Es war ungeheuer schwierig für mich, mich auf eine Sterne-Zahl für dieses Buch festzulegen. Denn innerlich bin ich ein wenig zerrissen. Heute begreife ich sehr gut, warum sich der deutsche Fischer Verlag dazu entschloss, zuerst die beiden anderen Jugendromane von Zafón herauszubringen, und diesen zuletzt, obwohl er doch in Spanien als der mittlere Band der Trilogie erschien. Einerseits ist es eben ein typisches Zafón-Buch, auch typisch im Sinne seiner Jugendbücher; und andererseits geht es schon ein wenig darüber hinaus. Und was dabei im Endeffekt herauskommt, nun, das werden eingefleischte Zafón-Leser sowieso mögen - doch kritische Geister wie ich werden sich auch an dem einen oder anderen Aspekt reiben. Lasst mich das näher erläutern.
Alle üblichen Ingredienzen sind vorhanden. Ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit. Kinder, die es aufdecken. Mystische und gruselige Szenen en masse. Freundschaften, die auf die Probe gestellt werden. Gefahr. Und den obligatorischen Todesfall gibt es auch. Doch je mehr ich darüber nachdenke, finde ich, hierbei hätte es der Autor belassen sollen. Er hat sich im "Mitternachtspalast" etliche Abweichungen von seinem Erfolgsrezept erlaubt.
Zuerst einmal der Titel. Ich kann mir einfach nicht helfen, aber ich werde den Gedanken nicht los, dass Zafón sich von Rushdies "Mitternachtskindern" hat inspirieren lassen. Sicher war der Kontext ein anderer, doch ging es auch bei Rushdie um einen verschworenen Verein, der sich des Mitternachts trifft - wenn ich mich da richtig erinnere.
Ich finde auch, dass dem Buch die Verpflanzung in einen völlig anderen, neuen Kulturkreis, nämlich Kalkutta in Indien, nicht unbedingt gut getan hat. viel besser, weil glaubhafter, fand ich die beiden anderen Bücher, in denen es um namenlose Kleinstädte an der Küste ging - das bot so herrlich viel Raum für die Identifizierung. Hier ist das schwerer, zumal der Autor zwar mit Straßennamen und Ähnlichem um sich wirft, aber dennoch für mich der Charakter einer indischen Stadt nicht wirklich rüberkommt (ich kenne Leute, die schon öfter in Indien waren!). Dann hätte er besser das neblige London gewählt, dort wäre die Handlung für mich glaubhafter gewesen.
Eine wirklich einschneidende Veränderung finde ich die Idee, diesmal nicht nur ein Geschwisterpärchen, sondern eine Bande von 6 Freunden, einen Club (die "Chowbar-Society") ins Rennen zu schicken. Sicher, das erlaubte es Zafón, an den entsprechenden Stellen die Handlung zu splitten, und den einen hierhin, den anderen dorthin laufen zu lassen. Aber insgesamt finde ich, dass dadurch die Charakterisierung der einzelnen Figuren viel dürftiger ausfiel. Ich zumindest wurde mit keiner der Figuren so richtig warm. Es wirkte ein wenig künstlich - wie "TKKG in Indien".
Ein anderer Rezensent hat die dürftigen Dialoge schon angesprochen, und dem möchte ich beipflichten. Sicher, ein Jugendbuch hat eine angemessene Sprache zu verwenden - doch in den beiden anderen Bänden hat es doch auch funktioniert, und zwar besser! Hier habe ich mir manchmal die Haare gerauft, wie hölzern und vorhersehbar manche Sätze waren. Sehr, sehr schade war auch, dass die entscheidenden "Auflösungen" alle in sehr unglaubwürdigen Szenen vorgebracht wurden - mindestens vier mal im Buch hält eine Person einen ellenlangen Monolog, was der Handlung unglaublich an Tempo nimmt. So nach dem Motto, "Kinder, lasst mich euch mal erklären, wie das damals war". Das wirkte auf mich sehr bemüht. Wie eine taktische Notlösung des Autors!
Die letztliche Identität des "Bösewichts" in diesem Buch, ja, das war auch so eine Sache. Die habe ich schon nach der Hälfte des Buches treffsicher erraten. Ich will hier nicht zu viel verraten; ich gebe nur einen Hinweis: Robert Louis Stevenson hatte damals in etwa dieselbe Idee...
Was mich dann mit dem Buch doch wieder halbwegs versöhnt hat, war der viel ernstere Anspruch, der sich im Rückblick einstellt. Die Gesamtaussage ist eine andere als in den beiden übrigen Bänden. Auch hier geht es ja um einen bösen Geist, doch erstens opfert sich hier jemand freiwillig (!), und zweitens gibt es am Ende für diesen Geist so eine Art "Erlösung". Auch war der letzte der vier Handlungsabschnitte von der Spannung her recht ansprechend aufgebaut, auch wenn man über die Logik der Ereignisse sicherlich diskutieren kann.
Insgesamt kann ich nur sagen, dass ich es zwar nicht direkt bereut habe, mir dieses Buch anzuschaffen - denn es nimmt zweifellos seinen Platz im Gesamtwerk Zafóns ein. Doch wäre es von einem anderen Autor als einzelnes Werk erschienen, dann hätte ich mich geärgert.