Leser-Rezension zu „Wir Ertrunkenen” von Carsten Jensen

Rezension als hilfreich gekennzeichnet: (4)

WinfriedStanzick WinfriedStanzick
Verfasst von WinfriedStanzick
am 30.12.2011
 

Insgesamt fünf Jahre hat der bekannte dänische Kritiker und Essayist Carsten Jensen an diesem monumentalen Roman gearbeitet, mit der er seiner Heimatstadt Marstal und seinen Bewohnern ein literarisches Denkmal setzt.
Der grandiose Roman umfasst einen Zeitraum von 1848 bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und erzählt die Geschichte des Aufstiegs und des Niedergangs der Hafenstadt Marstal und dokumentiert die Geschichte der Seefahrt in diesem Zeitraum.

Die Geschichte beginnt 1848, als der Seemann Laurids Madsen bei einem Schiffsunglück in den Himmel fliegt und ohne Schaden lebend wieder zur Erde zurückkommt. Später wird er immer wieder erzählen, es seien seine Stiefel gewesen, die für das Leben da oben zu schwer waren. Die Stiefel des Laurids Madsen werden später von seinem Sohn Albert getragen, der sich irgendwann in die Südsee aufmacht um seinen Vater zu suchen, der nicht mehr nach Marstal zurückgekehrt ist.

Das Vaterthema ist einer der Schwerpunkte eines bewegenden Romans, der einen trotz seiner Länge einfach nicht loslässt.

Jensen erzählt von Menschen, deren Leben vom Meer bestimmt ist; Männer und jungen Burschen, die jahrelang von zu Hause weg sind und oft nicht mehr wiederkehren: "die Ertrunkenen." Er nutzt ein kollektives Wir" als Erzählerstimme, mit der er dem Roman einen ganz persönlichen Charakter gibt.
"Das 'Wir' weiß immer alles, denn so ist es in einer kleinen Stadt, und was man nicht weiß, dichtet man dazu. Das nennt man Klatsch. Durch das 'Wir' habe ich auch das Problem mit dem Tod gelöst, er spielt nun keine Rolle mehr. Individuen sterben, aber die Bevölkerung einer Stadt nicht. Die Personen sind gleichzeitig eindeutige Individuen, mit ganz individuellen Lebensläufen und dennoch Teil eines kollektiven 'Wir'", sagt der Autor in einem Interview.

Die Sprache und der Sprachstil des erzählenden Wir verändert sich mit der Zeit, passt sich sozusagen der fortschreitenden Zeit und den sich verändernden Schiffen und dem wachsenden Marstal an.

Es ist ein bewegendes Buch von Männern und Jungen, der Seefahrt und von Schiffen und von starken Frauen, die zu Hause bleiben und dort sehen müssen, wie sie zurecht kommen. Als Albert Madsen eines Tages Klara und ihren Sohn Knud Erik kennen lernt, nimmt die Geschichte eine dramatische Wendung. Klara will verhindern, dass ihr Sohn zur See fährt und so wie ihr Mann dort sein Leben lässt, "zu den Ertrunkenen" geht. In diesem Bestreben ist sie als Erbin von Alberts Vermögen unerbittlich.

Die Geschichte dieser Frau und ihrer verzweifelten Anstrengungen ist ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt eines Buches, das sich gut einfügt in dien Tradition des Knaus-Verlags, hervorragende und doch quer zum Trend liegende Literatur zu veröffentlichen.

Gratulation zu diesem wunderbaren Werk, dem man mehr Beachtung wünschen würde.

Ich jedenfalls machte die Nacht zum Tag, um es zu Ende zu lesen.

 

Dein Kommentar zu dieser Rezension

Wir Ertrunkenen Wir Ertrunkenen
Carsten Jensen

(7)  

14 Bibliotheken, 0 Leser, 4 Gruppen, 3 Rezensionen

seefahrt, deutschland, dänemark, seeleute, 1848-1945

Kaufen bei amazon.de
Wir Ertrunkenen
von Carsten Jensen

Teilen