Leser-Rezension zu „The Book of Tomorrow” von Cecelia Ahern
am 15.02.2011
Tamara Goodwin ist eine sechzehnjährige Jugendliche aus gutem und vor allem reichem Hause, die sich keinerlei Gedanken über das Morgen macht bzw. machen braucht. Sie hat mehr, als sie braucht, und glaubt es sogar gerechtfertigt. Das alles ändert sich jedoch schlagartig mit dem Selbstmord ihres Vaters, wodurch sie und ihre Mutter vor dem vollkommenen Ruin stehen. Sie sind gezwungen, zu Verwandten ihrer Mutter aufs Land zu ziehen. Das Zusammenleben mit Arthur (ihrem Onkel) und Rosaleen (ihrer Tante) birgt zuerst Eintönigkeit, bis Tamara durch Zufall ein Tagebuch erhält, das ganz anders ist als normale Tagebücher, die man mit den eigenen Gedanken füllt. Ab dann beginnen die Merkwürdigkeiten sich zu häufen und das Verhalten ihrer Tante wird immer auffälliger.
Nachdem ich mich sträubte, "PS: I love you" zu lesen, da ich selten etwas in die Hand nehme, das verfilmt bzw. nachhaltig zum Film geschrieben wurde, wollte ich dennoch Ahern eine Chance geben und griff nach eben jenen Buch. Ich entschied mich für die englische Variante, da ich glaubte, dass Aherns Stil so noch besser zum Tragen käme.
Es ist eine wunderbar flüssige Lektüre, die in der Ich-Perspektive verfasst ist, und der es an bissigem Sarkasmus und Ironie nicht fehlt, aber auch tiefgründige Gefühle beinhaltet. Von Anfang an ist ersichtlich, dass Tamara ein verwöhntes Mädchen ist, das sich nicht an ihre neue Situation gewöhnen will, und es auch nur schwer kann. Zum einen macht sie diese Schwäche ungemein sympathisch, andererseits gibt es auch Momente, bei denen man einfach nur die Augen rollen möchte. Aber eben gerade, dass sie nicht perfekt ist, sogar den Leser "auf die Palme" bringt mit ihrem unangebrachten Verhalten, ihrem Dickkopf und ihrem Leichtsinn macht sie in meinen Augen ungemein menschlich und liebenswert. Leider gelingt es Ahern nicht durchweg, diesen Eindruck beizubehalten, denn manchmal wirkt Tamaras Person nicht authentisch, sondern aufgesetzt und unecht. So, als habe Ahern versucht, ein reiches Itgirl im Teenageralter darzustellen, ohne genau zu wissen, wie sie dies anstellen solle. Denn Tamara neigt schon nach kurzer Zeit dazu, sich mit Dingen des alltäglichen Lebens abzufinden, die sie aus ihrem Umfeld gar nicht kennen dürfte und die unter ihrem Lebensstandard sind (z.B: kocht sie zum ersten Mal für Rosaleens Mutter und macht dies mit einer Souveränität, dem ich niemanden zutrauen würde, der es nie nötig hatte, auch nur in der Küche zu stehen; aber dies ist nur ein kleines Beispiel.)
Wunderbar fand ich auch die vielen Running-Gags Rosaleen betreffend, die ihren Lebenssinn nur darin sieht, sich für andere aufzuopfern, sodass ihre Mitmenschen abhängig von ihr werden. Sie kocht so viel, dass eine Horde Menschen davon satt würden und ist nicht in der Lage, jemanden (speziell nicht Tamara) auch nur eine einzige Sekunde aus den Augen zu lassen. Warum sie dies tut, wird später noch geklärt.
Ahern versteht es außerdem, Tamaras Zwiespalt in ihrem Wunsch, ihrer Mutter zu helfen, und sich aber auch mit den merkwürdigen Geschehnissen, die ihr passieren, auseinander zu setzen, darzustellen. Manchmal jedoch scheint sich Tamara zu leicht damit abzufinden, dass Rosaleen sehr viel verbirgt, offensichtlich lügt und dass das Tagebuch alles andere als normal ist. In meinen Augen bräuchte man viel mehr Zeit, um all dies zu verarbeiten, und vor allem wäre man schon gleich zu Beginn viel misstrauischer gegenüber Rosaleen. Tendentiell glaube ich auch, dass gerade Tamaras Person schon viel früher für scharfe Auseinandersetzungen gesorgt hätte. Es wird immer wieder angedeutet, dass sie ihren Vater früher oft verletzte, ohne dabei wirklich reumütig zu sein, aber schnell empfindet sie gegenüber Rosaleen ein schlechtes Gewissen. Natürlich ist sie auf sie angewiesen und hat eine Hauspfändung hinter sich, aber eine solch rasante charakterliche Entwicklung macht kaum jemand durch, besonders kein pubertärer Teenager.
Zu der Auflösung der Geheimnisse des Buches möchte ich folgendes sagen: Nachdem ich von Laurie erfuhr, wurde für mich persönlich das Rätsel recht schnell klar, ich hatte sogar schon recht früh meine Vermutungen. Persönlich finde ich, dass das Geheimnis nicht so gut verborgen wird, wie Ahern es vielleicht beabsichtigt hat. Es ist eine interessante Idee, aber nicht neu und für mich einfach zu offensichtlich.
Im Generellen möchte ich zusammenfassen, dass es ein gutes Buch ist, für leichte Lesekost nebenbei. Es ist spannend, zumindest zu Beginn, aber es verliert sich zu früh, da die Andeutungen doch zu groß geraten sind. Die Figuren hingegen sind sehr liebevoll gestaltet, und besonders Schwester Ignatius hat es mir angetan. Sie ist eigentlich mehr eine Nebenrolle, die im Verlaufe des Buches an Bedeutung gewinnt, und sie ist ein sehr interessanter Charakter, mit Tiefe und einem ganz eigenen Flair. Auch das Tagebuch war für mich ein interessanter Bestandteil, sorgt es doch dafür, dass ein bekanntes Dramenschema neu interpretiert wird. Dennoch würde ich es wohl nicht weiterempfehlen.

