Rezension zu "Wir Ertrunkenen" von Carsten Jensen

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Babscha

Vor 1 Jahr

(9)

Mit den Kriegsbegebenheiten zwischen Deutschland und Dänemark 1848 startet dieses ganz spezielle Epos, und es endet 1945 mit dem Ende des zweiten Weltkriegs und einer großen Feier, zu der die ganzen Protagonisten aus den vergangenen hundert Jahren noch mal Revue passieren dürfen. Und das sind einige. Locker angelehnt an tatsächliche historische Begebenheiten, ansonsten aber rein fiktiv erzählt der Autor die Geschichte der Stadt Marstal auf der dänischen Insel AEro und seiner Bewohner. Stilistisch geschickt stellt der Autor in dem erzählten Zeitraum von etwa drei Generationen nacheinander einige Hauptprotagonisten in den Mittelpunkt, um deren Schicksal sich das Geschehen rankt, das zumeist aus der zwar unpersönlichen Wir-Perspektive irgendwelcher zeitgenössischer Erzähler berichtet wird, aber trotzdem einen engen persönlichen Bezug des Lesers zur story ermöglicht. Basis der ganzen Geschehnisse des Buches ist immer der enge Bezug, die Hassliebe und die Abhängigkeit der Inselbewohner von Meer und Seefahrt, bei der sich die Männer von klein auf nichts anderes vorstellen können, als genau wie ihre Väter und Vorväter zur See zu fahren und monate-, manchmal jahrelang von ihren Familien getrennt zu werden, während ihre Frauen zuhause das Überleben der Familie sicherstellen müssen und jederzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit damit rechnen müssen, als Witwe zu enden, was beim damaligen Stand der Segelschifffahrt sehr einleuchtend ist. Mal schön und idyllisch, dann wieder rauh und brutal handeln die Episoden von kleinen und großen Entwicklungen, von der Blüte und dem Niedergang einer Stadt am Meer, von lebenslang andauernden Jugendfreundschaften, Familiendramen, weltpolitischen Verwicklungen, die auch die kleine Ostseeinsel nicht verschonen, von Verrat und Rache, von starken Frauen, die sich mit aller Macht gegen ihr aufgezwungenes Schicksal stemmen, und immer, immer von der allgewaltigen See, die vor nichts und niemandem Respekt hat und sich die „Ertrunkenen“ nach eigenem Ermessen aussucht.

Ein außergewöhnliches, epochales und intensives Werk mit einigen sehr fein und liebevoll gezeichneten Figuren, welches dem Leser die harte und entbehrungsreiche Welt der Seefahrt sehr intensiv nahe bringt und dessen gelegentlich etwas langatmige Passagen durch den Zauber großer Erzählkunst an anderer Stelle mehr als wettgemacht werden.

Autor: Carsten Jensen
Buch: Wir Ertrunkenen
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