positiv ausfalle", so Hendrik Miller.
Leben und Tod als simple Algebra?
"Niemand habe das Recht, ein fremdes Leben zu beenden" setzt Millers Tochter, die in eben jenem "Altenghetto" als Stationsschwester arbeitet, entgegen. "Niemand dürfe sich mit dem Schöpfer auf eine Stufe stellen." Denn was kurz vor dem Tod im Kopf des Patienten vor sich geht, weiß niemand.
Das Leben zu relativieren sollte niemand versuchen.
"Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen." Hippokrates
Björn Kern setzt sich mit einem hochaktuellen und brisanten Thema auseinander: Das Pro und Kontra der aktiven Sterbehilfe.
Auf der einen Seite stehen die Befürworter, die betonen, dass der Wille des Patienten in allen Fällen die Zulässigkeit einer medizinischen Maßnahme definiert, dass aber ausgerechnet in der Frage, wie und wann zu sterben, diese Entscheidungshoheit genommen würde. Erkrankte seien hilflos der teilweise als unmenschlich und sinnlos empfundenen Sterbephase ausgesetzt.
Menschen würde etwas verwehrt werden, was jedem leidenden Hund selbstverständlich zukomme.
Die Gegner wiederum betonen, dass es eine Pflicht zur Leidensminderung nur als Teil der Pflicht zur Lebenserhaltung gibt, jedoch kein Recht auf Tötung. Außerdem sei die existentielle Bedrohung gerade geeignet, eine rationale Entscheidung unmöglich zu machen.
Diese Kontroverse begleitet den Leser während der Lektüre und darüber hinaus. Das Buch erzeugt eine Vielzahl an suggestiven Bildern, die fordern und zum Nachdenken und Positionieren anregen.
Björn Kern ist ein großartiges Buch gelungen. Eingebettet zwischen Liebe und Leid erzeugt er ein skurill-erschreckendes Szenario. In ausdrucksstarker Prosa, immer mit einem Schuss Ironie und Humor, macht er das Thema "leseverträglich".
"Die Erlöser AG" entfaltet einen unglaublichen Erzählsog. Das Buch ist spannend, sehr bewegend und gleichzeitig radikal nüchtern.
Alle Figuren sind äußerst brillant und mit Liebe zum Detail gezeichnet.
Eine unbedingte Leseempfehlung!
Bereits in seinem zweiten, vielgelobten Roman "Einmal noch Marseille" (2005) setzte sich Björn Kern mit dem Sterben auseinander. Der Autor arbeitete in einem psychiatrischen Pflegeheim in Südfrankreich.