Immer wieder sonntags oder ein großes Problem in viele kleine Lösungen aufteilen
Der Roman „Wir werden zusammen alt“ von Camille de Peretti
Wie lässt sich das Schreiben eines im wortwörtlichen Sinne vielseitigen Romans bewerkstelligen? Indem man diesen in möglichst viele kleine Kapitel unterteilt und sie dann episodisch ausfüllt. So hat sich das die Autorin Camille de Peretti wohl gedacht und es dementsprechend in ihrem Roman „Wir werden zusammen alt“ umgesetzt. Diese Bewältigungsstrategie hat sie gleich auf den ersten Seiten auch einer ihrer Figuren mitgegeben: „Er hat eine Liste mit praktischen Fragen vorbereitet. Das war schon immer sein Rettungsanker. Ein großes Problem in viele kleine Lösungen aufteilen.“ Die vielen kleinen Lösungen kommen im Viertelstundentakt eines einzigen Tages daher. De Peretti kommt so auf stolze vierundsechzig Kapitel auf zweihundertsiebenundsechzig Seiten, ohne den Anhang gerechnet, in dem sie sich auf ein Regelwerk von Georges Pérec bezieht, das ihrem Roman als Gerüst zugrunde liegt. Mit jedem der chronologisch aufeinanderfolgenden Kapitel wechselt sie auch den Raum und die sich darin befindenden Personen.
Um was geht es eigentlich in diesem Roman? Um das Leben und die Beziehungen von Menschen in vorgerückter Lebenszeit unter einem Dach. Es ist das Alter mit seinen Gebrechen, der Vergesslichkeit, der Einsamkeit und dem Tod, dessen sich die französische Autorin annimmt. Doch der Roman kann noch mit weitaus mehr Themen aufwarten. Es wimmelt nur so davon, denn die Personen haben eine Vergangenheit hinter sich, die auch nicht immer einfach war. Da erfährt man von der Vernachlässigung durch die Mutter, sexuellem Missbrauch durch einen Onkel, einem ungeliebten Pfarrersgatten und nie geliebten Kindern, einer jahrzehntelangen Ehe, in der die Frau unbemerkt jungfräulich blieb.
Von den Personen, Räumen, Aufzählungen, Platz schindenden Listen und Tabellen kann es einem ganz schwindlig werden. Wie bei einem Mobilé über einem Kinderbettchen wippen und tanzen die Personen mit ihren mehr oder minder tragischen Geschichten an dünnen Fäden hin und her, auf und ab. Ohne dass man sie länger in Ruhe betrachten könnte und ohne weitere Bewegungsfreiheit für diese selbst. Im Roman können sie auch nur von einem Raum zum anderen tappen, mithilfe des Rollators oder im Rollstuhl, denn sie befinden sich allesamt in der Residence Les Bégonias, einem Altenheim, einem Wartesaal zum Tod. Doch soll es bei diesem düsteren Thema wenigstens unterhaltsam zugehen. Und so wird unter den Bewohnern getratscht, geneidet, konkurriert und wie in einem richtigen Arztroman darf freilich auch die Liebe und das Abenteuer nicht zu kurz kommen. All das an einem wolkenverhangenen Sonntag an einem ersten Oktober. Es ist Herbst – gleichsam eine semantische Anspielung.
Womit wir bei der Sprache sind. Fangen wir beim Titel an, der bereits dieses vereinnahmende Wir enthält. Wohlwollend interpretiert könnte es zur Örtlichkeit passen, spiegelte es denn die Ausdrucksweise ironisch wider, derer sich mancher Arzt bedient: „Rauchen wir? Hatten wir Stuhlgang?“ Diese vermeintliche Empathie, die letztlich von Überheblichkeit zeugt, weil sie wenig zu differenzieren vermag zwischen der eigenen Person und dem Gegenüber, durchzieht das ganze Buch. Camille de Peretti, eine schöne und junge Autorin, hat Ahnung vom Leben im Alter. Sie schildert die Bedürfnisse, Gedanken und fehlgeschlagenen Hoffnungen ihrer Protagonisten. Dagegen ließe sich nichts einwenden, schließlich hat die Autorin die Freiheit der Gestaltung und des Inhaltes. Doch an Glaubwürdigkeit der Figuren mangelt es allemal und keine der Personen eignet sich zur Identifikation. Der Sprachstil ist flott und unpräzise, gespickt mit Adjektiven „umfangreichen, geblümten Busen“, „zwischen wollüstigen Schultern“, Floskeln „so ein Weibergezänk geht ihm über die Hutschnur“, Klischees „die typische Aggressivität der kleinen Dünnen mit harten Brüsten“, Metaphern „mit der vollendeten Grazie eines gestrandeten Wals“ und jeder Menge seitenlanger Aufzählungen jeglicher Art. „Links in einem Metallregal sprüht ein kosmetisches Feuerwerk: Haarlackspray, Indestructible Modellierspray, goldbrauner Schmeichel-Schaum mit Wet-Effekt, Creme-Schaum-Tönung mit Farbglanz-Pigmenten, Linde-Jojoba-Masken für Kräftigung und Beruhigung, Ocean-Fresh-Shampoos mit Algenextrakt, zärtliches Seiden-Aminobaustein-Flüssigshampoo mit Waldbeerenduft, Glanzlicht-Lotion mit Super-blond-Effekt ...“. Ein Buch wird doch vor dem Veröffentlichen lektoriert, sollte man meinen. Man fragt sich auch, ob der Übersetzer zu den Ungereimtheiten beigetragen hat, oder ob der Originaltext noch schlimmer ist.
Aus welchen Erfahrungen und Recherchen hat Camille de Peretti für ihren dritten Roman geschöpft, um ein so dringliches und allgegenwärtiges Thema wie das Alter und den Tod so zu trivialisieren? Ist die Autorin gar selbst die Figur der Camille, die im Roman Nini versprochen hat, ein Buch über deren Leben zu schreiben?
Wer in einem Altenheim war, weiß um die Gerüche dort. Nicht nur in Altenheimen, auch in anderen Institutionen, wie Kindergärten und Kliniken sind es die Gerüche, die beim Betreten einen nicht darüber hinwegtäuschen lassen, wo man sich befindet. Doch von diesen Gerüchen ist bei de Peretti nicht zu lesen. Wer tatsächlich mit älteren Menschen spricht, könnte zudem wissen, dass es weniger der eigene Tod ist, den sie fürchten, als der Schmerz des Abschieds von nahestehenden Menschen. Man ist immer mehr allein, weil andere vor einem sterben. Die Zahl der Freunde unter den Toten nimmt zu.
Hat man den Roman von de Peretti zu Ende gelesen, kann man den Titel nur noch als Drohung empfinden, dieses gemeinsame Altwerden. Es graut einem bei dem Gedanken, eines Tages in einer solchen Residenz hausen zu müssen, in der es nur noch abgegriffene Boulevardzeitschriften zu lesen gibt. Allenfalls als Vorlage eines Schlagertextes taugt dieser Roman: Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung ...